Leidensmusik die Fülle

Musikalische Herzensstücke zur Passion – eine persönliche Auswahl
Foto: Rolf Zöllner

Heute ist Gründonnerstag, der engere Passionsfestkreis beginnt, und dafür gibt es eine verschwenderische Fülle wunderbarer Musik. Reinhard Mawick, Chefredakteur von zeitzeichen, ist mit viel Passionsmusik groß geworden und lebt bis heute davon und damit. Er gibt ein paar kommentierte musikalische Empfehlungen für die nächsten Tage, die in diesem Jahr leider kaum „live“, aber wenigstens doch digital gehört werden können.

In den ersten Monaten des Jahres 1977 sammelte ich als Zehn- bis Elfjähriger passionsmusikalische Kindheitserfahrungen, die sich tief eingruben und auf denen ich seitdem aufbaue: Damals war ich endlich in die Kantorei meiner Heimatstadt gekommen – aufgerückt nach drei Jahren „nur“ im Kinderchor. Ende des Vorjahres hatte ich bereits bei Bachs Weihnachtsoratorium mitsingen dürfen – allerdings nur die Choräle – alles andere war wohl noch zu schwer. Aber dann kam die Passionszeit und Bachs Johannespassion stand auf dem Programm. Nun durfte ich endlich alles singen – und natürlich zuvor in sehr intensiven Proben einstudieren.

Wahrscheinlich beeindruckten mich schon damals der großartige Eingangschor „Herr unser Herrscher“ und der anrührende Schlusschor „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“. Aber erinnern kann ich nur noch, dass mich damals ein Choraltriptychon besonders faszinierte, eine Dreiheit, mit der ich bis heute in musikalischer Kurzform meinen Glauben bekennen könnte. Zum einen den Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“: Irgendwann als Erwachsener erfuhr ich, dass dieser Choral das Zentrum ist, um das herum die ganze Johannespassion axial komponiert ist, und schon lange philosophiere ich darüber, ob man besser „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen“ oder „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen“ singen sollte – es gibt da verschiedenen Versionen. Ich hoffe ersteres, aber denke, letzteres ist auch nicht falsch. Wie auch immer, es ist eines der schönsten Choralsätze der Welt!

Als zweites dann das in blattgoldenem Es-Dur geschriebene „In meines Herzens Grunde, dein Nam und Kreuz allein“. Schon damals, 1977, fesselte mich die Konsonanz und Schönheit der vertonten Vokalfolge „funkelt all‘ Zeit und Stunde“, und dann die Quartsextparallelen auf „Bilde“ bei „ Erschein mir in dem Bilde zu Trost in meiner Not“ – wunderbar beruhigend, tröstend, kräftigend.

Und als drittes und letztes dann dieser gigantische Schlusschoral, ebenfalls in Es-Dur, aber ganz anders: „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ – einfach nur wow. Außerdem ist „Ach, Herr“ das einzige Stück dieser Passion, das ein Eigenleben außerhalb des Gesamtwerkes entfaltet hat als vielmals gesungener Beschluss von Trauergottesdiensten. „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ erklingt, wenn gesprochene Worte wirklich nichts mehr sagen können, und der Choral endet mit flehender Bitte und eigener Glaubenszusage: „Herr Jesu Christ / erhöre mich / ich will dich preisen ewiglich!“ – wobei die Wiederholung des „erhöre mich“ ein besonderer Geniestreich Bachs ist, den ich bis heute immer wieder bewundere.

Winzigkeiten aus großem Kosmos

Das sind nur drei Winzigkeiten aus dem Kosmos der Johannespassion, die an diesem Tage oder am Karfreitag und durchaus auch noch am Karsamstag gehört und miterlebt werden kann, leider dieses Jahr wohl kaum „live“, sondern wie so vieles seit über einem Jahr nur digital. Gottlob gibt es auf YouTube eine reiche Auswahl von Ganzfassungen, empfohlen sei die tolle Aufführung der Niederländischen Bachvereinigung. Der Chor feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum und hätte sicherlich gerne viele „Live“-Konzerte gegeben. Zum Glück wurde in den vergangenen Jahren schon eine Menge Bach vorproduziert, so auch die Johannespassion. Und für alle, die eine kurze Einführung suchen, seien diese knapp zehn Minuten mit dem genialen Ruedi Lutz von der Bachstiftung St. Gallen empfohlen, die in den einmaligen Schlusschoral münden.

Auch aus frühen Chortagen Ende der 1970er-Jahre weht mich die Erinnerung an ein ganz besonderes anderes Passionsstück an, das ich, seitdem ich es unter Schweiß und Mühen kennenlernte, über alle Maßen liebe. Es ist „Fürwahr, er trug unsere Krankheit“ von Hugo Distler (1908-1942). Hier gesungen solistisch vom Calmus-Ensemble. Mit dem Stück kann man  scheitern, denn es ist schwer. Besonders die Intonation. Vor gut einem Vierteljahrhundert scheiterten wir mal grandios im Bremer Dom, weil der Chor in der Fuge arg detoniert war und dann eine absolut hörende Sopranistin den Schlusschoral „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ auf dem „absolut“ richtigen Ton einsetzte, dies tapfer durchhielt, und der Dirigent musste entnervt abbrechen. Egal, ein tolles Stück, dessen Gehalt man fürwahr paradox mit dem Attribut „virtuos fahl“ charakterisieren könnte. NB: Für mich als Kind ist mit Distlers „Fürwahr“ ein durchaus unschönes Probenerlebnis verbunden. Ich konnte damals noch nicht so gut Frakturschrift lesen und die Noten waren in Fraktur, und so sang ich eine Weile statt „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“: „die Straße liegt auf ihm …“ – bis die strenge Kantorin mich als Übeltäter ausmachte und ordentlich ausschimpfte.

Vor über dreißig Jahren lernte ich die Responsorien der Karwoche des italienischen Renaissancekomponisten Carlo Gesualdo da Venosa kennen. Ja, es ist der Adlige, der seine Frau im Affekt aus Eifersucht ermordete, aber seine Musik ist fesselnd, verstörend aber von großer Emotionalität und Schönheit, zum Beispiel die Motette „Jerusalem surge“ mit dem Text aus den Klageliedern Jeremia und Teilen aus dem Buch Jona. Der lateinische Text der Musik lautet auf Deutsch so:

Erhebe dich, Jerusalem, und lege ab deine Festgewänder;
Bedecke dich mit Sacktuch und Asche:
Denn der Heiland Israels wurde in deiner Mitte niedergemacht.
Lass deine Tränen rinnen wie ein Strom bei Tag und Nacht,
auf dass dein Augapfel nicht nachlasse.
Denn der Heiland Israels wurde in deiner Mitte niedergemacht.

(Übersetzung: Anne Steeb & Bernd Müller)

Zu diesen Responsorien, die mich tief beeindruckten, gehört auch das berückende „O vos omnes“. Der Text entstammt ebenfalls den Klageliedern Jeremias´ und lautet „O ihr alle, die ihr vorbeigeht, merkt auf und seht, ob ein Schmerz ist gleich meinem Schmerz.“ Gefühle direkt in Musik gegossen und immer wieder zum Weinen schön! Als drittes aus dieser Reihe sei noch Aestimatus sum genannt und der hörenden Meditation empfohlen. Dort sind düstere Worte aus dem 87. Psalm der Vulgata vertont, zu Deutsch: „Ich bin denen gleich geachtet, die in das Grab sinken, bin geworden wie ein Mensch ohne Kraft, unter die Toten entlassen … Sie senkten mich in die tiefste Grube, in Finsternis und in Todesschatten.“

Im Geiste der Empfindsamkeit

Ebenfalls sehr emotional, aber im Geiste jener Empfindsamkeit, die den spätbarocken bis frühklassischen Stil prägte, kommen zwei Motetten von dem Bachschüler Gottfried August Homilius (1714-1785), der viele Jahrzehnte in Dresden als Kreuzkantor wirkte und erst in den vergangenen Jahrzehnten wieder mehr entdeckt wird. Zwei Motetten von ihm begleiten mich seit geraumer Zeit auch im Kosmos meiner Passionsmusik, nämlich „Siehe, das ist Gottes Lamm“ und die Choralmotette „So gehst du nun, mein Jesu, hin“. Dem Stuttgarter Kammerchor und Frieder Bernius sei Dank für diese Entdeckungen, die vor knapp zwanzig Jahren das Licht der CD-Welt und der Konzertsäle erblickten!

Leider gibt es am Karfreitag dieses Jahres aufgrund von Corona keine oder kaum Live-Musik. Insofern bin ich besonders dankbar, dass ich am morgigen Karfreitag das letztgenannte Homilius-Werk mit anderen Werken in einem Gottesdienst in Hamburg in einem Quartett darbieten darf. Außerdem singen wir noch die wunderbare Passionsmotette „Tristis est anima mea“, die Johannes Kuhnau, der Vorgänger J.S. Bachs im Amt des Thomaskantors, komponierte. „Tristis“ ist für viele Chöre eine Art Kultstück, weil es einerseits schlicht, andererseits mit sehr charakteristisch-raffinierten Verrückungen der Harmonie daherkommt. Für dieses Stück sind wir dann – die Kantorin singt mit – zu fünft, denn es hat zwei Soprane. Schließlich bringen wir morgen noch den Schlusschor „Ehre sei dir Christe“ aus der Matthäuspassion von Heinrich Schütz, dem Großmeister der früheren deutschen Barockmusik, live zu Gehör. Ein schlicht gebautes Stück, das aber immer wieder in geheimnisvoller Weise in den Bann zu ziehen vermag – typisch Schütz eben!

Ich hoffe, den Lesenden (und in erster Linie Hörenden, dafür sind die Links da!) mag diese kleine Auswahl von Passionsmusik diese Tage bereichern, denn gerade für die Passion gilt, dass Musik den Kern dessen, was gemeint ist, deutlicher besser fasst als deutende Worte, die doch immer hinter dem Ganzen zurückbleiben müssen. Das Geheimnis von Leid und Erlösung ist jedenfalls, so meine Erfahrung, in klingenden Worten und in Klängen besser aufgehoben als in erklärenden Gedanken. Ansonsten hoffe ich sehr, dass wir nächstes Jahr wieder deutlich mehr „in echt“ singen, musizieren und hören können als in diesem Jahr und im Vorjahr.

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