Kosmos im Kosmos

Raphaël Pichons neue Bachmotetten
W

er gesegnet ist, besonders gut musizieren zu können, der kann das meist nicht einfach so. Neben dem vorhandenen Talent bedarf es auch der Lust, dieses Talent zu pflegen, sich also wirklich Mühe zu geben. Und diese Mühe wird der- oder diejenige nur aufwenden, wenn er oder sie das Objekt der Bemühung innig liebt.

Die überwältigende musikalische und rhetorische Qualität der neuen Aufnahme der sechs Motetten von Johann Sebastian Bach durch das französische Ensemble Pygmalion ist ein Zeugnis umfassenden Könnens wie inniger, ja inbrünstiger Liebe. Wenn solche Verhältnisse herrschen, dann wird es eben so unendlich gut, wie diese prallvolle, fast achtzig Minuten lange CD geworden ist. Es gibt unzählige Aufnahmen der Bachmotetten und ja, auch unzählige sehr gute, aber hier scheint wirklich ein Höhepunkt an Klangfülle, Klangschönheit, scheinbarer Mühelosigkeit und virtuos-achtsamer Sprachbehandlung erreicht. Voilà!

Wo anfangen? Vielleicht gleich mit der frischen Attacke des ersten Cembaloakkords bei „Lobet den Herrn alle Heiden“ (BWV 230), dem nachfolgend sich die Stimmen des fünfstimmigen Chores kraftvoll-jubelnd emporsingen? Vielleicht bei den intim, ja offensiv erotisch, in sehnlicher Mollsphäre artikulierten M-Absprachen in den elegisch-ekstatischen „Komm, Jesu, komm“-Rufen der gleichnamigen Motette (BWV 229), denen dann bei den nachfolgenden „Ich sehne mich“-Passagen die schönsten Messa-di-Voces folgen, die der Autor dieser Zeilen je gehört hat? So geht es weiter: mit dem unfassbar gut gelungenen Ritardando der seufzend-zufrieden, zärtlich landenden Doppel-Hallelujas des Schlusschorals in „Der Geist hilft unser Schwachheit“ (BWV 226) oder dem emphatischen Liebesruf „Du bist mein!“ aus „Fürchte dich nicht“ (BWV 228) – und bei den wahren Achttausendern der Bachschen Motetten sind wir noch gar nicht angekommen, die da heißen: „Jesu, meine Freude“ (BWV 227) und „Singet dem Herrn“ (BWV 225) … Ach, Sie müssen es einfach selbst hören!

Wie schön, dass neben den sechs Motettenwundern Bachs der CD noch vier ältere Motetten beigefügt wurden, denn sie gewähren dem gebannt-verzückten Bach-hörenden als musikalische Raumteiler gewisse Entspannungspausen und geben gleichzeitig Einblick in die große Kunst der musikalischen Vorgänger Bachs, aus deren so ganz anderem Reichtum jener schöpfte und die er die Thomaner eifrig singen ließ. Nun aber los! Werden Sie glücklich, hören Sie diese Bachmotetten, diesen Kosmos im Kosmos Bach! Und bitte nicht bloß bei irgendeinem Streamingdienst, sondern kaufen Sie die Scheibe – schon allein um Raphaël Pichons wunderbaren Text im Beiheft zu lesen, der eine eigene Eloge wert wäre.

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