Nicht verstecken und verzwergen

Warum kirchlicher Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit klar unterschieden werden müssen
„Lichtskulptur Gelmeroda“ von Peter Mittmann im Jahr 2000. Das farbige Licht von 28 Scheinwerfern verwandelte die Kirche in Weimar-Gelmeroda in eine weithin sichtbare und imposante Wegmarke in Richtung Weimar. Zugleich erinnert ihre strenge Struktur an die berühmten Gemälde des Bauhauskünstlers Lyonel Feininger (1871 – 1956).
Foto: dpa/Peter Mittmann
„Lichtskulptur Gelmeroda“ von Peter Mittmann im Jahr 2000. Das farbige Licht von 28 Scheinwerfern verwandelte die Kirche in Weimar-Gelmeroda in eine weithin sichtbare und imposante Wegmarke in Richtung Weimar. Zugleich erinnert ihre strenge Struktur an die berühmten Gemälde des Bauhauskünstlers Lyonel Feininger (1871 – 1956).

In einem weiteren Beitrag in der zeitzeichen-Reihe zur evangelischen Publizistik stellt Willi Wild, Chefredakteur von Glaube und Heimat (Weimar), das basisnahe Redaktionsmodell seiner Kirchenzeitung in Verbindung mit den Gemeindebriefen vor und präsentiert erste Überlegungen zu einer überregionalen Organisation. Zudem warnt er vehement vor der Vermischung von kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit und kirchennahem Journalismus.

Soll das so weitergehen? Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzieht sich ein schleichender Ausverkauf des kirchlichen Journalismus. Immer wieder gibt es Bestrebungen, landeskirchliche Publizistik absenderorientiert auszurichten und mehr oder weniger zum Instrument der Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Wo sind die Robert Geisendörfers unserer Tage, die die Unabhängigkeit der kirchlichen Publizistik von kirchenamtlichen Weisungen betonen? Die den Wert eines loyal-kritischen Gegenübers zu schätzen wissen und das auch öffentlich kundtun? Die die wichtige Brückenfunktion der Kirchengebietspresse zwischen Kirchenleitung und Gemeindebasis zu schätzen wissen?

Sind doch die Kirchenzeitungen die Klammer, die die unterschiedlichen Regionen und Strömungen einer Landeskirche zusammenbringen. Sie transportieren kirchenpolitische und theologische Themen in die Gemeinden und bieten die Foren für den nötigen Austausch. Auch wir Journalisten und die Verlage, die wir Teil des Tendenzbetriebs sind, ohne sich mit ihm gemein zu machen, sollten uns nicht länger verstecken oder verzwergen. Wir schreiben für die mit Abstand größte organisierte zivilgesellschaftliche Gruppe, die der Kirchenmitglieder. Sport- und Feuerwehrvereine, Gewerkschaften oder Parteien landen bei dem Ranking weit dahinter. Insgesamt hat die evangelische Kirchengebietspresse bundesweit immer noch eine Auflage von 125 000 Print-Abonnenten. Leserinnen und Leser, engagierte Kirchenmitglieder, denen journalistische Recherche, Berichterstattung aus ihrem Kirchenkreis, theologische Beiträge und die kritische Begleitung ihrer Landeskirche so wichtig und wertvoll sind, dass sie dafür bezahlen.

Gerade in der Corona-Krise wird die Bedeutung der Sonntagszeitungen besonders deutlich. Jede Woche erreichen die Rezipienten gedruckt oder im Internet Andachten, Predigten, Berichte über Ideen für das Gemeindeleben im Lockdown, Mut Machendes und Kritisches. Abgesehen von den Gemeindebriefen gibt es keine vergleichbaren kirchlichen Publikationen mit größerer Reichweite in den Gemeinden. Auf der anderen Seite spielt die Kirchenpresse in den kirchlichen Entscheidungsgremien eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Obwohl die Kirchenzeitungen neben dem Evangelischen Pressedienst (epd) noch nahezu die einzigen sind, die umfassend berichten, von Synodentagungen bis hin zu Gemeindekirchenratssitzungen.

Woran mag es liegen, dass der Kirchenpresse wenig Aufmerksamkeit zu Teil wird? Mag es daran liegen, dass die Absendererwartungen nicht ausreichend erfüllt werden und man sich im Zweifel eher auf Publikationen aus dem eigenen kirchenamtlichen Haus, aus der Pressestelle oder den Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit fokussiert? Die Kirchenpresse muss sich jede Woche dem „Markt“ stellen und um die Gunst der Leser werben. Das kann aber nur gelingen, wenn die Leser nicht den Eindruck bekommen, ein Verlautbarungsorgan in den Händen zu halten. Den Kirchenzeitungen geht es wie der säkularen Presse: Die Abo-Zahlen sinken. Die Abwärtskurve ist meist nicht ganz so massiv wie bei Tages- und Wochenzeitungen, da immer noch eine starke Leser-Blatt-Bindung besteht. Treue Kirchenmitglieder halten auch ihrer Kirchenzeitung die Treue. Bei meinen Begegnungen in den Gemeinden bestätigen mir die Leser diese These. Die Kirchenzeitung gehört zum Teil seit Generationen zur Familie und ist Bestandteil des familiären Glaubenslebens.

Trotz dieses Umstands könnte heute keine Kirchenzeitung ohne Anzeigen und Gesellschafter-Zuschüsse überleben. Längst vergangen sind die Zeiten, in denen die Verlage den beteiligten Landeskirchen satte Gewinne bescherten. Es ist allerdings mitnichten so, dass sich die Verlage heute der Zuschüsse sicher sein könnten. Deshalb werden Ideen entwickelt und neue Erlösmodelle getestet. Auch versuchen es Redaktionen und Verlage mit Kooperationen. Erfolgreich hat sich das Portal der Kirchenpresse etabliert. Die Kirchenzeitungen tauschen darin ihre Beiträge aus. Damit lässt sich der Personalnotstand in den Redaktionen zumindest teilweise kompensieren.

Kooperationen neu justiert

Seit Jahresbeginn kooperieren die Evangelische Zeitung, Unsere Kirche und die Evangelische Sonntagszeitung, um damit Kosten zu sparen und die journalistische Qualität zu erhalten. Ein gemeinsames Layout, gemeinsame Seiten und eine Druckerei sind ein Versuch, den Ressourcen-Einsatz zu optimieren.

Seit über zwei Jahrzehnten gibt es eine erfolgreiche Medienpartnerschaft in Mitteldeutschland mit der Kooperation zwischen der sächsischen Kirchenzeitung Der Sonntag und Glaube+Heimat auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Landeskirche Anhalts. Mit jeder Sparrunde in den Landeskirchen müssen die Kooperationen wieder neu justiert werden.

Johanna Haberer hat Recht, wenn sie sagt, dass die gesamte evangelische Medienlandschaft radikal umgebaut werden müsse (siehe zz 10/2020). Die Kommunikation hat sich grundlegend geändert und mit der Corona-Krise musste bei der Digitalisierung auch bei der kirchlichen Publizistik der Turbo eingelegt werden. Haberers Vorschlag einer Medienstiftung, an der die Landeskirchen beteiligt seien und mit der ein schlagkräftiges Instrument oder, wie sie es ausdrückte, eine „Medienmarktmacht“ entstünde, erscheint folgerichtig. Unter dem Dach einer gGmbH, einer gemeinnützigen Gesellschaft, könnten sich auch die Verlage der Kirchenpresse versammeln. Damit würde ein Konstrukt für eine EKD-weite Kooperation geschaffen. Ziel muss es sein, wie auch bei den kleineren Kooperationen, Ressourcen zu bündeln und nach außen eine starke Stimme zu entwickeln. Vergleichbar mit dem epd-Basisdienst und den eigenständigen regionalen Landesdiensten könnte eine stabile Multimedia-Einrichtung entstehen, in der die Verlage und Redaktionen ihre Kompetenz und Medienerfahrung sowie ihre regionale, lokale Vernetzung einbringen.

Das könnte sogar in einer digitalen Strategie aufgehen. Zumindest habe ich diese Erfahrung bei einem Projekt der „Erprobungsräume“ der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gemacht. Dabei geht es darum, die auflagenstärkste Publikation der evangelischen Publizistik zu professionalisieren. Gemeindebriefe haben eine Reichweite von mindestens 87 Prozent und damit eine geschätzte Gesamtauflage von 18 Millionen Exemplaren. Dieser „schlafende Riese“ hat auch im digitalen Zeitalter noch nichts an seiner Verbreitung eingebüßt!

Zu Beginn meiner Arbeit als Chefredakteur vor über fünfeinhalb Jahren wurde ich gebeten, die Möglichkeiten zu prüfen, wie die Redaktion der Kirchenzeitung die Arbeit der meist ehrenamtlichen Gemeindebrief-Redakteure unterstützen kann. Daraus entstand das Gemeindebrief-Redaktionsportal. Die Aufgabe war, ein Instrument zu entwickeln, das webbasiert, also ortsunabhängig, funktioniert und einfach, ohne Vorkenntnisse, zu bedienen ist.

So geschah es: In unserem Portal unser-Gemeindebrief.de können nun über ein Print-Modul die Vorlagen für den gedruckten Gemeindebrief erstellt sowie die Inhalte per Knopfdruck in einem Online-Newspool veröffentlicht werden. Dort kann zudem ein Austausch von Beiträgen stattfinden. Außerdem haben sogenannte Gemeinde-Reporter die Möglichkeit, ihre Inhalte im Portal zu veröffentlichen. Für die Kirchenzeitungs-Redaktion, die ebenfalls in diesem Redaktionssystem arbeitet, ergeben sich praktische Synergien. Zum einen können die Gemeindebrief-Redaktionen Beiträge der Kirchenzeitung nutzen, zum anderen steht der Kirchenzeitungs-Redaktion ein weitverzweigtes Netz an „Lokal“-Redaktionen zur Verfügung. Kommunikation ist, anders als bei manch anderen Digital-Projekten, keine Einbahnstraße.

Von der Resonanz auf dieses Angebot in den Kirchengemeinden waren sowohl die Landeskirche als auch die Kirchenzeitungs-Redaktion überrascht. Nachdem die vier Pilotgemeinden erfolgreich ihren ersten Gemeindebrief im Portal mit Unterstützung der Kirchenzeitung erstellt hatten, waren interessierte Kirchengemeinden zu einem Fachtag eingeladen. Nahezu einhundert Interessierte wollten es den Piloten nach der Präsentation der Ergebnisse nachtun. Mittlerweile konnten über fünfzig Gemeindebriefe aufgesetzt werden, und die Nachfrage ist nach wie vor ungebrochen.

Während digitale Projekte oftmals scheitern, weil sie von der anvisierten Zielgruppe nicht gesucht oder wahrgenommen werden, ist der Ansatz bei unser-Gemeindebrief.de anders. Das Projekt ist bedarfsorientiert angelegt und soll der Erleichterung der ehrenamtlichen Arbeit dienen. Dass dabei die Mitwirkenden auch noch Spaß am gemeinsamen Entstehungsprozess haben, ist ein unerwarteter Nebeneffekt. Ein großer Erfolgsfaktor aber ist die Tatsache, dass eine bereits bestehende, reale Community – die Kirchengemeinde mit all ihren Facetten – virtuell abgebildet wird.

Zudem begegnen sich die Gemeinden und Gemeindeglieder auf der Plattform und tauschen sich aus. Dass dazu auch noch eine Social-Media-Anbindung gehört, ist klar und trägt dem heutigen Nutzerverhalten Rechnung. Interessant ist zu beobachten, dass die Kirchenzeitung anders wahrgenommen wird, seitdem es das Portal gibt. Ein allmählicher Imagewandel ist auszumachen und zwar vom klassischen Traditionstitel hin zu einem modernen Medium mit diversen Ausspielwegen und einem direkten Draht zu den und direktem Nutzen für die Ortsgemeinden.

Streitbar und subjektiv

Aber von der technischen Umsetzung dieses Modells digitaler Kommunikation noch einmal zurück zur Bedeutung der Kirchenpresse als Diskursplattform: „95 Prozent der Kirchensteuerzahler finanzieren das Hobby von wenigen, die die Kräfte der Hauptamtlichen absorbieren.“ Diesen Satz formulierte ein Superintendent zum Reformationstag in unserer Kirchenzeitung in einem Artikel zum aktuellen Zustand der Kirche: ehrlich, streitbar, subjektiv. Weiter schrieb er: „Miese Taufzahlen zeigen, dass die biologische Bestandserhaltung ans Ende kommt. Das Beamtensystem häuft auf der anderen Seite Zahlungsverpflichtungen in Form von Pensionszusagen an, die die wenigen jungen Christen überfordern. Das System, das uns jetzt am Leben hält, wirkt als schleichend süßes Gift.“

Nestbeschmutzer oder Whistleblower, das ist hier die Frage. Für seinen Beitrag musste der promovierte Theologe scharfe Kritik aus den Reihen der Kirchenleitung einstecken. Viel Zustimmung kam von der Gemeindebasis. Ich schätze, beide Reaktionen waren einkalkuliert.

Dieses Beispiel zeigt, was Protestantismus seit fünfhundert Jahren ausmacht: die Lust am Disputieren. Aber was ist diese Kunst ohne ein Podium? Ich verrate kein Geheimnis, die meisten Leser unserer Wochenzeitung beginnen mit der Lektüre auf Seite 11, dem Leserforum. Darin unterscheidet sich im Übrigen die Kirchenleitung nicht von der Gemeindebasis. Möglicherweise aber in Intension und Reaktion. Auf dieser analogen Plattform treffen sich, ganz altmodisch, Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Standes, Alters und Geschlechts. Sie tauschen Argumente aus, kritisieren Beiträge, reagieren auf Lesermeinungen, finden Mut machende Worte oder bringen konstruktive Vorschläge ein. Die Leserpost ist ein Schatz.

Mit unserer journalistischen Arbeit versuchen wir, den Diskurs zu beleben. Das Leserforum ist ein Abbild der kirchlichen Gemeinschaft und könnte als Inspiration und Quelle für kirchliches Handeln von Nutzen sein. Das Forum zeigt stark fokussiert eine wichtige Rolle der Kirchenpresse: Menschen zusammenbringen, Diskussionen anstoßen, Missstände aufzeigen, Lösungsansätze präsentieren und kirchliche Vielfalt aufzeigen. Im Neuen Testament lesen wir sehr detailliert vom Leben der ersten Gemeinden. Die Paulusbriefe oder die Apos-telgeschichte sind voll davon. Kein Bereich wird ausgeklammert: Der Umgang miteinander, die Bewältigung von Konflikten, Gemeindebau, Evangelium, Finanzen, Diakonie. Das gesamte Spektrum kirchlichen Lebens wird dort aufgefächert. Im Prinzip schreibt heute die Kirchengebietspresse diese Teile des Neuen Testaments wöchentlich fort, denn genau das sind die Inhalte, wegen derer man uns abonniert. Unabhängiger Journalismus ist eben etwas ganz anderes als ein Hochglanzmagazin einer PR-Agentur. Zunächst geht es hier nämlich um Zuhören und Aufschreiben, Berichterstattung im klassischen Sinne.

Der Greifswalder Theologe und Medienwissenschaftler Roland Rosenstock (siehe auch zz 2/2021) schrieb bereits 2012 in seinen Überlegungen Zur Neuordnung der Evangelischen Publizistik in Norddeutschland: „Der Öffentlichkeitsauftrag der Evangelischen Kirche kann nur dann umgesetzt werden, wenn die kirchliche Medienarbeit in einer gebundenen und in einer ungebundenen Weise realisiert wird.“ Die Aufgabe der evangelischen Publizistik sei es, den Entscheidungsgremien „die Hintergründe für ihr urteilsbildendes Handeln aufzuarbeiten.“ Allein aus diesem Grund werde weiterhin eine starke landeskirchliche Publizistik benötigt, „die publizistische Räume öffnet und ihren Auftrag erfüllt“.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese Erkenntnis in allen Entscheidungsgremien Raum greift, bevor es zu spät ist. 

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