Das letzte Ma(h)l

Den Wein im Gemeinschaftskelch teilen und das Brot weiterreichen? Die Gemeinschaft der Gläubigen im Altarraum wird nie wieder so sein...
Foto: Harald Oppitz

Manchmal erlebt man etwas zum letzten Mal und weiß es in diesem Moment nicht. Manchmal hat man nicht mal eine Ahnung, dass es das letzte Mal war. Etwa, wenn ein naher Mensch plötzlich und unerwartet stirbt. Mir geht es so mit dem Abendmahl. Denn das Abendmahl, so wie ich es seit meiner Konfirmation kenne und ganz selbstverständlich regelmäßig gefeiert habe, wird es nach Corona so sicher nicht mehr geben. Und das schmerzt mich mehr und mehr.

Wobei ich mich noch nicht einmal genau an das letzte Mal erinnere, an dem ich Abendmahl gefeiert habe. Gewöhnlich war ich mindestens einmal im Monat dabei. Ich nehme einmal an, es war in einem Gottesdienst mit den Vikarinnen und Vikaren. Wahrscheinlich habe ich die Einsetzungsworte gesprochen, möglicherweise hatte das aber auch mein Kollege übernommen. Oder aber es war kurz darauf in meiner heimatlichen Kirchengemeinde. Ich wusste nicht, dass es das letzte Abendmahl für mich ist – und ich habe es nicht einmal geahnt. Sonst hätte ich es sicher ganz anders gewürdigt und im Gedächtnis behalten. Aber wer hätte denn zu Beginn der Pandemie gedacht, dass diese solche Auswirkungen haben wird?

Nicht, dass ich alles bei Abendmahlsfeiern gut fand. Wenn die Dame neben mir Lippenstift aufgetragen hatte und der Pfarrer es dann nicht für nötig hielt, den Kelchrand zu reinigen. Oder wenn es überhaupt keine Reinigung gab und ich die letzte in der Reihe war. Oder wenn die Präsentation der Einzelkelche mich unmittelbar an Studienzeiten erinnerte, als Armin aus dem 5. Semester in der Stammkneipe um die Ecke eine Lokalrunde ausgab. Oder wenn das Brot in so große Stücke geteilt war, dass man nur mühsam den Brocken herunterschlingen konnte – so geschehen einmal beim Kirchentag. Trotzdem bin ich immer wieder zum Abendmahl gegangen, selbst im Urlaub. Ich bin mit meinem Mann stundenlang durch verstaubte südliche Orte gefahren, um am Sonntag einen Gottesdienst mitzufeiern. Und manchmal war es gerade das Abendmahl, was den Aufwand lohnte.

Das Abendmahl gehört für mich zum Christsein dazu. Oder vielmehr: gehörte. Denn seit mehr als einem Jahr habe ich kein Abendmahl mehr gefeiert. Ich könnte es, theoretisch, ja auch für mich alleine zu Hause tun. Oder gemeinsam mit der Familie. Die Einsetzungsworte habe ich auswendig drauf. Ich habe sogar ein wunderschönes Hausabendmahlsgeschirr. Doch es kommt mir absurd vor, Abendmahl für mich privat zu feiern. Das behalte ich mir für mein Sterbestündchen vor. Noch absurder fand ich allerdings manche theologischen Äußerungen zur Frage, ob man denn vor dem heimischen TV beim Fernsehgottesdienst Abendmahl mitfeiern darf. Merkwürdig, dass es Leute gibt, die das im 21. Jahrhundert noch verbieten zu können glauben. Ich meine: Wer das gut findet, soll es doch auch tun. Für mich ist es aber keine Alternative.

Mir fehlt mein klassisches Abendmahl. Mit den Vikar*innen, mit meiner Kirchengemeinde. Mit Gemeinschaftskelch und geteiltem Brot, das man sich von Hand zu Hand weiterreicht. Und ich weiß: Es wird nie wieder so sein. Nie wieder.

Mir scheint: Ich habe mein letztes Abendmahl schon gefeiert

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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