Postum Kurt Marti

Entdeckungen aus seinem Nachlass

Zum 100. Geburtstag Kurt Martis (1921 – 2017) beschert der Göttinger Wallstein Verlag allen Liebhabern des Schweizer Dichters und Theologen gleich dreifache Freude: drei grafisch prägnant gestaltete Bände mit zum Teil unveröffentlichten Gedichten und Prosatexten. Darunter ein umfänglicher Band, eine Gesamtausgabe von 252 Kolumnen aus der Zeitschrift Reformatio.

Marti schrieb über alles, was er beobachtete, aufschnappte oder las. Er schrieb so lange, bis er die Augenblicke und Momentaufnahmen detailliert in einem Minimum an Wörtern und Sätzen untergebracht hatte, bis die Sätze Stimmungen, Gedanken, Eindrücke und Gefühle eingefangen hatten. So auch in den Prosatexten aus dem Band Alphornpalast, die allesamt aus seinem Nachlass nun zumeist erstveröffentlicht worden sind. Sie erzählen von einer sonderbaren Frau und blauen Ameisen, einem Mann im feierlichen Anzug, der einem Zeppelin entsteigt, einer Menschenschlange am Antwortschalter oder einem alten Bekannten in einem Demonstrationszug. Und so lernen wir Bögli kennen: als verantwortungsbewussten Menschen, der sich noch kein eigenes Urteil bilden kann. Oder den Witwer im schwarzen Anzug mit Krawatte und Filzhut, der nach dem Tod seiner Frau Plastikbeutel in die städtischen Abfallbehälter plumpsen lässt.

Martis Episoden handeln von der Grenze zwischen Realität und Wahnsinn, von realen Orten und Denkfiguren: Sie lösen Faszination wie Schauer und Furcht aus. Die Leserschaft fragt sich, ob der von Marti benannte Alphornpalast ein realer Ort ist oder eher eine Denkfigur. Es macht Freude, diesen Bildern nachzugehen, sie wirken zu lassen.

Klimaveränderung, Automobilität, Tod oder Einsamkeit: All das steckt in diesem Band und spielt eben nicht nur eine nebensächliche Rolle, weil es eine Rolle im Leben seiner einzelnen Figuren spielt. Daten, Fakten, Gewusstes beiseite: Unter der vermeintlich ruhigen, manchmal fast monotonen und alltäglichen Oberfläche brodelt es.

Hannis Äpfel ist der mit Gedichten aus dem Nachlass versehene schmale Band überschrieben. Es sind 28 Gedichte, allesamt letzte Gedichte Kurt Martis, zum Teil unveröffentlicht, aus denen ein Adieu schimmert, Melancholie spricht. Ihnen angereiht ist der titelgebende Mittelpunkt des Bandes, Hanni. Ein lyrischer Abschied von seiner Ehefrau Hanni Marti-Morgenthaler, die 2007 gestorben ist. Wie Marti die Trauer und den unermesslichen Verlust ins dichterische Wort wandelt, berührt. Hier schreibt ein Witwer, dessen Trauer zu Herzen geht. Er findet Worte für das Unfassbare nach einem solchen Verlust. Gleichzeitig verknüpft der lyrische Text in seiner Trauer Biografisches zu seiner Frau, sodass deren Charakter anschaulich wird. Es sind Erinnerungen, die gleichzeitig Freude bereiten und schmerzen, denn der gefühlte Verlust ist immerfort.

Bei dir war ich gerne ich. Jetzt aber und ohne dich? Wär ich am liebsten auch ohne mich.

1422 Seiten zählt der dritte Band Notizen und Details. In ihm versammeln die Herausgeber sämtliche Beiträge, die Marti zwischen 1964 und 2007 in der gleichnamigen Reihe der Zeitschrift Reformatio schrieb. Eine schwergewichtige Gesamtausgabe, die Essays, Glossen und Notizen präsentiert und an ein Brevier erinnert, wie die Herausgeber im Vorwort betonen. Es lässt sich also Hin- und Herlesen als ein facettenreiches Kaleidoskop von Beobachtungen und Zeitkommentaren.

Wir Lesende haben postum Glück, denn diese Bände sind sorgfältig und gründlich editiert, leserfreundlich gedruckt, mit editorischen Notizen und tiefsinnigen, bisweilen literarischen Vor- und Nachwörtern versehen.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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