Vorbild

Über Kirche als Schutzraum

An der Grenze zwischen den USA und Mexiko habe ich die Zeichen des Karfreitags gesehen: Zäune und Stacheldraht, scharf und grausam wie eine Dornenkrone.“ Aus Mittelamerika geflüchtete Menschen haben Heidi Neumark ihre Narben gezeigt. Ob diese Verletzungen als Belege der Verfolgung im Asylverfahren ausreichen würden? Zurück in New York berichtet Pfarrerin Neumark von ihren Erfahrungen. Die Kirchengemeinde beschließt, im Eingang der Kirche die Grenzmauer mit Leinwänden künstlerisch abzubilden. Damit will die Gemeinde öffentlich gegen ein unmenschliches Grenzregime protestieren. Aber stört ein derart politisches Zeichen nicht Gebet und Meditation?

„Bete nie in einem Raum ohne Fenster!“ Dieses Zitat aus dem Talmud eröffnet Neumarks anschließende Reflexion über das Beten. Beten in einem Raum mit Fenster – das bedeutet, dass Beten keine Flucht aus der Wirklichkeit darstellt, sondern die Verbundenheit mit der Welt vertieft. Durch das Fenster bleiben Herz und Verstand mit dem Leiden der Mitmenschen und der Mitwelt verbunden. Neumark: „Zum Gottesdienst gehe ich mit dem Bedürfnis nach Hoffnung und Inspiration, die aus Klage und Buße, aus Lob und Dank geboren werden – aber nicht aus Amnesie.“

Seit fast vierzig Jahren ist Heidi Neumark Pfarrerin der lutherischen Kirche in New York, zunächst in der South Bronx, dann in Manhattan. Ihre Gemeinde ist so divers wie das Viertel: eine Vielfalt von Sprachen und Kulturen. Menschen mit und ohne Jobs. Migranten aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Europa. Wohnungslose, Menschen ohne Papiere, Studierende.

In ihrem Buch erzählt die Theologin von ihren Erfahrungen als Gemeindepfarrerin. Ob es um die Begegnungen an der mexikanischen Grenze, einen von Sexarbeiterinnen geleiteten Gottesdienst, um die wohnungspolitische Segregation von Armen und Reichen, um die Geschichte der von deutschen Einwanderern erbauten Kirche oder die vielfachen Gewalterfahrungen von queeren und trans Jugendlichen geht – zu den Stärken des Buches gehört Neumarks Fähigkeit, ihre sozialen und politischen Wahrnehmungen mit biblisch-theologischen Reflexionen zu verbinden.

Wenn Trump gegen Flüchtlinge aus „shit hole countries“ Stimmung machte, erinnert Neumark an Jesus von Nazareth, der die Liebe zu Fremden und Marginalisierten predigte und lebte. Programmatisch formuliert sie gleich im ersten Kapitel: „Die Kirche muss sich für eine Seite entscheiden. Die Zeit, nett zu sein und milde und ausgewogene Statements zu verbreiten, ist lange vorbei. Ja, die Mitgliedszahlen sinken, die Einkünfte der Kirchen gehen zurück und Kirchenleitungen sind besorgt über die Zukunft der Kirche. Dabei ist doch klar, wo die Zukunft der Kirche liegt. Die Zukunft der Kirche ist bei einer trans Frau, die von ihrer Familie verstoßen wird. Die Zukunft der Kirche ist im Bauch eines Wales, der am Plastikmüll verhungert. Die Zukunft der Kirche ist bei dem Kind, das auf der Flucht im Rio Grande ertrunken ist. Wenn die Kirche nicht an diesen Orten der Kreuzigung ist, ist sie nicht mit Jesus. Meine Gemeinde ist arm und hat nur wenige Ressourcen. Und doch haben wir alles, was wir brauchen, um in dieser Zeit der Leib Christi zu sein, um Jesus zu sein unter der Herrschaft des Herodes.“ Was braucht es, um in unserer Zeit Kirche zu sein? Für Neumark bedeutet es, dass Kirchen „sanctuary“ sind und werden: Sanctuary – das ist im Englischen das Wort für den Kirchenraum als Ort für Gebet und Gottesdienst. Sanctuary – das ist im Englischen aber zugleich auch das Wort für den Zufluchtsort, an dem Menschen, die verfolgt und ausgegrenzt werden, Sicherheit und Geborgenheit erfahren. In der Gemeinde der Autorin ist das konkret die im Kirchengebäude untergebrachte Schutzwohnung für queere und trans Jugendliche.

In Neumarks Vision und Praxis ist Kirche immer beides – Ort des Gebets und Ort der Zuflucht. Damit knüpft sie an die biblische und kirchengeschichtliche Tradition des Schutzes am heiligen Ort an, auf die auch die hiesige Praxis des Kirchenasyls Bezug nimmt.

Laut Wikipedia haben in den vergangenen Jahrzehnten rund zweihundert Städte in den USA als „Sanctuary Cities“ besondere Regelungen beschlossen, um Mi-granten ohne Papiere vor Abschiebung zu schützen. Als erste Kirche in den USA hat sich nun die Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) im Jahr 2019 zu einer „Sanctuary Church“ erklärt. Auf der Homepage steht dazu: „Damit stellt die ELCA öffentlich fest, dass es eine Frage des Glaubens ist, an der Seite von Migrant*innen und Flüchtlingen zu stehen.“

Neumarks Buch, das nur auf Englisch vorliegt und auch für Nicht-Theologen gut lesbar ist, zeigt, wie ihre Kirchengemeinde ein „Sanktuarium“ geworden ist – nicht als Ort des Rückzugs aus der Welt, sondern als Ort und Vorbild des Widerstands, der Vision und Transformation, die unsere Zeit so dringend nötig hat.

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