Interdisziplinär

Über evangelische Spiritualität

Spiritualität erscheint in der Gegenwart ein Containerbegriff für spirituelle Suchbewegungen aller Art geworden zu sein. Ihm haftet inner- und außerhalb von religiösen und kirchlichen Räumen eine Vieldeutigkeit an, die nach wissenschaftlicher Reflektion praktischer Ausformungen ruft. In 49 interdisziplinären Beiträgen namhafter Autoren und Autorinnen hat Peter Zimmerling eine Fülle von Praxisbeispielen zusammengetragen. Erklärtes Anliegen des Handbuches ist es, die Fülle und den Gehalt einer genuin evangelischen Spiritualität ans Licht zu bringen. Rituale und Kasualien, Pilgern, Meditation, Spiritual Care, Kirchenmusik, Kirchentage und Akademien – in all diesen Feldern experimentiert der Heilige Geist mit Gemeinschaften und Einzelnen. Das spezifisch Protestantische ist dabei die Rückbesinnung auf Martin Luther und andere Reformatoren. Diese haben die geistliche Übung, das Beten, Bibellesen, die Stille als unverzichtbaren Bestandteil des christlichen Lebens hervorgehoben. In der Moderne wird spirituelle Praxis als Beitrag des Widerstands gegen ein Leben in Aktionismus und ständiger Beschleunigung betrachtet.

Das spezifisch Evangelische wird in einigen Beiträgen gleichwohl als das Ökumenische und interkonfessionell Bereichernde beschrieben. So wird Salbung im evangelischen Verständnis nicht als Sakrament verstanden, kann aber doch als in der Schrift begründete, sinnlich erlebte Zeichenhandlung an Kranken und Sterbenden sinnvoll adaptiert werden. Exerzitien, geistliche Begleitung, Stilleübungen in Klöstern und Gemeinschaften erfreuen sich großer Beliebtheit und werden interkonfessionell und durchaus von Kirchenfernen genutzt. Dass es zudem auch Formen evangelischer Heiligenverehrung gibt, erörtert Peter Zimmerling am Beispiel Dietrich Bonhoeffers. Dessen Spiritualität zeigt exemplarisch, dass sich gnädige Annahme Gottes nicht allein in innerem Heilserleben, sondern in gelebter Nachfolge konkretisiert. Evangelische Spiritualität ist Konzentration und Grenzüberschreitung. Sie drängt in die Welt, in die Gesellschaft.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: Im ersten Kapitel werden Kirche und Gemeinde als primäre Resonanzräume evangelischer Spiritualitätspraxis reflektiert. Der Blick fällt auf Ortsgemeinde, Jugendkirche, Kommunität. Spannend ist hier die jeweilige geschichtliche Entwicklung und die damit einhergehenden Veränderungen von Inhalten und Formaten.

Kapitel zwei fokussiert auf Gottesdienst und liturgisches Leben. Alexander Deeg inspiriert, wenn er in seinem Beitrag die Predigt als „Intensivform evangelischer Spiritualität“ beleuchtet. Auch Kasualien wie Konfirmation und Beerdigung können in Zeiten wachsender Segensbedürftigkeit als spirituelle Erfahrung erlebt werden.

Im dritten Kapitel Gebet und Bibellese erfahren Betende, dass sie zwar zur Minderheit gehören, die Reflexion der Praxis des Betens aber lohnend ist. Überraschende Einblicke in die im Alltag prägende Kraft der Herrnhuter Losungen gibt der Beitrag von Dietrich Meyer mitsamt einer liebevollen Recherche der geschichtlichen Entstehungsprozesse und Wirkungsentfaltung der Losungen.

In Kapitel vier geht es in Seelsorge und Begleitung um die Öffnung evangelischer Praxis für katholische Formen und den Dialog mit Humanwissenschaften, was etwa für Spiritual Care bedeutsam ist. Im fünften Kapitel bekommt das Thema einen Bezug zu Lebenswelt und Bildung: Familie, Schule, Kunst, Kultur. Last but not least reflektiert Christian Grethlein das besondere Potenzial der Medien. Der Autor hebt darin die Bedeutung des 1910 gegründeten Evangelischen Pressedienstes (epd) hervor. Dieser trug mit dazu bei, dass die öffentliche Kommunikation des Evangeliums sich von rein binnenkirchlich verankerten Adressatenkreisen löste. Die Kommunikation protestantischer Spiritualität im kaum überschaubaren Raum sozialer Medien wird leider nur gestreift. Gerade hier hätte eine fundierte wissenschaftliche Reflexion aktuelle Relevanz.

Dem selbst gesteckten Ziel, den besonderen protestantischen Beitrag in der Fülle spiritueller Lebensäußerungen anhand von Praxisbeispielen ans Licht zu bringen, wird das Handbuch gerecht. Kritisch anzumerken ist das Ungleichgewicht von männlichen Autoren (41) und weiblichen Autorinnen (4). In der inhaltlichen Gewichtung fällt auf, dass ausgerechnet der Bereich Seelsorge und Begleitung zu kurz beleuchtet wird. Die Hälfte der Beiträge in diesem Kapitel erscheint randständig. Etwas mehr muntere Aktualität hätte Platz gehabt.

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