Keine Angst vor der Angst

Zum 100. Geburtstag: der Theopoet Kurt Marti
Der Schweizer Schriftsteller, Lyriker und Essayist Kurt Marti nimmt 1997 im Deutschen Theater in Berlin den Kurt-Tucholsky-Preis entgegen.
Foto: dpa/ZB
Der Schweizer Schriftsteller, Lyriker und Essayist Kurt Marti nimmt 1997 im Deutschen Theater in Berlin den Kurt-Tucholsky-Preis entgegen.

Der Theologe und Lyriker Kurt Marti wurde vor genau hundert Jahren geboren. Sein Werk verstand er als Theopoesie – wie jenes von Dorothee Sölle, die er als Zeit- und Glaubensgenossin sowie als theologische und literarische Inspiratorin enorm schätzte. Der Theologe und Redakteur der Schweizer Zeitschrift Neue Wege, Matthias Hui, zeichnet ein Porträt des Berner Autoren.

Der Weg der Vernichtung bleibt ohne Hoffnung. Nur Umkehr kann Hoffnung wecken. Nur der Mut, anders zu leben, macht uns wieder lebendig.“ Der Aufruf zur Umkehr stammt aus dem Oratorium für den Planeten des Lebens. Zusammen mit Dorothee Sölle und Adolf Muschg verfasste Kurt Marti die Texte. Ende November 1989 – an einer politischen Zeitenwende – wurde das Werk vom Komponisten Daniel Glaus und vielen Musikerinnen und Musikern gemeinsam mit den drei Autorinnen und Autoren im Berner Münster aufgeführt. Seit den 1970er-Jahren wehrte sich Kurt Marti gegen die zerstörerischen Kräfte der Atomenergie. Er kritisierte die immer grenzenlosere (Auto-)Mobilität.

Bereits in den frühen 1990er-Jahren sorgte er sich um die Klimaerwärmung. Sunt lacrimae rerum, Tränen sind in allen Dingen – der Titel des Oratoriums verweist auf die Schmerzen der Umkehr, auf die Schwierigkeiten des Menschen, den Planeten nicht mehr als Objekt zerstörerischer Gier und Herrschaft zu missbrauchen, sondern sein eigenes Leben inmitten von anderem Leben als abhängiges zu erfahren. Marti betont die Hausgemeinschaft alles Lebendigen. Die Schöpfung ist ein zentrales Motiv seines Gesamtwerks. Als Ökotheologe ist er für viele noch zu entdecken. Manche seiner gleichzeitig nüchternen wie prophetischen Reflexionen bleiben erst recht im 21. Jahrhundert gültig: „Jede bloß technische Lösung von Umweltproblemen schafft neue Probleme, die technisch, wenn überhaupt, noch schwieriger zu lösen sein werden.“

Als Meister kleiner literarischer Formen hielt Kurt Marti Streifzüge durch die Natur, Beobachtungen auf Spaziergängen in zahlreichen Büchern fest. Als Dichter suchte er die Zwiesprache mit Gott, seiner Referenz für die Umkehr zur Schöpfung: fragte ein frosch / wir verstünden ihn nicht / sänge der fels / wir hörten ihn nicht / weissagte der farn / wir achtetens nicht / du aber / (…) / du vernimmst

Am 31. Januar 2021 wäre Kurt Marti 100 Jahre alt geworden. Verschiedene aktuelle Neuerscheinungen und Nachdrucke vergegenwärtigen das Leben und Schaffen des reformierten Schweizer Pfarrers. Medien von seiner Heimatstadt Bern bis nach Wien oder Köln erinnern derzeit an ihn. Im Deutschlandfunk hieß es: „Zweifellos gehört Marti neben oder nach Dürrenmatt und Frisch zu den Großen der Schweizer Literatur.“ Erst 2017 ist Kurt Marti gestorben. Der Tod hatte ihn lange Zeit nicht eingeholt. 2013 meinte er im Gespräch für die Zeitschrift Neue Wege zu mir, dass er doch überfällig sei und das Gefühl hätte, im Altersheim vom lieben Gott vergessen worden zu sein. Im Dank- und Gedenkgottesdienst nach seinem Tod fand das Vaterunser in seiner eigenen Variation Platz. unser vater / der du bist die mutter / die du bist der sohn / der kommt / um anzuzetteln / den himmel auf erden

Was nach dem Tod komme, beschrieb Kurt Marti in einem Gedicht lakonisch: „die Rechnungen für Sarg, Begräbnis und Grab“. In seinem essayistischen Hauptwerk Notizen und Details, das Kolumnen aus über vierzig Jahren umfasst, findet sich die theologische Ergänzung: „Dem Glauben (...) geht es nicht ums Jenseits, sondern um Gott. (...) Wer das Leben zu einem Vorspiel des Jenseits oder das Jenseits zum fortsetzenden Nachspiel diesseitigen Lebens macht, nimmt den Schöpfer nicht ernst, der alles Leben geburtlich und sterblich, also vergänglich, geschaffen hat. Das Leben hat seinen Sinn in sich selbst, ist nicht Mittel für ein Leben danach.“

Und die Auferstehung? Kurt Marti nahm auch diese Frage in Gedichten auf. Er nannte verrückt (...) / wer noch immer rechnet mit wundern / verrückt wie die frauen / die in der gruft eines toten / entdeckten die neue geburt. Er seufzte: wer wälzt uns / den christlichen plunder vom grabe / des herrn? Und als Skeptiker stand er zu Lücken in seiner Theologie: auferstehung der toten? / ich weiß es nicht / ich weiß / nur / wonach ihr nicht fragt: / die auferstehung derer die leben Kurt Marti könnte als großer Theologe des Diesseits bezeichnet werden; er sah sich dabei auch in jüdischer Tradition, die „Gott nicht degradierte zum Vermittler himmlischer Zweitwohnungen“.

Kurt Marti war evangelisch-reformierter Theologe und sein Berufsleben lang gerne Gemeindepfarrer. Seine Wahl auf einen Lehrstuhl an der Universität Bern verhinderte die Kantonsregierung aus politischen Gründen. Aber er war nicht nur ein Mann der Kirche. Er war ein herausragender Poet, der die zuvor heimattümelnde Dichtung in schweizerdeutschen Dialekten höchst überzeugend zur „modern mundart“ (Walter Vogt) revolutioniert hat. Später wurde er zum Lyriker, Essayisten und Erzähler in hochdeutscher Sprache, dessen Werke im gesamten deutschen Sprachraum große Verbreitung fanden. Aber er war eben nicht nur Dichterpfarrer. Marti war auch kritischer Chronist, Verfasser politischer Tagebücher und Essays, ein engagierter Zeitgenosse, etwa als Mitbegründer der bedeutsamen entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

Für Kurt Marti gehörten Glaube, Kunst, Sprache und Politik zusammen. Er war ein Public Intellectual, in seiner Persönlichkeit zwar bescheiden, fast scheu, und an seinem schweizerischen Standort Bern eher eine Stimme aus der Provinz. Aber seine Fähigkeit, die gesellschaftspolitische Rolle mit dichterischem Sprachspiel und sprachlicher Ausdrucksmacht, mit theologischer Tiefenschärfe und Gestaltungskraft zusammenzuführen, macht seine Einzigartigkeit aus.

Martis Arbeit zerfiel nicht in einzelne Sparten. Sein Gesamtwerk sollte – auch – als Theologie gelesen werden: „Theologie in der Praxis ist eigentlich angewandte Kunst.“ Herkömmliche Theologie sah er in einer dreifachen Falle. Er misstraute erstens ihrer Sprache, deshalb spekulierte er: „Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist.“ Zum Zweiten sah er Theologie beschnitten, wo sie auf den religiösen, kirchlichen Raum eingegrenzt wurde. Er wollte seinen Beitrag leisten, damit sie „zur Profanität befreit“ werde. Und drittens wollte er gegen politische Verharmlosungen angehen: Theologie sei „immer parteilich: entweder für oder gegen die Unterdrückten, entweder Theologie des Lebens oder Theologie des Todes. Ein Drittes gibt es nicht, keinen neutralen Standort.“

Politische Verharmlosung

Kurt Marti studierte nicht zuletzt wegen Karl Barth Theologie. In die Wiege gelegt war sie ihm in seinem konservativen, kaum religiösen Elternhaus nicht. An der Universität Basel fand er im Zweiten Weltkrieg Antworten: „Unverwüstlich brachte Barth sein ceterum censeo an. Auch 1940, als der Bundesrat zu wanken begann, sagte er: Nein, das ist nicht unser Weg, dieses neue Europa der Faschisten. Er behauptete einfach frech: Das will Gott nicht.“ Glaube und Widerstand gehörten vom Studium an für den „Barthisan“ (Fredi Lerch) Kurt Marti von der Wurzel her zusammen.

Als sein theologisches Steckenpferd bezeichnete Marti die Dreieinigkeit. Sie nannte er 1981 programmatisch „Die gesellige Gottheit“. Im Anschluss verlieh er ihr immer wieder neue Umschreibungen: „Gott als Gemeinschaft“, „eine Art Liebeskommune“, „Beziehungsvielfalt“, „lustvoll waltende Freiheit“, „Mitbestimmung“ oder „Urzeugung der Demokratie“, „Gottheit, die vibriert vor Lust, vor Leben“, „Gott als Anti-Monopolist, seine Schöpfung als ungeheure Vielfalt von Kreaturen, Möglichkeiten und Wirklichkeiten, die der kapitalistischen Globalisierung entgegensteht“. Die Dreieinigkeit ist gesellschaftlich unmittelbar relevant. Gott gesellt sich zu den Menschen. Die kürzeste Beschreibung und das knappste Bekenntnis gelang ihm 2011 am Ende seines Lebens im Bändchen Heilige Vergänglichkeit: „Ihm, Jesus, glaube ich Gott.“ Auf diese Weise bearbeitete Kurt Marti seine in einem frühen Gedicht konstatierte „Passion des Wortes GOTT“ und die Frage, ob diese „geräumte Metapher“ noch zu rezyklieren sei. Die gerade mit der „geselligen Gottheit“ erreichte theologische Kreativität und Eigenständigkeit beeindruckt nicht nur mich zutiefst, Martis Begrifflichkeit und Sprachbilder wirken nachhaltig weiter.

Auch der evangelische Theologe Eberhard Jüngel lobte Martis theologische Entwürfe, seine „taufrische, die Weltleidenschaft Gottes bezeugende Sprache“, seine „pointensichere Vergegenwärtigung christlicher Überlieferungen, bei der theologische Provokation und sensible Poesie eine glückliche Verbindung eingehen: eine Verbindung, die sogar der liturgischen Sprache der Kirche neuen Atem einhaucht“.

Kurt Marti ließ sich auf die feministische Theologie ein. Sein Werk bietet viele – noch wenig rezipierte und allerdings stark in der Dualität Mann/Frau verhaftete – Anknüpfungspunkte für Theologien, in denen Geschlechteridentitäten, Sexualität und Ungleichheiten thematisiert werden: „Zärtlichkeit, eine der Töchter Gottes und unbeirrt subjektiv. Wie schwach sie auch sein mag, sie legts darauf an, das männliche Spiel zu beschämen, zu verwirren, damit wir uns vielleicht und endlich entschliessen, es abzubrechen und ein anderes, besseres zu beginnen.“ An der Feier nach seinem Tod wurde mit einem Augenzwinkern ein Blick ins Innere des Hauses Marti gewährt: Der Haushalt kam in Kurt Martis Alltag nicht vor, die Arbeit leistete seine Frau Hanni. Als kleiner Pa-triarch im Studierzimmer habe er sich für die feministische Theologie ins Zeug gelegt. Martis Perspektive wird immer auch zur Selbstbefragung.

Kurt Marti hat auch in anderer Form sein Credo auf den Punkt zu bringen versucht: „Jesus hat gelebt und gewirkt für eine Welt ohne Angst, für das Reich jenes Gottes, der kein Angstmacher, sondern ein Befreier ist.“ Es ist berührend, dass die bekannte Schweizer Rapperin Steffe la Cheffe in einer Hommage an Kurt Marti nun genau dieses Dialektgedicht von ihm interpretiert:

mir hei e kei angscht / will me / für angscht chönne z’ha / kei angscht / vor dr angscht / dörfti ha / mir hei e kei angscht / wir haben keine angst / weil man um angst haben zu können / keine angst vor der angst / haben dürfte / wir haben keine angst (Übertragung: Matthias Hui)

Kurt Marti lebt damit nicht nur in bekannten Kirchenliedern, sondern auch in zeitgenössischer Musik weiter. Sie richtet sich implizit aus auf die „allerdings verwegene, irgendwie messianische Hoffnung, dass einmal die Grenzpfähle und -zäune zwischen Sakral und Profan durchbrochen werden können“, wie er in einem Brief zu Liedtexten notierte.

Heimat Schweiz

Die „Angst vor der Angst“, die Marti wahrnimmt, ist „vielleicht eine der deutlichsten schweizerischen Eigenarten“ (Peter Bichsel). Kurt Marti hat sich zwar stets aufmerksam mit den kulturellen, theologischen und politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt; auch die DDR besuchte er mehrmals und wurde dort in kirchlichen Kreisen stark beachtet. Aber der Sitz im Leben seines Werks ist die Schweiz, insbesondere jene der 1960er- und 1970er-Jahre. Sie liebte er, so angstbeladen und eng die Verhältnisse auch waren. Ihr setzte er seinen künstlerischen und staatsbürgerlichen Nonkonformismus entgegen. Weil er seinem Land nie gleichgültig gegenüberstand, entbrannte sein Zorn immer wieder.

Ohne Mitglied einer Partei zu sein – „Meine Partei ist die Kirche“ –, verhehlte er seine linke, sozialistische Grundhaltung nie. Dass der Pfarrer und Autor Kurt Marti als verlässlich vernehmbare Referenz in zuweilen bleiernen Zeiten gesellschaftlich präsent war und glaubwürdig auch weit in (bildungs-)bürgerliche Haushalte hineinfunkte, wird in vielen Gesprächen rund um den hundersten Geburtstag anerkennend ausgesprochen.

Das in meinen Augen großartigste und persönlichste Buch, das 2021 veröffentlicht wurde, heißt Hannis Äpfel (siehe auch Seite 68). In diesen Texten aus seinem Nachlass findet sich das berührende Langgedicht Hanni. Kurt und Hanni Marti lebten über fast sechs Jahrzehnte eine große Liebe, die sie beide als riesigen Glücksfall und Geschenk empfanden. Ihren Tod 2007 überwand Kurt Marti nie, wie er in Heilige Vergänglichkeit notierte: „Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.“ In Hannis Äpfel wird neben seiner verletzlichen und intimen Seite auch Kurt Martis lyrische Meisterschaft noch einmal spürbar: als Wörtersammler, als überraschender Kombinierer und Aufdecker von Verborgenem, als verspielter Poet des Absurden und Surrealen, als fantasievoller und tiefgründiger Humorist, und als Schriftsteller, der Nebensächliches unter den Bogen des großen Ganzen zu stellen vermag.

ballhörnchen / reich und reich gesellt sich gern / wie man sich kettet so liegt man / muhe recht und scheue niemand / man muss die besten feiern wenn sie fallen / wir sind ein einig volk von biedern 

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