Religion von neurechts

Das Beispiel des Historikers Karlheinz Weißmann
Kultort für deutsch-germanische Gefühle: die Externsteine bei Horn-Bad Meinberg im Teutoburger Wald.
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Kultort für deutsch-germanische Gefühle: die Externsteine bei Horn-Bad Meinberg im Teutoburger Wald.

Nicht alle kulturell-politisch Rechten sind gleich Neonazis oder geben sich so. Es gibt auch Kreise der „Neuen Rechten“, die sich mit den Mitteln der Camouflage und auf dem Boden gesellschaftlich überwundener Gestrigkeit um Einfluss im öffentlichen Diskurs bemühen – auch im Bereich der evangelischen Kirche. Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen hat sich mit dem Fall des rechten Publizisten und Historikers Karlheinz Weißmann beschäftigt.

Die evangelische Kirche ist keine Einheitspartei, sondern ein Begegnungsraum. Sie bietet vielfältige Gelegenheiten, mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu kommen, auch mit Konservativen, manchmal sogar mit Rechten. In meiner gemeindlichen Arbeit habe ich erlebt, wie dies zu Konflikten führen konnte, man sich aber auch jenseits politischer Gegensätze austauschen konnte. Schwieriger wurde es, als ich als Hamburger Propst Gemeindestreitigkeiten und Personalprobleme zu bearbeiten hatte, bei denen dezidiert rechte Christen beteiligt waren. Hier habe ich Abgründiges erlebt.

Das nächste Kapitel meiner Geschichte mit den Rechten begann, als ich Kulturbeauftragter des Rates der EKD wurde und in die Auseinandersetzung mit Empörungspublizisten und Vertretern der AfD eintrat. Hierin sehe ich eine wichtige apologetische Aufgabe, bei der man lernen kann, andere Menschen besser zu verstehen, aber auch eigene Grundeinstellungen präziser zu fassen. Leicht ist dies nicht, manchmal sogar bis ins Körperliche hinein anstrengend, weil man als evangelischer Theologe dabei Entwertungen und Anfeindungen erfährt.Die Auseinandersetzung mit Rechten wird ein politisches und kirchliches Thema bleiben – unabhängig davon, wie es mit der AfD weitergeht. Eine theologische Perspektive kann einen Beitrag zur Orientierung leisten. Denn die „Neue Rechte“ als Brücken-Milieu zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus hat eine religiöse Seite. Diese ist vielgestaltig: von gegenmoderner Kirchlichkeit über evangelikale oder charismatische Freikirchlichkeit, spirituelles Einzelgängertum bis hin zu Neuheidnischem. Einige Vertreter formulieren sogar eine eigene Theologie. So unterschiedlich diese Impulse sein mögen, so wirkmächtig sind sie doch, weil sie eine politische Agenda religiös abstützen und aufladen.

Ein gutes Studienobjekt hierfür ist Karlheinz Weißmann. Seit vielen Jahren gilt der ehemalige Geschichts- und Religionslehrer als einer der wichtigsten Ideengeber und Netzwerker der „Neuen Rechten“. In der Öffentlichkeit ist er weniger bekannt als sein Gesinnungskamerad Götz Kubitschek, mit dem er lange zusammengearbeitet hat, bis beide sich aus strategischen und persönlichen Gründen getrennt haben. Doch kann man fragen, ob der eher im Hintergrund agierende Weißmann nicht wirkmächtiger ist als der aufmerksamkeitsbedürftige Kubitschek. Als Publizist, in der Nachwuchsgewinnung und über sein Engagement in der AfD-nahen Desiderius Erasmus-Stiftung übt er vielfältig Einfluss aus. Will man zum Beispiel die Geschichts- und Religionspolitik der AfD verstehen, kommt man an ihm nicht vorbei.

Häufig hat Weißmann seine Ideologie als Ausdruck einer christlichen Grundeinstellung vorgetragen. Er beschreibt sich selbst als konservativen Lutheraner mit ausgeprägter Vorliebe für hochkirchliche Gottesdienste. Als theologische Orientierungspunkte nennt er Theologen der Zwischenkriegszeit wie Wilhelm Stählin, Karl Bernhard Ritter und Hans Asmussen. Wenn man sich nun mit seiner Theologie beschäftigt, erlebt man einige Déjà-vus. Denn hier begegnet einem nicht einfach etwas Fremdes, über das man sich bloß empören müsste. Vielmehr stößt man auf Motive, die aus der evangelischen Theologiegeschichte gut bekannt sind. Wer sie für überwunden hielt, muss lernen, dass das vermeintlich Tote höchst lebendig ist – und dass es mehr mit „uns“ zu tun hat, als „uns“ lieb sein mag.

Vergleicht man den deutschen Protestantismus von heute mit dem von 1959 – Weißmanns Geburtsjahr –, muss man sagen, dass das nationalkonservative Luthertum tatsächlich zu den Verlierern der neueren Kirchengeschichte gehört. In Leitungsämtern und auf Lehrstühlen, in Bildungseinrichtungen und Publizistik hatten damals revisionistische Kräfte großen Einfluss. Deren Entmachtung vollzog sich schrittweise von den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren.

Es war ein langer Weg des deutschen Protestantismus, bis er seinen Platz in der Demokratie gefunden hatte. Verbunden damit war eine epochale innere Demokratisierung. Diesen in der Tat „großen Kurswechsel“ (Weißmann) hat eine Minderheit nicht mitgemacht. In dieses Milieu theologischer Modernisierungsverweigerer muss Weißmann eingezeichnet werden. Bedenkt man, dass der demokratische Protestantismus inzwischen selbst zu den Verlierern nächster Modernisierungswellen zu werden droht, fragt man sich, ob jemand wie Weißmann sich nicht zukünftig als Gewinner verstehen könnte. Deshalb ist es so wichtig, seine theologischen Motive zu verstehen.

Weißmann versteht sich als „rechts“. Gemeint ist damit ein autoritärer Nationalismus: Staat und Nation sollen ein „Ganzes“ bilden, dazu gehört eine deutsch-christliche Identität. Das Theologisch-Kirchliche kommt dabei allerdings nie als eigenständige Größe vor, sondern ist immer funktional untergeordnet. Weißmanns Hauptgegner ist der „Liberalismus“ beziehungsweise die „Dekadenz“. Diese habe die vermeintlich gute alte Ordnung zerstört. Zur „Dekadenz“ gehöre auch der demokratische Protestantismus, der Prinzipien der Aufklärung wie die universalen Menschenrechte angenommen hat. Aus diesem Grund ist Weißmann nicht antimuslimisch: Sein Feind ist weniger der Fremde als der liberale Mitbürger und Mitchrist. Interessant ist, wen Weißmann als seinen wichtigsten theologischen Gewährsmann anführt: Emanuel Hirsch (1888 – 1972). Dieser war für die evangelische Theologie das, was Martin Heidegger für die Philosophie oder Carl Schmitt für das Staatsrecht gewesen ist: ein bedeutender Gelehrter und faszinierender Denker, der persönlich als abgründig erscheint und politisch als hochgradig kompromittiert gilt. An Hirschs „Deutsches Christentum“ will Weißmann anschließen.

Da stellt sich die Antisemitismus-Frage. Weißmann plädiert nämlich dafür, alle alt-israelitischen und jüdischen Traditionselemente aus dem Christentum zu verbannen und es stattdessen mit heidnisch-germanischen Motiven anzureichern. Er will also das Programm eines völkischen Chris-tentums neu auflegen. Allerdings traut er sich nicht, es so deutlich zu sagen, wie die nationalsozialistischen „Entjudungstheologen“ es vorgemacht haben. Geschmeidig passt Weißmann sich dem „Zeitgeist“ einer entnazifizierten Bundesrepublik an, in der ausdrückliche Judenfeindlichkeit geächtet ist. Doch man muss nur ein wenig an der Fassade seiner Texte kratzen, schon stößt man auf dieses giftige Erbe.

Für die Beantwortung der Antisemitismus-Frage mit Blick auf Weißmann ist es nicht erheblich, ob er jüdische Menschen hasst oder nicht. Es geht weniger um eine persönliche als um eine geschichtspolitische – und eben auch theologische – Frage. Weißmann hält es wie die Neue Rechte insgesamt: Er leugnet die Shoa nicht, aber er vermeidet es, sie zum Thema zu machen. Er will verhindern, dass sie Anlass eines deutschen Nachdenkens über sich selbst wird oder gar zu einer Kritik seines radikalen Nationalismus führt. Dazu muss man sein wichtigstes Buch erinnern, seine notorische Geschichte der NS-Diktatur: „Der Weg in den Abgrund“ (1995). Geradezu virtuos benennt er darin deutsche Schuld, um sie sogleich zu relativieren. Er beschreibt die Entwicklung des mörderischen Antisemitismus so, dass die Frage der Verantwortung offenbleibt: „Die ‚Endlösung‘ war das Ergebnis von selbst geschaffenen ‚Sachzwängen‘ und einem Erwartungsdruck, der durch die antisemitische Rassenideologie immer neu aufgebaut und verstärkt wurde.“

Ausschließlich Täterzitate

Weißmann folgt durchgängig der NS-Phraseologie. Er setzt sie in Anführungszeichen, aber sie bildet den Wortschatz, mit dem er die Ermordung des europäischen Judentums schildert. Das entscheidende Kapitel präsentiert ausschließlich Zitate von Tätern. Dessen Abschluss bildet ein langes, unkommentiertes Zitat aus Heinrich Himmlers berüchtigter Posener Rede vor SS-Führern am 4. Oktober 1943. Darin pries dieser bekanntlich die Leistung der SS-Männer, in ihrem mörderischen Tun „anständig geblieben zu sein“. Wenn nun Weißmann ein völkisches Christentum propagiert, ohne dessen Gewaltkontext zu erwähnen oder zu reflektieren, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, ein antisemitisches Erbe fortzuschreiben. Wie gesagt, seine Zu- oder Abneigung gegenüber jüdischen Menschen ist hier weniger bedeutsam als sein spezifisch neurechter „Schuldabwehrkomplex“. Die damit gegebene Gewaltträchtigkeit dieser Art von Theologie wird von Weißmann nicht thematisiert. Befremdlich, aber auch passend, ist, dass Weißmann sich intensiv der Erforschung „germanischer“ Mythen und Symbole gewidmet hat. Ihnen hat er einen wesentlichen Teil seiner Lebensarbeitszeit geopfert, ohne jedoch zu erklären, was er damit bezweckt. Er muss doch wissen, dass es sich bei Runen, Hakenkreuz oder Irminsul selten um authentisch-germanische Zeichen, sondern zumeist um Erfindungen einer völkischen Retro-Utopie aus den 1920er-Jahren handelt. Auch müsste ihm ihr antichristlicher Charakter bekannt sein. Warum also schenkt der vermeintliche Lutheraner ihnen so viel Aufmerksamkeit?

Die Erklärung lautet: Weißmann ist die Unbestimmtheit seiner nationalistischen Idee bewusst, deshalb muss er sie religiös verklären. Mit den Mitteln des alten Luthertums geht das nicht. Für eine Sakralisierung des Nationalen stehen ihm lediglich die völkischen Erfindungen zur Verfügung. Er ist sich zu fein, um sie in einem emphatischen Sinne zu präsentieren. Aber er kann auch nicht von ihnen lassen. Zu groß ist seine Sehnsucht nach machtvollen Zeichen eines starken Deutschtums. Zu gut weiß er um ihre Beliebtheit in der rechtsextremen Szene.

Bei Neuen Rechten wird oft die Frage gestellt, ob sie noch konservativ oder schon rechtsextrem sind. Diese Frage ist falsch gestellt. Denn es geht ihnen darum, diese Alternative ins Vage zu führen und beide Ideenmilieus zu verbinden. Am besten gelingt Weißmann dies als Geschichtserfinder, der Ideologisches, Historisches, Religiöses und Mythisches zusammenrührt. Götz Kubitschek hat einmal geschildert, wie Weißmann Mitte der 1990er-Jahre eine Rede hielt, deren Kern diese Linienführung war: „Er ließ an den Hörern den historischen Zug der Deutschen vorbeiziehen, nannte Kaisergeschlechter, Bauernführer, Siedler, Künstler, Denker, Epochen, alles selbstverständlich und vor allem ohne Relativierung. Als er auf die Epoche des 3. Reichs zusteuerte, hielt der Saal den Atem an. Und Weißmann rief die Frontsoldaten, die Männer des 20. Juli, die KZ-Häftlinge, die letzten Verteidiger der Ostgrenzen, die Vertriebenen und die Spätheimkehrer auf; … dann, ohne die Abfolge zu unterbrechen, die Arbeiter des 17. Juni 1953, um mit denen zu enden, die die Mauer eingerissen hatten … Seit jenem Tag weiß ich, was das ‚Geheime Deutschland‘ ist.“ Kubitschek hat dies 2015 in der ihm eigenen vergröbernden, aber massentauglicheren Weise einer begeisterten Menge auf einer Legida-Demonstration vorgetragen.

Diese Konstruktion eines „geheimen Deutschlands“ ist nicht ungeschickt gemacht. Sie erweckt den Eindruck, als gebe es eine von Niederlage und Schuld unberührte, herrliche nationale Tradition. Weit greift sie zurück bis ins Altgermanische, malt eine lange Kette aus glänzenden Machthabern und erhabenen Geistesheroen – Luther mittendrin –, so dass man nur stolz darauf sein kann, sich ihr als Deutscher zugehörig fühlen zu dürfen. Zudem immunisiert sie durch die knappe Erwähnung von „KZ-Häftlingen“ gegen Kritik – wobei die Millionen der Ermordeten natürlich ungenannt bleiben. Außerdem wird durch den Bezug auf Widerstandskämpfer der Eindruck erweckt, man habe nichts mit der NS-Diktatur zu tun. So entsteht das für manche Menschen hochattraktive Bild eines „geheimen Deutschlands“, Inbegriff einer völkischen Geschichtstheologie der Niederlage.

Ideenpolitische Revanche

Weißmann formuliert eine Politische Theologie ohne Theologie. Sie macht das Christentum zum Instrument einer nationalistischen Identitätsstabilisierung und beraubt es seiner universalistischen Perspektive. Es verliert sein Eigenrecht als Religion und wird zu einer bloßen Funktion der nationalen Ordnung. Doch gelingt es Weißmann nicht, sein Programm zu begründen, inhaltlich auszuführen oder religiös-ästhetisch zu gestalten. Er unterzieht sich gar nicht den Mühen einer konstruktiven theologischen Arbeit, sondern wählt den bequemeren Weg der polemischen Abkürzung. Wieder und wieder trägt er eine massive Kirchenkritik vor. Natürlich kann man an der demokratisch gewordenen evangelischen Kirche vieles grundsätzlich und im Detail kritisieren.

Doch was Weißmann vorführt, ist eine Ideologiekritik der problematischen Sorte. Sie beschränkt sich darauf, das falsche Bewusstsein der anderen vorzuführen, um so die Richtigkeit der eigenen ideologischen Position zu erweisen. Seine Kritik des Mehrheitsprotestantismus ist dabei stets moralisierend: Die Position der anderen wird nie für sich wahrgenommen, sondern immer sofort als „böse“ markiert. Zweitens ist seine Kritik des Mehrheitsprotestantismus stets politisch motiviert, dient sie doch der Plausibilisierung eines entgegengesetzten ideenpolitischen Projekts. Das also, was er an der evangelischen Kirche kritisiert, trifft in weitaus höherem Maße auf ihn selbst zu: Seine politische Theologie ist hypermoralisch, weil sie allein nach dem Schema „gut/wir – böse/die anderen“ arbeitet, und sie ist überpolitisiert, weil sie einer ideenpolitischen Revanche dient. Sie ist der Versuch, aus einer antimodernistischen Verbitterung heraus die evangelische Kirche als eine Stimme christlicher Humanität in der Öffentlichkeit zum Schweigen zu bringen. Damit erzielt er einige Wirkung, bis ins Bürgertum hinein.

Ein Beispiel dafür, dass diese Art von Kirchenkritik ein Publikum erreichen und politische Folgen zeitigen kann, bietet Weißmanns Schüler und Weggefährte Benjamin Hasselhorn. Dieser hatte während und nach dem Reformationsjubiläum wiederholt eine scharf entwertende Kritik des demokratischen Protestantismus veröffentlicht und war damit ein wichtiger Stichwortgeber für die Kirchenkritik der AfD geworden. Hasselhorn hat der Behauptung widersprochen, er stünde den „Neuen Rechten“ nahe. Im Dezemberheft des Merkur jedoch hat der Historiker Niklas Weber seine biografischen und vor allem geschichtspolitischen Verbindungen zu Weißmann ausführlich dargestellt.

Dies sei hier nur erwähnt, weil Hasselhorn mehrfach in den zeitzeichen veröffentlicht hat. 

 

Literaturhinweise:

Im Mai erscheint unter dem Titel „Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik“ ein Buch zum Thema von Johann Hinrich Claussen, Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt und Arnulf von Scheliha im Mohr Siebeck Verlag, Tübingen

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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