Guckt mal in den Süden!

Wenn schon übers Impfen schimpfen, dann richtig.

Kein Termin bei der Impfhotline bekommen? Noch immer keine Impfung für Lehrer*innen und Erzieher*innen? Zwei-Klassen-Gesellschaft bei der Wahl des Impfstoffs? Alles ärgerlich, aber auch "First-World-Problems"! Dabei leben wir doch auf einer Welt, in der globale Probleme doch nur global gelöst werden können.

Das Schimpfen übers Impfen liegt gerade sehr im Trend – und es gibt ja auch Anlass dafür. Wer stundenlang vergeblich in Telefonwarteschleifen hängt oder immer wieder erfolglos im Internet versucht, einen Impftermin für sich oder die betagten Eltern zu bekommen, fragt sich zurecht, ob diese Infrastruktur nicht früher und funktionaler hätte errichtet werden können. Und dass einerseits sehr wenig Impfstoff da ist und anderseits „Reste“ in Lokalpolitiker und zuweilen auch leitende Geistliche gespritzt werden, ist ebenso fragwürdig wie die glaubhaften Berichte aus einem Berliner Krankenhaus, wo leitende Ärzte den Biontech-Impfstoff bekommen und die Mediziner aus dem Mittelbau sich mit AstraZeneca begnügen müssen. Nix gegen den Impfstoff aus Oxford, aber man wundert sich doch über solche feinen Unterschiede.

Doch mit Verlaub: Das sind First-World-Problems! Sie müssen auch gelöst werden. Doch was wäre eigentlich los, wenn in Deutschland das Ziel ausgegeben würde, bis Ende 2021 ein Fünftel der Bevölkerung zu impfen? Das ist nämlich die Perspektive in 92 Entwicklungs- und Schwellenländern. Und selbst ob das gelingt, ist noch unklar. Denn der globalen Impfstoffplattform COVAX, die sich für einen weltweiten Zugang zu den Impfstoffen einsetzt und dafür bei den Pharmaunternehmen einkauft, fehlen noch über 20 Milliarden US-Dollar für die notwendigen zwei Milliarden Impfdosen. Mit denen könnte man etwa zumindest schon mal das medizinische Personal in afrikanischen Kliniken impfen. Die Europäische Union hat bislang 500 Millionen Euro für COVAX gegeben und vor wenigen Tagen weitere fünfhundert Millionen Euro zugesagt. Doch da ist noch Luft nach oben. Immerhin wollen die USA unter ihrem neuen Präsidenten Biden vier Milliarden Euro geben, Deutschland immerhin eine Milliarde und weitere 500 Millionen Euro für die WHO.

Aufregung über den angeblichen „Geiz“ der EU gab es ja in den vergangenen Monaten genügend, er bezog sich allerdings auf die Verträge mit den Herstellern, die der Versorgung der eigenen Bevölkerung galten. Wer sich aber nun darüber mokiert, dass das Vereinigte Königreich oder die USA offenbar bessere Deals mit den Pharmaunternehmen gemacht haben, sollte darauf hingewiesen werden, dass sich die reichsten 14 Prozent der Welt durch all ihre Verträge bereits mehr als die Hälfte der Impfdosen gesichert haben.

Und dazu gehören auch wir. Deshalb kann die Bundesregierung versprechen, bis zum Ende des Sommers ein „Impfangebot“ zu machen – und nicht nur jedem fünften. Und ob das nun heißt, dass alle, die wollen, tatsächlich geimpft sind oder nur einen Termin bekommen, das ist auch so ein First-World-Problem. Man kann angesichts des wiedererstarkenden Nationalismus offenbar nicht oft genug darauf hinweisen: Covid-19 hat uns in eine globale Krise geführt, die nur global gelöst werden kann. Denn was nützt ein geimpfter Norden, wenn im Süden der Welt das Virus munter weiter mutiert? Und wenn die Lösung nicht in einer gemeinsamen Einkaufsplattform für Impfstoffe liegt, dann vielleicht in einem anderen Umgang mit Patentschutz? Impfstoffe könnten ja auch als Gemeingut gesehen werden, in deren Entwicklung viel Steuergelder geflossen sind. Ein Perspektivenwechsel ist nötig, wie schon beim Klimaschutz. Denn es ist ja eine Welt, die sich gemeinsam den weltweiten Problemen stellen muss.

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