Welchen Islam und wie von ihm sprechen?

Ein Podcast des EKD-Kulturbeauftragten Johann Hinrich Claussen mit dem Hamburger Pädagogen Kurt Edler über die Fragen von Islam und Islamismus
Kurt Edler
Foto: privat
Kurt Edler (geboren 1950), Pädagoge und Schulpolitiker in Hamburg.

Kürzlich machte ein Aufruf gegen den «Politischen Islam» von sich hören. Der EKD-Kulturbeauftragte und zeitzeichen-Autor Johann Hinrich Claussen spricht in einem neuen Podcast aus seiner Reihe «Draußen mit Claussen» mit dem Hamburger Demokratiepädagogen Kurt Edler darüber, wie mit dem Thema möglichst unaufgeregt und sinnvoll umzugehen ist.

Vor drei Monaten erregte ein Aufruf gegen den «Politischen Islam» für ein gewisses Aufsehen. Normalerweise nehme ich Aufrufe, Petitionen und Offene Briefe nicht zur Kenntnis. Ich mag diese Literaturgattung grundsätzlich nicht. Selten sind es gut formulierte Texte mit eigenen Gedanken, meist geht es darum, als Gruppe eine Position zu besetzen und andere Diskursteilnehmer zu verdrängen, also um kommunikative Aggression.

In diesem Fall habe ich mal eine Ausnahme gemacht. Denn zum einen brachte die Überschrift mich ins Nachdenken: Sollte man in Zukunft lieber von «Politischem Islam» sprechen anstatt wie bisher von «Islamismus» oder «islamischer Fundamentalismus» oder «islamistischer Terrorismus»? Manchmal eröffnen andere Begriffe ja neue Sichtweisen. Doch so richtig überzeugt hat es mich nicht. Soll damit gesagt werden, dass der Islam an und für sich politisch (also politisch gefährlich) ist? Und wie verhielte es sich dann mit dem «Politischen Christentum» oder dem «Politischen Judentum»? Oder der «Öffentlichen Theologie»?

Zum anderen bin ich jedoch darüber ins Grübeln gekommen, ob dieser Aufruf nicht auf einen wunden Punkt aufmerksam macht. Ignoriert die liberale Öffentlichkeit eine erhebliche Gefahr, und ist die evangelische Kirche hier zu naiv oder zu still? Es ist mir in der letzten Zeit häufig aufgefallen, wie sehr unser ehemaliges Premium-Produkt «religiöser Dialog» an Strahlkraft verloren hat und bei vielen, auch uns eigentlich Wohlgesonnenen, eher Skepsis auslöst, wenn nicht sogar für den Verdacht, wir wären viel zu zahm.

Für sich selbst «Grundgesetzklarheit» zu entwickeln

In meiner Ratlosigkeit habe ich deshalb ein Podcast-Gespräch mit Kurt Edler geführt. Seit vielen Jahren arbeitet er in Hamburg als Demokratie-Pädagoge. Intensiv berät er Schulen bei Konflikten mit radikalisierten Jugendlichen. Vor drei Jahren hat er ein sehr anregendes Buch über «Islamismus als pädagogische Herausforderung» veröffentlicht. In diesem Zusammenhang habe ich ihn damals schon für zeitzeichen besucht. Von ihm kann man lernen, wie wenig erhitzte Debatten um große Schlagworte bringen. Es gilt, sich die soziale – und zum Beispiel schulische – Situation genau anzusehen. Es gilt, sich präzise über Anwerbestrategien und Radikalisierungsprozesse zu informieren. Für sich selbst «Grundgesetzklarheit» zu entwickeln. Den Blick für Jugendliche in schwierigen Situationen zu öffnen. Für einen guten Religionsunterricht einzutreten, in dem Religion als Bildungsgegenstand verstanden und besprochen werden kann.

Und weil Edler ein intimer Kenner der französischen Politik und Bildungslandschaft ist, kann er die hochinteressanten Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich in dieser Frage beschreiben. Seine Lehre daraus: Wenig ist so schädlich, wie ein von oben beförderter Kulturkonflikt. Macron ist für ihn kein Vorbild, sondern ein abschreckendes Beispiel. Deshalb warnt Edler eindrücklich davor, die Angst vieler Lehrkräfte nicht ernst zu nehmen: «Wir haben viele Lehrer, die nur die Hoffnung haben, dass der Kulturkrieg in ihrer Stunde nicht ausbricht.»

Wer sich dieses Podcast-Gespräch anhören möchte, klicke hier.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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