Gott hat es nicht gefallen...

Gedanken und ein Gedicht zum hundertsten Geburtstag von Kurt Marti
Kurt Marti (1921-2017), Porträtaufnahme von 1988.
Foto: Niklaus Stauss
Kurt Marti (1921-2017), Porträtaufnahme von 1988.

Der Schweizer reformierte Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti (1921-2017) hätte morgen, am 31. Januar, seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Er stieß mit seinen Gedichten, Aphorismen, Essays und Predigten auf große Resonanz in und außerhalb von Kirche und Theologie. Er befreite dogmatische Sätze von ihrer Vorhersehbarkeit und konnte den Glauben in einer aufrüttelnden und zugleich poetischen Sprache fassen.  Dazu ein Beitrag zeitzeichen-Herausgeberin von Isolde Karle.

Bereits als Jugendliche hat mich besonders ein Gedicht von Kurt Marti beeindruckt. Es hat mein theologisches Nachdenken angeregt und mir vor Gräbern stehend geholfen. Das Gedicht ist den „Leichenreden“ entnommen, ein Buch, das Kurt Marti 1969 veröffentlichte und das seither immer wieder neu aufgelegt wird. Marti setzt sich darin mit den Konventionen von Bestattungsritualen auseinander und protestiert gegen den Satz, Gott habe es gefallen, N.N. aus diesem Leben abzuberufen. Er schreibt:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips 
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen, 
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips

Christen sind Protestleute gegen den Tod (Christoph Blumhardt). Gott hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Nicht alles, was geschieht, ist sein Wille. In Jesus Christus steht Gott vielmehr auf der Seite der Trauernden und Leidenden, der Ausgegrenzten und Unterdrückten. Sein Geist ist dort lebendig, wo dem Zynismus entgegengewirkt wirkt, wo Sinnlosigkeit nicht in Sinn umgelogen, sondern echter Trost und tragende Hoffnung vermittelt wird.

Kurt Marti war ein Sprachkünstler – feinsinnig, witzig und geistreich. Er gehört zu den bedeutendsten Autoren der Schweiz, viele Preise wurde ihm verliehen wie der Kurt-Tucholsky-Preis für sein Gesamtwerk, der Karl-Barth-Preis für sein theopoetisches Werk sowie weitere Literatur- und Predigtpreise. Martis Poesie war sowohl theologisch als auch politisch provokant. So ist es wohl seinen kritischen Kommentaren zum politischen Zeitgeschehen zuzuschreiben, dass der Regierungsrat des Kantons Bern es ihm verweigerte, eine homiletische Professur an der evangelisch-theologischen Fakultät in Bern zu übernehmen.

Marti hat die Unabhängigkeit des Denkens und Dichtens genossen. Seine Poesie wusste die Wirklichkeit pointiert zu beschreiben und zugleich zu transzendieren. Nicht wenige seiner Gedichte wurden vertont, einige haben Eingang ins Gesangbuch gefunden wie zum Beispiel „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“. Auch Martis bekanntes Gedicht „Das könnte den Herren der Welt ja so passen“ wurde zu einem Osterlied und auf Ostermärschen und Kirchentagen gesungen – Ostern als Protest.

Danke, Kurt Marti, für dieses Vermächtnis.

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