Widerstand

Neue Biografie: Sophie Scholl

In dem Theaterstück „Biografie. Ein Spiel“ von Max Frisch bekommt der Protagonist die Möglichkeit, sein Leben immer wieder neu zu erzählen, sich an den Wendepunkten anders zu entscheiden – so entsteht ein biografisches Kaleidoskop. Der Theologe Robert M. Zoske beschreibt zwischen Endspiel und Nachspiel, eingerahmt von Prolog und Epilog, elf verschiedene Facetten der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Wer dieses Leben darstellen will, kommt nicht um die Widersprüchlichkeiten in ihrer Biografie herum. Sie sind ihrem Leben geschuldet, „ein langer, zum Teil schmerzhafter Entwicklungsprozess“ und ebenso der Zeit, in der die Vorsicht eine wichtige Tugend war. Zoske relativiert, ordnet Sophie Scholl als ein Mitglied in den inneren Kreis der Weißen Rose ein. Als sie in die Gruppe kam, hatten ihr Bruder Hans und sein Freund Alexander Schmorell bereits die ersten vier Flugblätter, die den Namen der Weißen Rose trugen, verfasst und verschickt. Und wer könnte darüber besser Auskunft geben als der Hans-Scholl-Biograf Robert M. Zoske, der zuvor über den Widerständler eine ebenso umfangreiche wie akribisch recherchierte Dissertation vorgelegt hat?

Die Heroisierung Sophie Scholls hat indes schon früh begonnen, und die Vereinnahmung reicht bis in die Gegenwart hinein. Nur mit Entmythologisierung und Historisierung kann man dem entgehen. Die Historikerin Barbara Beuys hat diesen Weg begonnen, den der Theologe und Historiker Zoske nun fortgesetzt hat.

Und es ist der Theologe Zoske, der immer wieder den religiösen Einflüssen nachgeht – auch da im Übrigen durchaus auf den Wegen, die zum Teil schon Beuys freigelegt hat –, dem Einfluss der Mutter zum Beispiel, bis zur Heirat eine schwäbische Diakonisse, die in ihrer pietistischen Frömmigkeit einen tiefen Glauben mit der praktischen Nächstenliebe verband und ihre Tochter darin bis zuletzt entscheidend prägte. Neben der „Tochter“ gerät die „Konfirmandin“ in den Blick. Ihr Konfirmator Gustav Oehler befürwortete zwar anfangs den Aufbruch im Deutschen Reich, der durch den Nationalsozialismus herbeigeführt wurde, aber schon bald forderte er die Gemeinden auf, den Verordnungen der Reichskirchenregierung „Wort und Tat“ entgegenzusetzen. Dass Worte zu Taten werden sollen, findet sich im württembergischen Katechismus als eine zentrale Forderung gleich zu Anfang; Sophie Scholl hatte sie verinnerlicht, sie wollte nicht schuldig werden. Zoske hält fest: „Sophies Frömmigkeit hat entscheidende Impulse durch den Konfirmationsunterricht erhalten.“

Dazwischen findet sich das Kapitel über das „Hitlermädchen“ – die „Soffer“, das „Buabamäddel“ mit dem Kurzhaarschnitt, die auf Bäume kletterte, an der gefährlichsten Stelle durch den Fluss schwamm, die raufte und später auch rauchte und zur Hitlerjugend ging wie all ihre Geschwister.

Erstaunlich lange ist sie dabei, aber wie lange? Bis zum Jahr 1937 – wie sie selbst schreibt und so auch von ihrer Freundin Susanne Hirzel bestätigt – oder doch bis 1941, als sie sich entscheidet, in den Widerstand zu gehen? Ist sie da, wie sie 1942 sagte, „aufgewacht“? Siegte bis dahin die Pflichterfüllung über den Freiheitsdrang, wie Zoske schreib? Oder blieb ihr nichts anderes übrig, weil die Familie Scholl längst im Visier der Gestapo war, weil es da eine Hausdurchsuchung gab, bei der die Beamten genüsslich aus dem Tagebuch der Schwester lasen, und weil die Geschwister Hans, Sophie und Werner bereits einmal im Gefängnis waren wie zuletzt auch der Vater? Schriftliches findet sich nichts, aus gutem Grund, klären lässt es sich nicht mehr.

Zoske greift in den Kapiteln immer wieder vor, bezieht sich auf Zurückliegendes, es sind eben Facetten, die sich schlecht abgrenzen lassen. Aber gerade so entsteht jenes Bild, das Scholl am nächsten kommt. Sie hat ihre Ansichten und Prinzipien, da-rum hat sie gerungen.

Wann wusste Scholl von den Flugblättern und welches ist ihr Anteil? Letztlich klären lassen sich auch diese Fragen nicht, gesichert ist, dass ihre Entscheidung feststand, sich in München am Widerstand zu beteiligen. Aus der „Studentin“ wird die „Rebellin“. In alledem bemühte sie sich um ein persönliches Verhältnis zu Gott.

Durch die elf Facetten Sophie Scholls zieht sich eine zwölfte, die der Gottessucherin. Sie will sich an das Seil klammern, das ihr Gott in Jesus Christus zugeworfen hat. Darin sucht sie Halt und Rettung. Aus der „Rebellin“ wird zuletzt die „Märtyrerin“. Der katholische Gelehrte Carl Muth und der zum Katholizismus konvertierte Schriftsteller Theodor Haecker werden zu den Mentoren des Widerstandskreises. Am Ende nahm sie ohne innere Erregung das Todesurteil entgegen. Für die Freiheit war sie bereit zu sterben – zweimal hat sie das Wort auf der Rückseite des Blattes geschrieben, das ihr Urteil enthielt. Aus dem Glauben heraus, um den sie rang, hat sie gehandelt, aber sie war sich auch sicher, dass es dieser Glaube ist, der sie am Ende hält.

Ausdrücklich spricht sich Zoske gegen eine „Saulus-Paulus-Konversion“ von Sophie Scholl aus, und er weiß dies überzeugend zu belegen. Ihm gelingt es, Sophie Scholls Bedeutung innerhalb der Widerstandsgruppe einerseits zu relativieren und zugleich sie als „eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau“ zu würdigen. Seiner Meinung nach darf sie „angesichts ihrer Tat Ikone – ein Vor- und Leitbild – für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Widerständigkeit sein“.

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