Wohltuend im Ton

Religiosität in Zukunft

Der Abschied vom klassischen Christentum – was immer das gewesen sein mag – und die Suche nach einer Religion der Zukunft hat eine lange Geschichte, die in die Tiefen, aber auch Abgründe der Geistesgeschichte führt. Wer sich mit ihr beschäftigt, begegnet notwendigen Abschieden, mutigen Aufbrüchen, aber auch destruktiven Tendenzen und falschen Verheißungen.

Nun hat Stefan Seidel, Leitender Redakteur der sächsischen Kirchenzeitung Der Sonntag, dieser alten Tradition ein neues Kapitel hinzugefügt: einen gebildeten, nachdenklichen, engagierten und gut geschriebenen Essay. Kundig führt er seine Leser durch die neueren Debatten zur Säkularisierung, ehrlich analysiert er kirchliche Traditionsabbrüche, neugierig sucht er nach verborgenen Spuren des Religiösen, originell setzt er eigene Akzente.

Wohltuend ist sein Ton. Es ist ja ein enervierender Widerspruch, dass der Glaube eigentlich etwas Zartes sein will, das einen Menschen von innen her verwandelt, wenn über ihn aber öffentlich gesprochen wird, geschieht das fast nur im Modus der Erregung. Seidel scheut die heiklen Fragen nicht, weicht kritischen Diskussionen nicht aus, trägt das Seine aber stets ruhig und konstruktiv vor. Die billige Methode, die eigene Position dadurch zu stärken, dass andere Positionen abgewertet werden, nutzt er nicht. Das hat er nicht nötig, damit hält er sich nicht auf.

Deshalb ist sein Buch gerade auch für diejenigen gut zu lesen, die ein anderes, vielleicht konservativeres Bild von der Zukunft des Glaubens haben.

Seidel geht davon aus, dass das bisherige kirchliche Christentum ohne seine ehemaligen Stützen „Tradition, Konvention und Macht“ keine große Zukunft mehr vor sich hat.

Andererseits geht er mit neueren Säkularisierungstheorien davon aus, dass es Religion, auch christliche Religiosität, weiterhin geben wird, allerdings in verwandelter Form. Mehr noch, dies ist ihm ein eminentes Anliegen: Denn Religiosität ist für ihn eine unverzichtbare Quelle der Humanität, des Bewusstseins, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Funktionen, dass seine Würde etwas ganz anderes ist als sein Erfolg, dass die Brüche des Lebens der Riss sind, durch den die Gnade kommen kann. Dafür einen Sinn zu wecken und eine zeitgemäße Sprache zu finden, ist sein Anliegen. Fündig wird er vor allem bei Lyrikern: Christian Lehnert zum Beispiel, Tomas Tranströmer oder – deutlich weniger bekannt, aber ebenfalls sehr anregend – Silja Walter.

Das führt natürlich in Richtung romantisches Religionsverständnis, Kunst-Andacht und Intellektuellenspiritualität. Seidel schreibt über Religion an die Gebildeten unter denen, die sich nach einem eigenen Glauben sehnen. Doch diese Fokussierung sollte man nicht kritisieren. Sie hat ihr gutes Recht, wird diese Gruppe doch viel zu selten von kirchlichen Akteuren ernst genommen und angesprochen. Außerdem entfaltet sich in dieser Richtung seine persönliche Begabung und Frömmigkeit.

Zudem begeht Seidel nicht den Fehler, seine eigene Wünschelrute zum Universalschlüssel zu erklären. Vielmehr lässt er in Passagen über die Würde und die Ehrfurcht das Bewusstsein dafür anklingen, dass es im Glauben ganz wesentlich, aber nicht ausschließlich um individuelle Sinnerfahrungen geht, sondern immer auch um die Sorge für den Nächsten und das Wohl des Ganzen. Seidel ist ein Traktat gelungen, das Ehrlichkeit und Bescheidenheit mit Neugier und Hoffnung verknüpft und so zum eigenen Weiterdenken anregt  – ja, im besten Sinne, der Erbauung dient.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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