Doppelbelichtung

Die Erfindung des Katholizismus

Intrigen, Trickserei um Abstimmungsmodi, Hinterzimmergespräche, Druck und Drohungen – man kennt das von Parteitagen. Beim ersten Vatikanischen Konzil vor 150 Jahren war das nicht anders, auch wenn sich da Herren der die Kirche allein regierenden Partei trafen. Fraktionen gab es aber wohl – im Grunde nur zwei, die darüber, wie mit den Erschütterungen durch die Französische Revolution (1789) umzugehen sei, über Kreuz lagen.

Grob gesagt, setzte die eine auf Tradition und etwas Aufklärung, die andere auf eine zentralistische, straff auf den Papst fixierte Kirche, was man auch Ultramontanismus nennt. Diese Fraktion hat sich mit dem dogmatischen Papier Pastor aeternus 1870 durchgesetzt, mit eminenten Folgen. Zentral darin sind die päpstliche Unfehlbarkeit und der Jurisdiktionsprimat, was heißt, dass der Papst jederzeit und überall eingreifen und bestimmen kann und es seither weidlich tat. Eine inzwischen so verfestigte Position übrigens, dass selbst reformwilligste Katholiken bis heute erst darauf schielen, was wohl Rom, also der Papst dazu sage.

Der Kirchengeschichtsprofessor Hubert Wolf aus Münster fragt in Der Unfehlbare aber vor allem, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Er bettet die Biografie von Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti; 1792-1878; sein Pontifikat währte fast 32 Jahre) so kenntnisreich wie pointiert in einen großen historischen Bogen, der von der tiefen politischen und weltanschaulichen Krise seit 1789 letztlich bis zur Gegenwart reicht. Diese auch erzählerisch ansprechende Einordnung macht die Erschütterung der Kirche und ihrer Protagonisten gut nachvollziehbar, zeigt theologisch sauber und schonungslos aber auch, dass und wie das 1870 dagegen gewählte Mittel mit der eigenen Tradition und Lehre bricht. Wolf fasst das in eine jener knackigen Sentenzen, die er so schätzt: „Wo Tradition draufsteht, ist eben meist eine Neuerfindung drin.“ Erkenntnisgewinn macht bei ihm zudem auch oft Spaß, weil er ein Händchen für markante Anekdoten hat. Hier ist es die vom treu ergebenen Dominikanerkardinal, den der Mastai-Papst wegen eines theologisch wichtigen, ihm jedoch nicht genehmen Hinweises beim Konzil demütigt: „Doch, es ist ein Irrtum, denn ich, ich bin die Tradition, ich, ich bin die Kirche!“ Weil er sich dabei aber so sehr aufregt, dass er einen Anfall fürchtet, will der Choleriker danach von seinem Leibarzt Medizin. Der verordnet ihm – ein Abführmittel. So endet der Buchprolog, was zumindest zeigt, dass Wolf trotz skrupelloser Ränke, logischem Unfug und charakterlicher Untiefen so einiger an den Entscheidungen Beteiligter, die weitreichende Folgen für die Institution hatten und haben, der er selbst als Priester angehört, seinen Humor immerhin behalten hat.

Ob das schon Sarkasmus ist, darf man aber fragen. Der charismatisch legitimierten Fixierung auf den Papst als den absoluten Herrscher und unfehlbaren Ausleger von Gottes Willen zieht er mit dieser exquisiten, im Umgang mit Literatur und Quellen stets soliden, durchweg unterhaltsamen Darstellung jedoch den Zahn. Dass sie ohne Folgen für die Kirche bleiben dürfte, ist aber so gewiss wie das Amen dort und gehört wohl zur Tragik seines Fachgebiets. Denn wie bei der „Erfindung der charismatischen Papstherrschaft“ arbeitet das System ganz ohne Scham mit dem Prinzip der Doppelbelichtung – frei und letztlich beliebig einsetzbar nach dem Motto: Da wird schon ein höherer Sinn dahinterstecken, ihr könnt ihn bloß nicht erkennen.

Trotzdem, auch den Rednecks sei der Band empfohlen. Intellektuelles Vergnügen werden sie definitiv haben und vielleicht etwas Anlass zu Häme. Wir anderen lernen vergnüglich und kräftig, sind gebannt und ein wenig fassungslos – als könne das doch nicht wahr sein. Doch. So dunkelmännerhaft ist die Welt. Wenn es um Macht geht, immer. Und die Kirche auch.

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