Neue ökumenische Unsicherheit

Einige Protestanten fragen: Warum lasst ihr Katholiken euch so viel gefallen?
Glückliche Tage der Ökumene: die Spitzen der deutschen Volkskirchen, Landesbischof Bedford-Strohm (links) und Kardinal Marx, beim „Bußgottesdienst“ während des Reformationsjubiläums im März 2017, Hildesheim
Foto: dpa/Jens Schulze
Glückliche Tage der Ökumene: die Spitzen der deutschen Volkskirchen, Landesbischof Bedford-Strohm (links) und Kardinal Marx, beim „Bußgottesdienst“ während des Reformationsjubiläums im März 2017, Hildesheim

Welche Auswirkungen hat der gegenwärtige Kampf in der katholischen Kirche auf die Ökumene der Volkskirchen in Deutschland? Manche Evangelische schweigen nur noch. Einige beobachten das Geschehen wie Zuschauer: interessiert, aber am Spiel nicht aktiv beteiligt. Die meisten jedoch sind unsicher, was sie tun können, um den Geschwistern überhaupt Brüder und Schwestern sein zu können. Eindrücke von Ulrike Link-Wieczorek, sie ist Vorsitzender der Kammer für Weltweite Ökumene der EKD.

Als vor 44 Jahren mein Vater gestorben war und wir erwachsenen Kinder mit meiner Mutter am Heiligen Abend den Friedhof aufsuchten, stellten wir eine brennende Kerze auf sein Grab. Verwundert nahmen wir Geschwister wahr, dass meiner Mutter unwohl war bei diesem Ritual. „Ist das nicht eigentlich katholisch?“ Jahrzehntelang haben wir sie später mit dieser Erinnerung gehänselt.

Das war im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, der sogenannten Hochphase der Ökumene. Seitdem hat sich viel verändert. Die Konfessionsabgrenzungen reichen durchaus nicht mehr so direkt in den Alltag hinein wie in meiner Erinnerungs-Geschichte. Im Gegenteil: Die Zahl der konfessionsverschiedenen – oder wie inzwischen kirchlicherseits gern gesagt wird: der konfessionsverbindenden – Ehen sind selbstverständlicher geworden seitdem. Die Konfessionszugehörigkeit stellt wohl heute kaum noch ein Kriterium bei der Wahl des Partners oder der Partnerin dar. Konfessionsunterschiede werden heute – außerhalb der professionellen und praktischen Ökumene jedenfalls – kaum noch reflektiert. Religionssoziologische Studien sagen uns schon seit längerem, dass unter jungen Menschen eine konfessionelle Identität nicht mehr zu finden sei. Unter den Studierenden für das Lehramt Religion ist ein Konfessionswechsel – manchmal sogar mehrmals während des Studiums – nicht selten. Man lebt nicht mehr in dem Gefühl, in eine Konfession hineingeboren worden zu sein. Bei schwindender religiöser Sozialisation in den Elternhäusern haben junge Menschen zunehmend die Vorstellung, sich für eine Konfession entscheiden zu müssen. Eine solche Entscheidung ist gar nicht so einfach, denn eigentlich entwickeln alle Konfessionen eine immer stärkere Binnendifferenz.Das gilt auch für die katholische Kirche. Deutlich gehen auch hier die unterschiedlichen Positionen in gesellschaftlichen Diskursen über Fragen des Lebensanfangs und Lebensendes, der Sexualethik oder des Verständnisses von Ehe- und Familienformen bis hin zum Arbeitsrecht quer durch die Konfession. An ihrer Position in diesen Fragen jedenfalls sind katholische Glaubende nicht zu erkennen, genauso wenig wie evangelische. Damit schleifen sich auch die konfessionellen spezifischen Milieus ab. Die Kerze auf dem Grab ist längst kein rein katholisches Erkennungszeichen mehr.

Amtskatholisches Machtpotenzial

Aber damit ist die gegenwärtige ökumenische Lage überhaupt noch nicht vollständig beschrieben. Denn geradezu als eine Gegenbewegung zur Binnen-Pluralisierung formiert sich gegenwärtig ein „amtskatholisches“ Machtpotenzial. Wir werden Zeugen einer heftigen innerkirchlichen katholischen Zerreißprobe. Immer lauter werden die Stimmen innerhalb der katholischen Kirche, die sich mit einer ontologischen Überhöhung des Priesteramtes und dem damit verbundenen hermetischen klerikalen Machtsystem nicht mehr abfinden wollen.

Im Synodalen Weg werden nun Forderungen nach entscheidungsrelevanterer Beteiligung von Laien und der Weihe von Frauen in kirchliche Ämtern behandelt. Auch innerkatholisch sind weite Kreise der Überzeugung, dass der Skandal um sexualisierte Gewalt und das System seiner Vertuschung als die Spitze des Eisbergs dieses klerikalen Machtsystems sichtbar wird. Nicht nur die katholischen Frauen fragen sich, wer eigentlich bestimmt, was „katholisch“ ist, und ob die Struktur der „Weltkirche“ die innerkatholische Vielfalt noch repräsentieren kann oder es überhaupt will. Um diese Frage geht es in den innerkatholischen Auseinandersetzungen. Immer weniger katholische Theologen und Theologinnen sind bereit, das klerikale Amtsverständnis theologisch zu rechtfertigen. In der professionellen akademischen ökumenischen Forschung wird das schon lange nicht mehr getan, sondern hier wird immer wieder mit dem Strom römisch-katholischer Lehrtradition gearbeitet, der diesem hierarchischen und exklusivistischen Kirchenverständnis entgegensteht. In der ökumenischen Forschung ist man davon überzeugt, dass es diesen Strom gerade in der katholischen Tradition seit Jahrhunderten gibt.

In der akademischen evangelischen Welt wird die klassische ökumenische Dialog-Forschung als intellektuell wenig herausfordernd, etwas altbacken und kirchenabhängig angesehen. Im innerkatholischen Kirchenkampf jedoch gerät sie nun andersherum in die Schusslinie. Zuletzt lässt sich das beobachten an der eindeutig zurückweisenden Reaktion der Glaubenskongregation zur jüngsten Studie des renommierten „Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen“ zum ökumenischen Dauerbrenner, dem Verständnis von Abendmahl und Eucharistie. Unter dem Titel „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ schlagen die 24 Theologieprofessoren und -professorinnen unter dem gemeinsamen Vorsitz des katholischen Bischofs Georg Bätzing (dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz) und des evangelischen Bischofs em. Martin Hein vor, beide Feierformen für die individuelle Entscheidung getaufter Glaubender wechselseitig zu öffnen, also eucharistische Gastfreundschaft von Fall zu Fall anzubieten. Während die Studie evangelischerseits über Fachkreise hinaus kaum eine größere Aufmerksamkeit erzeugt, darf man staunen, wie schnell man die 144 deutsch- und englischsprachigen Seiten in Rom studiert hat. Im Ergebnis werden die deutschen katholischen Bischöfe durch ein Lehrschreiben der Glaubenskongregation an einer eventuellen positiven Rezeption ausdrücklich gehindert. Es gebe (immer noch die alten, ULW) Anfragen des katholischen Grundverständnisses von Kirche, Eucharistie und Weiheamt, die eben nicht mit dem Hinweis auf eine umfassende Pluralität von Konzepten und Formen in eine gegenseitige Anerkennung geführt werden könnten. Die katholischen Exeget*innen des Arbeitskreises müssen sich dabei kaum noch indirekt sagen lassen, von den evangelischen Kolleg*innen über den Tisch gezogen worden zu sein.

Fazit: Die Studie liefere keine theologisch legitime Grundlage für die Möglichkeit einer individuellen Entscheidung der Getauften für eine der beiden Feierformen. Man kann das schon als eine Vollbremsung bezeichnen. Weitaus positiver hingegen war ein halbes Jahr früher die Würdigung des Vorschlags durch den evangelisch-katholischen „Kontaktgesprächskreis“ erfolgt, der aus Vertretern der EKD und einigen katholischen Bischöfen besteht (unter ihnen die leitenden Bischöfe beider Kirchen). Eigentlich hatte sich die katholische Bischofskonferenz mit diesem Votum befassen wollen – ein Plan, der nun erst einmal auf Eis gelegt wird. Offenbar soll dieses Thema vor allem nicht die Vorbereitungen des nächsten Katholikentages beeinflussen. Und um es richtig kompliziert zu machen: Man wird davon ausgehen dürfen, dass der Brief der Glaubenskongregation nicht ohne eine Verständigung, wenn nicht sogar unter maßgeblichem Einfluss ihrer deutschen bischöflichen Mitglieder zustande gekommen ist. Deutlich läuft die Kritik des Schreibens auf eine Re-Vitalisierung des ontologischen Unterschieds von (männlichen) Klerikern und Laien als unaufgebbares Kennzeichen katholischer Kirche hinaus.

Die ökumenische Auseinandersetzung um die Eucharistie trifft somit in eine Situation geradezu gigantischer Ungleichzeitigkeit: Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass die evangelische Pfarrer*innenschaft sich dafür gar nicht mehr interessiert. Und je heftiger der Kampf in der katholischen Kirche wird, desto geringer scheint das Leiden der Evangelischen an der Trennung der Kirchen zu werden. Auf der anderen Seite spielt an der katholischen Basis der Wunsch nach mindestens eucharistischer Gastfreundschaft, im Grunde aber nach kirchlich akzeptierter Interkommunion eine Rolle, die in die Nähe eines status confessionis rückt: Hier soll sich zeigen, dass katholische Glaubende mündige Glaubende sein dürfen. Der Gegendruck aus Rom in diese Richtung ist zur Zeit so stark, dass manche deutsche katholische Theologieprofessorinnen und -professoren ein Verfahren um den Entzug der Lehrerlaubnis fürchten dürften.

Niemand mischt sich ein

Welche Auswirkungen hat diese Situation nun auf die evangelisch-katholische Ökumene in Deutschland? Zunächst einmal scheint sie die Evangelischen geradezu verstummen zu lassen. „Die mischen sich da nicht ein“, heißt es von katholischer Seite. Einige beobachten das Geschehen wie Zuschauer am Rand eines Tenniscourts: interessiert, aber am Spiel selbst nicht aktiv beteiligt. Die meisten jedoch treten eher betreten zurück und wissen nicht, was sie tun können, um den Brüdern und Schwestern überhaupt Brüder und Schwestern sein zu können. „Man weiß nicht, ob man ihnen schadet“, höre ich von evangelischer Seite auch außerhalb des einschlägigen ökumenischen Arbeitsfeldes.

Dabei gilt nach wie vor, dass viele in Deutschland intensive interkonfessionelle persönliche Freundschaften gepflegt werden. Es gilt auch nach wie vor, dass die Sinnlichkeit und Sichtbarkeit katholischer Spiritualität eine ungetrübte Faszination auf viele Protestant*innen ausüben. Es gilt weiterhin auch noch immer, dass auf dem ökumenischen Weg der letzten siebzig Jahre gerade bezüglich Formen der Glaubensvergewisserung viel protestantische Arroganz abgelegt und auch viel und gerne gelernt wurde. Dank der evangelisch-katholischen Ökumene sind die evangelischen Gottesdienste und Feierformen wärmer geworden. In persönlichen Freundschaften ist eine anerkennende Sensibilität für die jeweils andere Weise der glaubenden Lebensgestaltung gewachsen. Nicht zuletzt daraus hat sich auf breiterer kirchlicher Basis eine vertrauensvolle Zusammenarbeit beider Kirchen in Diakonie und Sozialethik bis in die obersten Leitungsgremien hinein entwickelt. Das gegenseitige „Healing of Memories“, das im Jahr 2017 in einen eindrücklichen Bußgottesdienst geführt hat, ist von beiden Seiten größtenteils in Dankbarkeit erlebt worden.

Und doch ist jetzt angesichts der internen Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche eine evangelische Lähmung nicht von der Hand zu weisen. Sie geht zu einem großen Teil auf eine berechtigte Verunsicherung zurück. Man weiß nicht, welche Formen ökumenischen Beistands überhaupt zur Verfügung stehen. Das gilt umso mehr, als eine Sehnsucht, miteinander „Theologie und nur Theologie (zu) treiben“, offensichtlich kaum vorhanden ist. Es kann aber auch sein, dass gerade wir Evangelischen vor allem heimlich von der Frage getragen sind: Warum lasst ihr euch so viel gefallen? Als Glieder einer Kirche, die aus einer Differierungsbewegung hervorgegangen ist, mag es für Evangelische schwer verständlich sein, dass sich nicht schon längst eine Bewegung des protestierenden Auszugs aus der katholischen Kirche gebildet hat.

Spüren wir nicht auch eine gewisse Genervtheit, sich mit diesen in dieser Perspektive auch als selbstgemacht erscheinenden Problemen in ökumenischer Verbundenheit beschäftigen zu sollen? Und wer weiß, steckt nicht möglicherweise in der genervten Teilnahmslosigkeit eigentlich eine starke Portion Kränkung darüber, dass unsere evangelische Kirche offenbar nicht als die Lösung empfunden wird?

Als Konsequenz der Verunsicherung droht in der gesamten Breite der evangelischen Kirche eine Re-Konfessionalisierung in Form eines Wiedererstarkens uralter anti-katholischer Stereotypen. Während die Kenntnis katholischer Theologie massiv sinkt, haben die Stereotypen freie Bahn und schreiben dieser Tradition generalisierend eine Verstrickung in Glaubensgehorsam und Geborgenheitssehnsucht zu, inklusive einer damit verbundenen vormodernen Theologie. Dabei können wir uns das eigentlich gar nicht leisten. Besser wäre es, die Potenziale beider theologischer Traditionen im Verbund mit denen anderer Kirchen in Deutschland zu nutzen, um sich mit den Lebensfragen einer wachsenden Migrationsgesellschaft und deren konfessioneller und religiöser Pluralisierung zu beschäftigen.

In Zeiten hybrider Identitäten spielt die Konfession eines theologischen Entwurfs keine Rolle mehr, sondern ob und wie er hilfreich wird für die Vergewisserung der Gegenwart Gottes in einem Leben, das geprägt ist von Strukturen undurchschauter und ungewollter Vorherrschaft von Menschen über Menschen, Tiere und Pflanzen. Das Potenzial der Ökumene liegt nicht in ihrer Erfahrung in Kirchendiplomatie, sondern im gemeinsamen Suchen nach der Gegenwartsrelevanz des christlichen Glaubens, einer darin wachsenden Sensibilität für die Anderen sowie darin, aus der Vereinzelung einer Bettkantenspiritualität herauszutreten. 

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