Über die Alpen und wieder zurück

Rom und die katholische Kirche in Deutschland
„Bonifatius vor der Donar-Eiche“, um 1900.
Foto: akg-images
„Bonifatius vor der Donar-Eiche“, um 1900.

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, die traditionell christlich, aber stark säkularisiert sind und in denen es etwa gleich viele Protestanten und Katholiken gibt. Beides prägt das Bild der deutschen katholischen Kirche in Rom und weltweit. Es löst Skepsis, aber auch Interesse aus, analysiert der katholische Theologe Thomas Söding, der Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum ist.

"Ultramontan“ – jenseits der Berge, so lautete im 19. Jahrhundert das Attribut für die katholische Kirche in Deutschland, die sich dem preußischen Fortschrittsgeist verweigere. Illiberal sei sie, papsthörig, unzuverlässig in politischen Konflikten, ein Stachel im Fleisch der Nation und ein Bollwerk des Mittelalters gegen die Aufklärung. Ganz falsch war die Charakterisierung nicht. Aber sie ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn nach der Französischen Revolution war die katholische Kirche in Deutschland am Boden. Die Bischöfe, die geistlichen Fürsten, waren entmachtet, die Orden wurden enteignet, Pfarrer verloren ihre Pfründe, Kirchen wurden geplündert und verfielen. Viele Bischofsstühle blieben unbesetzt. Die Priesterseminare waren leer. Das Ende wurde aber ein neuer Anfang.

Das 19. Jahrhundert ist für die katholische Kirche weltweit, auch in Deutschland, die Zeit eines großen Aufschwungs, mit starken Brüchen, hohen Verlusten und enormen Widersprüchen. Drei Faktoren haben den Aufschwung wie seine Risiken und Nebenwirkungen maßgeblich bewirkt: erstens die geistliche Erneuerung des kirchlichen Lebens durch damals moderne Frömmigkeitsformen, von den Marienerscheinungen bis zur Herz-Jesu-Verehrung; zweitens die Förderung junger Männer, die als Priester weit über den Horizont ihrer Herkunft hinaus Karriere machen konnten; und drittens die Bindung an Rom.

Ein schwacher Papst wird stark – und schwach

Das Papsttum hat sich im 19. Jahrhundert stark verändert. War es bis zum italienischen Risorgimento durch den Kirchenstaat definiert, musste und konnte es sich nach dem Verlust der mittelprächtigen Territorialmacht als geistliche Autorität neu erfinden. Im Namen Christi hat Rom auch in ethischen, sozialen und politischen Angelegenheiten die Stimme erhoben, um Einfluss zu gewinnen. Dies ist mit erstaunlicher Wirkung weltweit gelungen, auch in Deutschland, weil der Papst nicht mehr als Faktor im Kräftefeld politischer Mächte gesehen wurde, sondern als Sprecher des Glaubens in den geistigen Auseinandersetzungen der Zeit zwischen Nationalismus, Sozialismus und liberaler Demokratie. Freilich hat Rom den Bogen in den Augen vieler schnell überspannt. Auf dem (Ersten) Vatikanischen Konzil wurde kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 gegen eine nicht eben kleine Minderheit, auch aus Deutschland, das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit erlassen, verbunden mit dem Jurisdisktionsprimat. Es sollte die theologische Legitimität des vicarius Christi unangreifbar machen; es hat aber nicht nur einerseits Rom zum Wissenschafts- und Organisationszentrum der katholischen Welt ausgebaut, das bis heute mehr oder weniger gut funktioniert, sondern andererseits auch Widerspruch ausgelöst, innerhalb wie außerhalb der römisch-katholischen Kirche. Mit dem Antimodernisteneid, der ab 1910 verpflichtend wurde, sollten die Vorbehalte im Klerus, auch in der Theologie, domestiziert werden – was auf der kirchenpolitischen Ebene weitgehend gelang, aber viel moralischen Kredit verspielt und die katholische Theologie wissenschaftlich weit zurückgeworfen hat. Erst durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) ist eine Wendung eingeleitet worden.

Eine alte Liebe wird jung – und erwachsen

Die Beziehungen der katholischen Kirche in Deutschland nach Rom sind bis in die Gegenwart von der alten Liebe der Germanen zum Süden geprägt, von der Faszination durch die Ewige Stadt, aber auch von der Reserve der Alteingesessenen gegen fremde Sprachen, fremde Gerüche und fremde Sitten. Die Mentalitätsgeschichte wird allerdings durch theologische Faktoren aufgebrochen. Seit der Neuzeit ist die katholische Kirche eine Weltkirche, die ihren Namen verdient. Rom ist das Zentrum: für Orden und für soziale, kulturelle und pädagogische Organisationen, die global agieren. Rom ist auch ein entscheidender Faktor dafür, dass die katholische Kirche – anders als der Ökumenische Weltrat der Kirchen – handlungsfähig ist. Die wichtigsten Gründe sind der Papst, das Bischofsamt und das Zweite Vatikanische Konzil. Alle sind mit Rom verbunden. Sehr viele Bischöfe haben dort Theologie studiert. Für alle sind regelmäßige Besuche selbstverständlich: mit Audienzen beim Papst und intensiven Treffen in den Dikasterien, wo „brüderliche Gespräche“ geführt werden, die dem Informationsaustausch und der Oberaufsicht dienen, dem Vortragen von Anliegen und der Entgegennahme von Weisungen. Die bischöfliche Ebene hinge in der Luft, wenn sie nicht von vielen Wallfahrten getragen würde, die nach Rom führen: ob Messdiener oder Frauenverbände, ob Gemeinden oder Vereine – zu einer Romfahrt wird niemand gezwungen, aber viele freuen sich auf den Gang zu den Hauptkirchen, auf die heiligen Messen dort und auf den päpstlichen Segen (während die Ablässe weitgehend Geschichte sind). Tatsächlich war der Petersplatz bei den Generalaudienzen und beim Angelus am Sonntag ein Hotspot des Katholizismus – bis Corona kam. Der Papst aber, der am 29. März 2020, als die Krise sich ausbreitete, allein auf dem Petersplatz, bei strömendem Regen, den Segen Urbi et orbi spendet, der Stadt und dem Weltkreis, ist eine Ikone, die bei katholischen Gläubigen Gänsehaut auslöst – und eines der wenigen Bilder zwischen China, Russland und den USA, die den Ernst der Lage vor Augen führen und die Hoffnung wider alle Hoffnung anschaulich machen. Die Kehrseite ist ein Zentralismus, der niemals stärker war als im digitalen Zeitalter. Zwar wächst die Zahl derer, die sich in Sachen Religion und Kirche äußern, sodass bunte neue Netzwerke entstehen, quer zu den Konfessionen. Aber zugleich werden die Kommunikationswege extrem verkürzt und die Kontrollmöglichkeiten deutlich erhöht. Die mediale Inszenierung der Kirchen durch Personalisierung tut ein Übriges: Die katholische Kirche ist der Papst, ist der Vorsitzende der Bischofskonferenz: nichts falscher als das – und nichts präsenter. Desto wichtiger ist es, genau hinzusehen und Unterscheidungen zu treffen. Nicht jede Ansprache des Heiligen Vaters bei einer Generalaudienz ist unfehlbar, nicht jede „Instruktion“ einer Kongregation löst einen Marschbefehl aus, dem die katholische Kirche im Gleichschritt folgen muss. Zwar wird zur Rechten wie zur Linken gerne dieser Eindruck erweckt, sei es, um das Kirchenvolk zu disziplinieren, sei es, um den revolutionären Eifer anzustacheln. Aber der Sinnkosmos der katholischen Kirche kennt genügend Faktoren, die ausgleichen: zu wenig „check and balance“, aber nicht zu wenig Bischofskollegialität und kulturelle Diversität, nicht zu wenig Bürokratie und nicht zu wenig geistliche Impulse, die zum Glauben rufen.

Ein schwieriges Land wird interessant – und attraktiv

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, die traditionell christlich, aber stark säkularisiert sind und etwa gleich viele evangelische und katholische Gläubige kennen. Beides prägt das Bild der deutschen Kirche in Rom und weltweit. Beides löst Skepsis, aber auch Interesse aus. Beides führt zu Konflikten, aber auch zu neuen Kontakten. Die Säkularisierung wird nicht als Stärke einer zeitgenössischen Entwicklung gesehen, die der Kirche viele Möglichkeiten bietet, Glauben und Freiheit zu vereinen, sondern als Schwäche, die Unsicherheiten im Bekenntnis signalisiere. Deshalb kommen regelmäßig Ermahnungen und Ermunterungen über die Alpen, mehr für die Katechese zu tun, für die Verbreitung des Glaubens, die Einhaltung der Moral. Das Echo hierzulande ist meist verhalten – bei den einen, weil Dirigismus befürchtet wird, bei den anderen, weil es nicht an Appellen, sondern an Resonanzen fehle: an Aufmerksamkeit des Lehramtes für den Glaubenssinn des Volkes Gottes, ohne das die Bischöfe Könige ohne Land wären. Es ist an der Zeit für einen echten Dialog über den Glauben in Europa. Aber den gibt es bislang nicht. 2017 konnten 500 Jahre Reformation in Frieden und Eintracht gefeiert werden – ein Hoffnungszeichen für die ganze Gesellschaft. Die theologische Qualität der ökumenischen Arbeit ist auch in Rom nicht unbekannt geblieben. Nicht von ungefähr sind es vom Gründer, Augustin Bea, bis zum jetzigen Leiter, Kurt Koch, immer wieder deutschsprachige Theologen, die den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen leiten. Aber die Ökumenischen Kirchentage werden mit Argusaugen betrachtet. Das Votum des Ökumenischen Arbeitskreises „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ wird vom Präfekten der Glaubenskongregation per Brief im Herbst 2020 freundlich, aber kritisch bewertet. Die Sorge herrscht, in der Zusammenarbeit mit der EKD könne sich „Leuenberg“ als Ökumene-Modell nahelegen, das den katholischen Ansatz in die Defensive dränge, dass es keine Abendmahls- ohne Kirchengemeinschaft und keine Kirchengemeinschaft ohne eine Theologie und Praxis des kirchlichen Amtes geben könne, an der es auf evangelischer Seite mangele. Die katholische Ökumene in Deutschland sieht sich nicht auf dieser Linie. Aber es fehlt an transalpinen Foren, das Gespräch zu suchen und Argumente auszutauschen.

Ein neuer Weg wird begonnen – und darf nicht enden

Viele Fragen verdichten sich derzeit beim Synodalen Weg, einem einzigartigen Reformunternehmen, das auf Bitten der Deutschen Bischofskonferenz mit gleichberechtigter Beteiligung des Zentralkomitees deutscher Katholiken begonnen wurde – teils mit Rücken-, teils mit Gegenwind aus Rom, schwer unter Corona leidend, aber mit gesundem Selbstbewusstsein. Papst Franziskus schwankt. Einerseits schreibt er an Peter und Paul 2019 einen Brief „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“, der ermutigt und ermahnt, den Weg der Umkehr und Erneuerung weiterzugehen, als geistlichen Prozess, der zu strukturellen Veränderungen führt, um Lehren aus dem Missbrauchssyndrom zu ziehen und die Begabungen in der Kirche besser zu nutzen. Andererseits polemisiert er gegen demokratische Prozesse, die angeblich geistlos seien. Vor allem wird Rom in Deutschland benutzt, um über Bande zu spielen: Eine Minderheit der Bischöfe versucht, sich Unterstützung beim Heiligen Stuhl zu verschaffen, um die große Mehrheit der Bischöfe und der Synodalversammlung auszubremsen – und erwirkt regelmäßig römische Reaktionen, die auf den ersten Blick parteiisch scheinen, auf den zweiten aber meist eine Hintertür öffnen oder eine Alternative beschreiben, die aber nicht leicht zu erkennen ist.

Dieses Spiel verlangt gute Nerven – und einen klaren Kurs. Außerhalb der katholischen Kirche braucht es nicht allzu viele zu interessieren. Innerhalb ist es wichtig, die Spielregeln zu beherrschen: Internationalität ist gefragt und Differenzierung. Die Theologie kann das Bischofsamt nicht ersetzen und umgekehrt. Die Kirchenmitglieder wollen stärker beteiligt werden – und ziehen sich zurück, wenn es nicht vorangeht. Die Zerreißprobe ist groß, der Zusammenhalt aber auch. Die deutsche Kirche wird weltweit wegen ihrer sozialen und karitativen Projekte geschätzt. Es gibt auch einen gewissen Respekt vor der deutschen Theologie. In Deutschland ist es gerade das Engagement für die katholische Kirche, für den Glauben und das Evangelium, das der Ökumene Auftrieb verleiht, die Inkulturation in die Demokratie vorantreiben und das öffentliche Wirken durch innere Reformen glaubwürdig machen soll. Leider fällt es augenblicklich schwer, diese Motivation in Rom zu vermitteln. Das ist schade, aber zu ändern. 

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