Vielfalt unterm Kreuz

Über die aktuellen Herausforderungen evangelischer Publizistik
Piet Mondrian (1872 – 1944): Victory Boogie Woogie (1942/44).
Foto: akg-images
Piet Mondrian (1872 – 1944): Victory Boogie Woogie (1942/44).

In der Oktober- und in der Dezemberausgabe von zeitzeichen gab es recht konträre Überlegungen zur Zukunft der evangelischen Publizistik. Roland Rosenstock, Professor für Praktische Theologie, Religions- und Medienpädagogik in Greifswald, nimmt diese auf und meint: Nur in verbundener Vielfalt kann evangelische Publizistik ihren Auftrag erfüllen.

Das zeitzeichen-Interview mit Johanna Haberer  und die Entgegnung von Jörg Bollmann machen eins deutlich: Die Vorstellungen von einem zukunftsfähigen Konzept für die Organisationskommunikation der evangelischen Medienlandschaft gehen weit auseinander. Setzt die Erlanger Professorin darauf, dass ein bundesweites Medienkonzil einberufen wird, um fast ein Vierteljahrhundert nach dem Publizistischen Gesamtplan von 1998 die Organisationsstrukturen neu zu ordnen und in Zeiten der Marktmacht von Google ein Kommunikations-Konzept als Masterplan zu entwickeln, wirbt der Frankfurter Direktor des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP) vor dem Hintergrund der EKD-Sparbeschlüsse unüberhörbar für seine Zentralisierungs-, Fusions- und Markenpolitik. Dabei sieht auch Bollmann grundlegenden Reformbedarf und beklagt vor allem den Rückgang der Mitgliederzahlen und die daran sich anschließenden Spardebatten. Als Lösungen weist er auf „kleine, flexible Lösungen“.

Bei dem Schlagabtausch bleibt ein realistischer Aspekt des deutschen Protestantismus unterbestimmt: seine föderale Struktur. Die Chancen und Grenzen des Föderalismus lassen sich zurzeit gut am Beispiel des Krisenmanagements von Bund und Ländern in der Corona-Krise beobachten, etwa bei den Herausforderungen des digitalen Wandels in der Bildungspolitik. Auch die Diskussion um die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender bezüglich der Erhöhung des Rundfunkbeitrags zeigt die Problematik auf. Hier gilt bereits das Zusammenführen der Mediatheken von ARD und ZDF als nahezu unüberwindbare Hürde. Und das föderale System der 20 evangelischen Landeskirchen erscheint noch weitaus pluraler als 16 Bundesländer oder die Konstruktion der neun öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten. Wer glaubt da ernsthaft, dass sich die Landeskirchen an einem EKD-weiten gemeinsamen Homepage-System oder einer Dachmarke wie evangelisch.de beteiligen, wenn schon einzelne finanzstarke Kirchenkreise darauf stolz sind, ihr ganz eigenes Angebot zu machen?

Und so gleicht die protestantische Medienarbeit wohl eher dem unvollendeten Werk „Victory Boogie Woogie“ (1942 – 44) des religiösen Symbolisten Piet Mondrian als dem gezeichneten Gebilde von Haberer oder Bollmann. Mondrians Bild inspiriert, über die Leistungsfähigkeit der Publizistik im engeren Sinne als ein Zusammenspiel von Kraftfeldern nachzudenken, die von unterschiedlich großen farbigen Rechtecken belebt werden. In ihrem Spannungsgerüst weisen die Felder über sich selbst hinaus, in ihrer horizontalen und vertikalen Struktur erhalten sie eine gemeinsame Gestalt: Denn Vernetzung war für den Holländer eine geistige Haltung.

Folgen wir diesem ästhetischen Impuls, dann zeigt sich die Leistungs- und Handlungsfähigkeit der Evangelischen Publizistik daran, ob und wie unterschiedlich große Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen heute digital befähigt werden, um sich lokal, regional und global miteinander zu vernetzen. Zu diesem Zweck kann jedes „farbige“ Feld durchaus über sich hinaus weisen und auch für sich selbst werben, gerade weil es im föderalen Spannungsgerüst eingefügt bleibt, solange die Horizontale und Vertikale des Kreuzes im Sinne von „communio und communicatio“ Stabilität vermittelt und in der Form von intermediären Institutionen, deren Funktion für die Gesellschaft gerade danach bewertet wird, wie sie die Kommunikation des christlichen Wirklichkeitsverständnisses organisieren.

Dienstleistungszentrum für die Dachmarke EKD

In seinem Artikel zeigt der GEP-Direktor bezeichnenderweise eine besondere Aufmerksamkeit für das „Friedhofs“-Szenario von Johanna Haberer und fordert als Konsequenz weitgehende redaktionelle und verlegerische Konzentrationen und Fusionen gegen die Krise. Als Begründung streicht er die Leistungsfähigkeit des GEP als „qua definitionem Dienstleister“ heraus. Im Rahmen der EKD-Spardebatte wird dann auch unverhohlen das Ziel seiner Strategie genannt: Bloß kein „Boogie Woogie“, sondern: „Alles unter einem Dach!“ – dem des GEP natürlich.

Die Argumentation macht einen Transformationsprozess transparent: Das GEP ist 1973 einmal als Dachverband für die Gemeinschaft von evangelischen Presse- und Medienverbänden gegründet worden. In den vergangenen zwanzig Jahren hat es sich zum Dienstleistungszentrum allein der Dachmarke EKD entwickelt. Hatte das 2012 verabschiedete Strukturpapier wirklich das Ziel, dass auf dem Markt der konfessionellen Medienunternehmen das GEP als klarer Mitbewerber mit wirtschaftlichem Vorteil gegenüber den landeskirchlichen Medien- und Presseverbänden in Konkurrenz tritt?

Als Beispiel sei nur auf die miteinander konkurrierenden Anzeigenvermarkter „m-public Medien Services“ des GEP und der „KONPRESS-Medien eG“ der konfessionellen Printpublizistik verwiesen. Und was ist mit den vielen digitalen Innovationen, die aus den Regionen kommen? Sie finden außerhalb der Beteiligung des GEP statt, solange sie sich nicht den Dachmarken evangelisch.de oder seit neustem yeet unterordnen wollen.

In der Kommunikationswissenschaft, die heute weithin das Synonym Public Relations (PR) bevorzugt, gilt es als interessanter Sachverhalt in der PR-Geschichte, dass der Begriff „Öffentlichkeitsarbeit“ im Jahr 1917 erstmals von August Hinderer in Württemberg geprägt wurde und ursprünglich auf eine gemeinsam organisierte kulturpolitische Anstrengung aller evangelischen Presseverbände zielte. Aufgrund der gemeinsamen Kooperation und Vernetzung der Presseverbände konnte die evangelische Publizistik dadurch für die protestantischen Kirchen eine wichtige Funktion in der säkularisierten Gesellschaft der Weimarer Republik erfüllen.

Mit Blick auf eine konkrete Zielgruppe, knüpft das Konzept der Marke chrismon seit 20 Jahren an die kulturpolitische PR-Tradition der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit an. Als professionell erstelltes Supplement dient es nicht der Mitgliederbindung oder Mitgliederkommunikation, sondern wirbt bei den „formal überdurchschnittlich hoch gebildeten“ Kirchendistanzierten um das Vertrauen in das gesellschaftliche Handeln der Kirche und ihrer öffentlichen Repräsentanten.

Aufgrund der EKD-Subventionen und der Reichweitenentwicklung der Trägermedien, vor allem der ZEIT, konnte chrismon die Leserzahlen in den Jahren von 2014 auf 2017 von 1 Million auf 1,5 Millionen steigern, von 2019 bis 2020 wurden laut der AWA-Erhebung zusätzlich 30 000 Leser hinzugewonnen. Chrismon bedeutet zweifellos einen Imagegewinn für die Evangelische Kirche, aber es gibt empirisch keinen Nachweis darüber, ob in den letzten zwanzig Jahren auch nur ein einziges neues Mitglied für die Landeskirchen gewonnen werden konnte. Da chrismon bei Kirchendistanzierten eben als PR-Zeitschrift um das Vertrauen in kirchliches Handeln und religiöse Repräsentanten des Protestantismus wirbt, gehört es im engeren Sinn nicht zur evangelischen Publizistik, sondern zur kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit in der Tradition Hinderers.

Nicht marktfähig

Auch wenn von manchen PR als Spielart des Journalismus gesehen wird, sollte in der gegenwärtigen Qualitätsdebatte von evangelischer Seite der Unterschied deutlich herausgestellt werden. Denn es geht in diesem Zusammenhang schließlich um Deutungsmacht. Bei wem liegt die Deutungshoheit für das kirchliche Handeln? In chrismon liegt sie bei den kirchenleitenden Personen selbst, die im Sinne einer guten PR-Arbeit strategisch platziert und durch ein gezieltes Themenmanagement in einen geeigneten Kontext gestellt werden. Niemand stellt in Frage, dass die evangelische Kirche gute PR-Arbeit braucht, aber es sollte dann auch deutlich als Öffentlichkeitsarbeit benannt werden und nicht im engeren Sinne als Evangelische Publizistik.

Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt: chrismon ist keine marktfähige Publikation, die sich über Anzeigen und Abonnements hinreichend refinanzieren könnte. Die EKD sollte daher das GEP von dem Zwang der Wirtschaftlichkeit befreien, damit es wieder Kraft für seine eigentlichen Aufgaben hat und außerdem als Dienstleister für die Medienverbände ohne eigene finanzielle Interessen fungieren kann.

Aufgrund der Erfahrungen der Gleichschaltung und Instrumentalisierung der protestantischen Medien im NS-Staat durch die deutsch-christlichen Kirchenleitungen, der Zensurbeschränkungen der evangelischen Printpublizistik in der DDR und dem schwierigen Weg der EKD bis zur Demokratie-Denkschrift von 1985 und der gegenwärtigen Debatte um den Qualitätsjournalismus bleibt die Notwendigkeit bestehen, weiterhin zwischen der an kirchlichen Leitungsorgane gebundenen Öffentlichkeitsarbeit und der ungebundenen evangelischen Publizistik zu unterscheiden.

Die Marke epd steht heute für einen ungebundenen Agenturjournalismus, der sowohl von der Zentralredaktion im GEP in Frankfurt als auch von sieben unabhängigen Landesdiensten verantwortet wird. Die älteste deutsche Nachrichtenagentur steht für die Glaubwürdigkeit der evangelischen Publizistik, weil sie auch innerhalb der evangelischen Kirchen eine kritische Funktion übernimmt. Die Grundsätze von 1975 sicherten dem Evangelischen Pressedienst seine Unabhängigkeit zu, auch wenn das GEP ansonsten Aufgaben der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit übernimmt. Hierfür subventioniert die Kirche Journalisten, die in einer redaktionellen Unabhängigkeit ihren kritischen Auftrag wahrnehmen und damit sowohl die innere Demokratie innerhalb der Kirchen stärken als auch eine gesamtgesellschaftliche Funktion übernehmen. Gerade an der Arbeit des epd zeigt sich aber auch der Spagat, der im Blick auf die verfasste Kirche und ihre öffentlichen Akteure in den Redaktionen anhand von nicht ausbleibenden Konfliktfällen gewagt werden muss.

In diesem Zusammenhang ist auch die Kirchengebietspresse zu nennen, die kirchlichen Wochenzeitungen, die auf fast durchweg hohem journalistischen Niveau den binnenkirchlichen Diskurs begleiten, gestaltet und immer wieder Impulse gibt. Zwischen ihren Redaktionen und denen des epd gibt es vielfältige personelle Überschneidungen. Der Spagat zwischen kritischer Begleitung kirchlichen Handels vor Ort und Bindungsverstärkung bei den Leserinnen und Lesern erzeugt eine Beheimatung, die Halt und Orientierung gibt in der Region.

Zentrale Bedeutung

Eine zentralen Bedeutung für eine qualitativ hochwertige Journalistenausbildung fällt der Evangelischen Journalistenschule (EJS) in Berlin zu (vergleiche zz 5/2020). Sie steht in der Tradition der ältesten unabhängigen Ausbildungsstätte in der Bundesrepublik, der Christlichen Presseakademie. Hierzu wurden über Jahre ein tragfähiges Netzwerk von Lehrredaktionen und ein namhafter Unterstützerkreis aufgebaut. Dass aufgrund der Sparvorgaben des GEP dieses Kompetenznetzwerk aufgegeben werden könnte, trägt weder zur Vertrauensbildung im Sinne der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit bei noch zur Glaubwürdigkeit bei den vielfachen Äußerungen der Evangelischen Kirche zur Frage des Qualitätsjournalismus.

Ob Medienkonzil, Masterplan oder Markenstrategien, wir brauchen die öffentliche Kommunikation über den Zusammenhalt der Kraftfelder. Die neue Rolle des GEP wäre dann – im Sinne des ursprünglichen Gedankens des GEP – die eines Ermöglichers, der das Bild Mondrians in noch kräftigeren Farben leuchten lässt, indem es den Konzilsgedanken permanent verkörpert und die unterschiedlichen Kraftfelder miteinander vernetzt: vom Kreuz her zu einer Vielfalt, die für die evangelische Medienlandschaft ein überzeugendes Bild ergibt. 

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Foto: Pressestelle Universität Greifswald

Roland Rosenstock

Roland Rosenstock (*1966) ist Professor für Religions- und Medienpädagogik an der Universität Greifswald.


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