Dichter bei der Dichtertheologie

Eine erste Kartierung
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Die Dichtertheologie zählt im Haus der Theologie wenige Follower. Der erste Gedankenreflex vermeldet: Romantik. Sie steht bis heute unter dem Verdikt von Goethe, der die Romantik, wie er seinem Eckermann sagte, schlicht für krank hielt. Das Gros der Theologinnen und Theologen hält sich prompt lieber an den Schleiermacher der Glaubenslehre, spätestens ab der Habilitation. Das ist karriereklug, denn Nachmieter im Denken der Romantik haben es selten auf Lehrstühle geschafft, im zwanzigsten Jahrhundert nur Hermann Timm, aber sein unverwechselbarer Sound brachte die hüftsteife Mannschaft nicht zum Tanzen. Programme der Entmythologisierung wurden dagegen ununterbrochen neu aufgelegt, als könne man die finale Entzauberung der Welt gar nicht abwarten. Neue Mythologie? Lieber nicht. Mit Friedrich Schlegel haben alle ein Hühnchen zu rupfen.

Gott sei Dank gibt es Epiphanien des Buchmarktes, die auf neue Lichtungen führen. In seinem Spätwerk Den Himmel zum Sprechen bringen, schreibt Peter Sloterdijk Über Theopoesie – eine large edition eines nervösen Vorläuferbuches. Dieses Buch ist ein souveränes Zeugnis religiöser Musikalität, metaphernsatt und mit milder Ironie (manchmal auch feiner Besserwisserei) unterlegt. Und selbstredend unterlässt es Peter Sloterdijk nicht, sich tief vor dem jüngeren Schleiermacher zu verbeugen. Jene Funde, die er, ein Büchertrinker von Format, der Ideen- und Kulturgeschichte abgelauscht hat, wiegen ganze Bibliotheken kraftloser und sprachloser Theologien auf.

Mit viel Verve präsentiert Sloterdijk mediale Einfälle, die dem Himmel zur Sprache verholfen haben: „Vor diesem Hintergrund ist auf eine ingeniöse Erfindung der attischen Bühnenkunst näher einzugehen. Die Dramaturgen (»Ereignismacher«) – noch weitgehend identisch mit den Dichtern – hatten verstanden, dass Konflikte zwischen Menschen, die für Unvereinbares streiten, dazu neigen, an einen toten Punkt zu gelangen. Mit menschlichen Mitteln steht dann kein Ausgang offen. Solche Momente wurden vom antiken Theater als Vorwände für die Einführung eines Gottesschauspielers begriffen. Weil ein Gott nicht einfach wie ein Bote von der Seite her auftreten durfte, war es nötig, ein Verfahren zu ersinnen, wie man ihn aus der Höhe einschweben lassen konnte. Zu diesem Zweck erbauten athenische Theateringenieure eine Maschine, die Göttererscheinungen von oben ermöglichte. Apo mechanes theos: Ein Kran schwenkte über die Szene, an dessen Ausleger eine Plattform, ein Pult befestigt war –  von dort her redete der Gott in die Menschenszene hinab. Das Gerät trug bei den Athenern den Namen theologeion.“

Genauer: „Das theologeion ist kein Rednerpult, keine Predigtkanzel, sondern eine durchaus Theater-eigene Vorrichtung. Es stellt eine triviale »Maschine« im ursprünglichen Wortsinn dar, einen Spezialeffekt, der die Aufmerksamkeit des Zuschauervolks bannen soll. Ihre Funktion ist nicht trivial: einen Gott aus dem Zustand der Nicht-Sichtbarkeit in den der Sichtbarkeit zu versetzen.“ Darauf regiert die Erfindung: „Zeigen die Götter sich nicht von selbst, bringt man ihnen das Erscheinen bei. Von Effekten dieses Typs handelt der spätere lateinische Terminus deus ex machina, dessen dramentechnischer Sinn sich etwa so auf den Punkt bringen ließe: Nur eine von außen eingreifende Figur kann in einem aussichtslos verknoteten Konflikt die befreiende Wendung aufzeigen.“ In diese Tradition eingeordnet, ist Jesus beides, er „wurde nicht nur zu einem theologeion in Person, das heißt dem Woher der Rede von oben auf einer irdischen Bühne, er war, zumindest aus nachträglicher Sicht, auch der redende Gott selbst, nicht als Schauspieler, der Rollenprosa vorträgt, sondern als Performer, dem es gelingt, seinen Text ex tempore zu sprechen.“

An diesem Buch fasziniert mich der Versuch, die Semantik von Unverfügbarkeit theopoetisch zu berenten: „Von alters her teilen Schamanen, Priester und Theaterleute die Beobachtung, wonach auch die tiefere Ergriffenheit im Bereich des Machbaren liegt. Jedoch: Sofern sie nicht dem latenten Zynismus des Metiers erlagen, glauben sie selber, das Ergreifende als solches gewinne im Gang der heiligen Prozedur eine dichtere Präsenz. Rituellen Handlungen, wohnt wie allen »tiefen Spielen« die Möglichkeit inne, daß das Dargestellte als das Darstellende zum Leben erwacht.“ Sloterdijk will „die philosophische Theologie als Dichtung zweiter Stufe“ verstanden wissen, ergänzt um die „Negative Theologie“ als „eine dritte Theopoesie“.

Doch lesen Sie selbst.

In einem ganz anderen Sprachklang veröffentlichte jüngst Christian Lehnert sein Buch Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten, ein schmales Buch, das nichts weniger will als eine „Geschichte der unsichtbaren Welt in einzelnen Blättern“ zu präsentieren. In einzelnen Blättern, wie gesagt, ein System soll nicht entstehen, aber doch eine Geschichte. „Eines der subversiven Gespenster, die noch umgehen in Europa, ist neben der Kunst, die verstört und Wahrnehmungsräume weitet und andere Welten entwirft, die Religion.“ So Lehnert, der Theologe, bekannt geworden durch seine Gedichtbände und Essays, nach einem Pfarramt ist er inzwischen wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD an der Universität Leipzig. Subversive Gespenster – ein kräftiges Sprachbild!

Ehrenrettung der Putten

Und auch Lehnert kann, eine herrliche Koinzidenz mit Sloterdijk, gleichzeitig einen Fund präsentieren. In späteren Jahrhunderten übernahmen die Putten die Rolle des Gottesschauspielers: „Sie wurden in Theatern eingesetzt für Pointen und unerwartete Wendungen in Geschichten, die einen Eingriff von oben brauchten. Aus Klappen in der Decke gleitend, auf Flugbahnen an Drähten und Seilen, mit Pfauen- und Schwanenfedern beklebtes Pappmaché, waren die Engel zu kurzweiligen Kunstgriffen geworden. Selbst ins kirchliche Gebet wurden sie eingebaut wie spirituelle Mechaniken, aufziehbare Lückenfüller gegen die Langeweile der Floskeln.“

Herrlich – diese Ehrenrettung der Putten. Lehnert ist ein sprachmächtiger Anwalt der Numina: „Ich lebe in einer entzauberten Welt, aber sie fasst und hält mich nicht ganz. Ich muß keine Angst haben vor dem Unerklärlichen und habe doch Angst – vor den allgegenwärtigen Erklärungen, die mich absichernd in sich einschließen. Es ist dieser merkwürdige Schwebezustand, der mich nach numina fragen lässt. (Während doch um mich her die professionellen Mittler der Transzendenz, die Kirche und ihre Theologie sich ihrer Begriffe meist viel zu gewiss sind und ich mich mühen muss, mit ihnen zu glauben. Ich meine damit: lauschen ins Offene, das mit dem Wort »Gott« aufbricht, lauschen und hoffen.“ Und finden. Mit wachem Herz, leichten Ohren und unverklebten Augen.

Aber lesen Sie selbst.

Theologie als Dichtung zweiter oder auch dritter Stufe, die nicht in der Entzauberung endet, das ist die Richtung. Dichter bei der Dichtertheologie also.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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