Den Schwurblern verzeihen?

Über den Umgang mit Coronaleugnern und ihren Ideologien
Foto: privat

„Jedes Moralproblem flachzuquatschen, obwohl gar nicht klar ist, wie es sich praktisch stellt – das ist typisch deutsch“, findet Thomas Fischer gleich zu Beginn seiner lesenswerten Kolumne über „Privilegien“ für Geimpfte beim SPIEGEL. Nehmen Sie sich also mit mir Zeit für die Frage: Können wir den Corona-Leugnern, den Schwurblern und Verschwörungsgläubigen dereinst verzeihen, was sie uns in der Corona-Krise angetan haben? Kann es für die Schwurbler eine Rückkehr geben?

Natürlich! Es muss sie sogar geben. Nur sollte man sich keiner Illusion darüber hingeben, wohin zurückgekehrt wird. Zurück zur Normalität ohne Verschwörungsglauben und -gläubige heißt nur, den Wahnsinn und die Wahnsinnigen an die Ränder zurückzuweisen bzw. das Grollen im Abdomen der Mehrheitsgesellschaft kräftiger zu ignorieren, als uns dies in der Krise möglich erscheint.

Aber Verzeihen muss sein. Nicht, weil der Bundesgesundheitsminister oder der Papst es anordnen, sondern weil nichtversöhntes Leben auch diejenigen kaputt macht, denen die vornehme Aufgabe des Verzeihens zukommt. Christen wissen darum, dass man sich immer mal irren kann, und dass dem ehrlichen Sünder noch stets vergeben wird.

Bestrafungsorgien verbieten sich sowieso: Erstens ist damit den Adressaten nicht geholfen, die unter einer tiefsitzenden geistigen Umnachtung leiden. Wer meint für die eigene Misere die Freimaurer oder den Antichristen verantwortlich machen zu können, mit dem ist ein ernstzunehmendes Gespräch nicht möglich. Zweitens lässt sich durch Strafen niemand von solchem Quatsch abschrecken. Drittens beschädigt man mit solchen Vendettas nur die eigene liberale Gesinnung. Die lassen „wir“ uns hoffentlich nicht abspenstig machen, nur weil sie von einigen treulos ausgenutzt wird.

Stattdessen: Resozialisierung

Wer im Rahmen seines Schwurblertums Gesetze übertreten hat, der soll dafür belangt und vor ordentlichen Gerichten angeklagt werden. Hernach wird man, wenn „Im Namen des Volkes“ für schuldig befunden, ordentlich resozialisiert. Und das gilt natürlich auch für all diejenigen, die aus Überforderung, Dummheit, intellektueller Überheblichkeit oder einer anderen bedauerlichen Geistes- oder Gedankenschwäche wegen abgeirrt sind, aber nicht straffällig geworden sind.

Ja, selbstverständlich haben es auch die Stabilen nicht leicht, aber den Zerbröselten muss man ihren Irrsinn nicht nachtragen. Wer jetzt nach neuen Strafrechtsparagraphen ruft, um dem Heer der Abgeirrten Einhalt zu gebieten, der dokumentiert nur die eigene Unkenntnis der bereits bestehenden Rechtsnormen. Die müssten schon erst einmal durchgesetzt, aber sie müssen nicht verschärft werden. Alles darüber hinaus ist dem eigenen Gusto anheimgestellt: Wem man im eigenen Freundes-, Familien, Kolleg:innen- oder Bekanntenkreis vergeben möchte, ist Privatsache.

„Mit Verschwörungsideologen reden“

Etwas anders sieht es mit den Spitzenkräften des Wahnsinns aus, also mit den Verschwörungsideologen. Neben die strafrechtliche Behandlung ihres Wirkens müsste ein gründlicher Entzug von Öffentlichkeit – nicht Aufmerksamkeit! – treten. Quartalsirre gab es schon immer und wird es immer geben. Wir sollten dahin zurückkehren, dass wir an ihnen vorbeischreiten, wenn sie wieder ihre gewohnten Plätze vor den Bahnhöfen des Landes einnehmen. Es ist also in meinen Augen nicht dringend notwendig (Vorsicht #CancelCulture!), ihnen Sendeplätze zuzuweisen oder Buchverträge anzutragen.

Wir haben aus der „Mit Rechten reden“-Debatte hoffentlich gelernt, dass es nichts bringt, sich mit den Funktionären der „Bewegung“ zu streiten. Erst recht nicht sollte man sie durch Einladungen ins Fernsehen, in Rathäuser oder Staatskanzleien aufwerten. Man hat es bei ihnen eben nicht mit ideologisch resozialisierbaren Verschwörungsgläubigen zu tun, sondern mit Ideologen und Hetzern. Mit dem Ideologisieren und Hetzen hören die nicht auf, nur weil man bei Kaffee und Keksen beieinandersitzt. Man muss sie gründlich demoralisieren. Und der erste Schritt dazu ist, ihnen die eigene Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen (auch dann, wenn man an jene nicht vollumfänglich glauben kann, z.B. weil man immer noch ein bisschen geschockt ist).

Dystopie der Versöhnung

Wie mit den Großen und Kleinen des Verschwörungsschwurbels umgegangen werden kann, sollte damit geklärt sein. Was aber passiert im gesellschaftlichen Maßstab? Es steht zu befürchten, dass unter dem Diktum des „gesellschaftlichen Zusammenhalts“ eingeebnet wird, was doch besser unterschieden gehört.

Die große Verständigung darüber, ob das politische und gesellschaftliche Handeln in der Krise richtig ist, kann gerne ausbleiben, wenn damit weitere Konzessionen an die „Corona-Skeptiker“ gemeint sind. Es wird ja längst Rücksicht auf sie genommen, als ob sich das Virus davon beeindrucken ließe. „Die Politik“ müsse beim Formulieren von Corona-Schutzmaßnahmen immer auch im Blick haben, wer von diesen alles nicht begeistert sein wird, lerne ich, während ich den sehr nachträglichen Erklärungen ihrer herbstlichen Wankelmütigkeit durch die Herren und Damen MinisterpräsidentInnen lausche. Es gibt Berichte von Leuten, die noch kurz vor Verlegung auf die Intensivstation am Virus herumskeptizieren. Auch dieser Irrsinn gehört zu den Möglichkeiten des Menschseins, nur sollte man ihn nicht zur Grundlage politischen Handelns erklären.

Versöhnung wird den ehrlichen Austausch und das anstrengende Zuhören brauchen. Die Logik des Dialogs bringt es mit sich, dass man nicht wie die Schwurbler selbst in ein Schwarz-Weiß, eine Dichotomie des Denkens abtauchen darf. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, sagte Ingeborg Bachmann, und die Wahrheit ist immer komplex. Lassen Sie sich da, erst recht von Prediger:innen, nichts einreden! Eine einfache Wahrheit gibt es nicht. Aber um der lieben Versöhnung willen dürfen Fakten nicht zurechtgebogen werden. Ihr Wahrheitsgehalt gründet nicht in der Zustimmung des Publikums.

Wenn also in ein paar Monaten in den Gemeindehäusern und Kultureinrichtungen die Versöhnungskommissionen starten, dann wird darauf zu achten sein, dass die anders ausschauen als ein Ferdinand-von-Schirach-Dramolett. (Bitte erinnern Sie sich dieses Satzes, wenn im Januar oder Juni 2022 die ARD oder das ZDF – oder beide gemeinsam – das Fernseh-Event „Das Corona-Tribunal – Wahrheit oder Lüge?!“ ausstrahlen.)

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