Im Zentrum

Biografie über Karl Spiecker

Zum 75. Male jährt sich die Gründung der beiden christdemokratischen und christsozialen Parteien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Diese Entwicklung markierte eine Zäsur in der Geschichte christlicher Politik in Deutschland, da erstmals und dauerhaft die Schaffung eines konfessionelle Differenzen überwindenden Parteitypus gelang, in dem sich zumal Vertreter eines breiten Spektrums politischer Strömungen wiederfanden.

Daher ist es dem Zeithistoriker Claudius Kiene zu danken, dass er mit seiner ersten Gesamtbiografie über Karl Spiecker (1888–1953) an einen der führenden Zentrumspolitiker der Weimarer Republik erinnert, der sich zwar nach Kriegsende an der Wiederbegründung der katholischen Partei beteiligte, mit seinem Parteiübertritt 1949 jedoch zur Verknüpfung der Traditionen des politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit mit der bundesrepublikanischen Christdemokratie beitrug.

Auf der Grundlage umfangreicher Archivrecherchen – deren Erträge dem Bild, das Kiene von Spiecker entwirft, Farbe und Tiefe geben – zeichnet der Autor die drei wesentlichen Lebensphasen des Politikers als republikanischer Aktivist bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten, als Exilant und als Remigrant in der jungen Bundesrepublik nach. Dabei ist das Buch sämtlichen hagiografischen Tendenzen abhold.

Die größten Ambivalenzen verbinden sich bereits mit der ersten politischen Wirkungsstätte Spieckers: Oberschlesien, wo er vom niederschlesischen Breslau aus als Vertreter des Staatskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung die pro-deutschen Akteure im Umfeld der Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Polen unterstützte. Vorwürfe damit einhergehender Verbindungen Spieckers zu Fememorden, zu denen es im Rahmen der Auseinandersetzungen seitens deutscher Freikorps gekommen war, konnten in den Jahren der Weimarer Republik nicht abschließend zugunsten Spieckers ausgeräumt werden – und werden von Kiene als bleibende Forschungsfrage markiert.

Hiervon unberührt ist die vom Verfasser herausgearbeitete Bedeutung, die Spiecker als einem der zu Unrecht weitestgehend vergessenen Verteidiger der Demokratie in den Jahren der Weimarer Republik zukommt: ob als Pressechef von Reichskanzler Wilhelm Marx oder als Publizist – und Verlagsleiter der „Germania“ –, vor allem aber als Sonderbeauftragter zur Bekämpfung des Nationalsozialismus unter Reichskanzler Heinrich Brüning.

Kiene beschreibt Spiecker dabei nicht nur als einen demokratischen Denker mit bewusst christlichem Profil, sondern zugleich als einen Aktivisten unterschiedlicher republikanischer Vereinigungen, der in seiner Bereitschaft, über ideologische Grenzen hinweg im Einsatz für die Demokratie zu kooperieren, seiner Zeit weit voraus war.

Dennoch sollte Spiecker ein Mann der zweiten Reihe bleiben – auch in der frühen Bundesrepublik. Hierzu scheint nicht zuletzt auch das spannungsreiche Verhältnis zu Konrad Adenauer beigetragen zu haben, welches Kiene ebenso darstellt wie sein nachhaltiges Wirken als Bevollmächtigter des Landes Nordrhein-Westfalen beim Länderrat und Bundesrat von 1948 bis zu seinem Tod.

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