Selbsterfahrung

Über das lebenslange Altern

Gegenwärtig ist das Leben mit Menschen im hohen Alter ein viel diskutiertes Thema. Oft wird die Solidarität mit den Seniorinnen und Senioren als Problem empfunden. Das schon längere Zeit vor der Corona-Pandemie erarbeitete und gerade erschienene Buch Altern und Lebenszeit des Zürcher Professors für Theologische Ethik, Michael Coors, kann da ein wichtiger und lesenswerter Diskussionsbeitrag sein.

In dieses Buch sind die Erfahrungen eingegangen und wissenschaftlich ausgewertet worden, die Coors über sieben Jahre in seiner Arbeit am Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum (Hannoversche Landeskirche) gemacht hat.

Gleich in den ersten Kapiteln geht Coors von einem objektiven, linearen zu einem existentialen Zeitbegriff über: Zeit ist hier nicht ein erfahrbares Etwas, sondern vielmehr die Grundform der Selbsterfahrung. Das existentiell Mögliche steht bevor, wird gerade wirklich und ist alsbald vergangen. Das Vergehen von Zeit widerfährt dem Menschen.

So sensibilisiert Michael Coors die Leserschaft dafür, dass die Solidarität mit alten Menschen auf eine grundlegende Gemeinsamkeit aller Generationen begründet werden kann.

Altern ist keineswegs auf eine letzte Lebensphase beschränkt, sondern ein lebenslanger Prozess. Wer über diesen Prozess spricht, spricht zumindest indirekt immer auch von sich. Je länger dieser Prozess dauert, desto unübersehbarer wird indes, wie wir in unserem Leben immer wieder gezwungen sind, uns von Sicherheiten, Gewohnheiten und geliebten Menschen zu verabschieden.

Altern heißt: Wir leben zeitlich und sind damit vergänglich. Unsere Abschiede nötigen uns stets, uns dessen zu vergewissern, dass wir immer noch dieselben geblieben sind. Dies geschieht nicht primär auf der begrifflichen, sondern auf einer hermeneutischen Ebene. Der Mensch versichert sich seiner durch Erzählen davon, was er einmal war, wer er jetzt gegenwärtig ist und was er in der Zukunft sein könnte.

In diesem kreativen Prozess ist er abhängig von überlieferten kulturellen Mustern, narrativen Schemata. Frei kann er einzig darin werden, wie er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur jeweiligen Einheit einer Erzählung zusammennimmt. Doch ist bei allem Bemühen der geschichtliche Abstand zum früheren Leben nie ganz einzuholen, und die Zukunft bleibt vage. Mit der Aussicht auf den unweigerlichen Tod aber wächst zudem die Einsicht, dass wir nicht ewig sein können. Irgendwann ist jeder einmal nur noch gewesen.

Der Pastor Michael Coors stellt dann im theologischen Teil seines Buches den vergänglichen Menschen in die christologische Beziehung zum ewigen Gott. Die Bibel erzählt davon, dass Gott für uns eine österliche ewige Zeit hat, mit der er nicht unser zeitliches Leben ins Unendliche verlängert, aber uns eine Grenze setzt, die nicht mehr mit dem Tod identisch ist.

So führt der Lebensweg den Glaubenden nicht einfach in eine an den Tod angeknüpfte weitere Lebensphase, sondern in ein neues Leben mit Gott, von dem gegenwärtig nur die Verheißung geglaubt werden kann. Auf diesem Weg nimmt die Lebenszeit zwar unbedingt ab, aber im Glauben an den ewigen Gott und an ein neues unvergleichliches Leben mit diesem Gott kann der Mensch wirklich wachsen.

So müssen wir unentwegt Abschied nehmen, aber nicht von Gott. Coors will nun nicht mit einem religiösen Sonderweg imponieren, auf dem sich Christinnen und Christen schon vom gesellschaftlichen Leben und der schmerzlichen Einsicht in die Endlichkeit lösen könnten. Er will vielmehr das Leben der Christen offen halten für das Zusammenleben mit ihren Mitmenschen in einer weltanschaulich pluralen, offenen Gesellschaft.

In dem Diskurs dieser Gesellschaft, der gegenwärtig über die ethischen Herausforderungen durch die Pandemie geführt wird, können Christen mit anderen auf die grundsätzliche Fragmentarität und Angewiesenheit des zeitlichen Menschen und damit auf die Solidarität zwischen den Generationen insistieren.

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