Stiefkind

Seelsorge in der Bundeswehr

Ja, ein sehr sorgfältig gearbeitetes Buch. 17 Autorinnen und Autoren, zumeist selbst Militärseelsorger oder Wissenschaftler, untersuchen Chancen und Probleme der Seelsorge in der Lebenswelt des Militärs. Die Herausgeber Isolde Karle und Niklas Peuckmann, sie Professorin, er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum, zeigen, dass die Seelsorger ohne Uniform das Leben der Soldatinnen und Soldaten teilen, aber ihre Unabhängigkeit dialektisch bleibt: „Wer den Soldaten seelsorgerlich beistehen will, muss dazugehören; er muss mehr sein als ein Gast mit Passierschein für die Wache. (...) Doch der Zeuge des Evangeliums muss zugleich der Freiheit des Glaubens Ausdruck geben …“, zitieren sie Wolfgang Huber mit einem Beitrag aus dem Jahr 2007. Die Seelsorge in der Bundeswehr, so ihr Fazit, werde noch immer als Stiefkind von Kirche und Theologie betrachtet, und die EKD werde mit ihrem Fokus auf pazifistische Friedenslösungen den Herausforderungen nicht gerecht.

Die Stärken des Sammelbandes lassen sich bei der ethischen Bildung festmachen. So ist im Text von Meike Wanner zu Recht der Lebenskundliche Unterricht, den die Bundeswehr ihrem Personal verpflichtend bietet, als Eckstein ethischer Reflexions- und Urteilsfähigkeit der Soldaten und Soldatinnen zu sehen. Ein Wertefundament, das auf dem Grundgesetz, der Gewissensentscheidung und oft auch dem christlichen Glauben ruht. Dass die Militärgeistlichen das Leben in den Kasernen oder im Einsatz als „outstanding insiders“ teilen, ist ein trefflicher Anglizismus.

Den Leserinnen und Lesern werden von Marinedekan Christoph Sommer maritime Perspektiven eröffnet: Seelsorge an Bord von seegehenden Einheiten der Deutschen Marine bringt hohe Verantwortung mit sich: Es gilt, auf lange Abwesenheiten der Mannschaft von Zuhause zu reagieren. Ehen und Partnerschaften kommen an ihre Grenzen. Beziehungen werden ab und an via E-Mail oder SMS beendet. Die Seelsorgenden selbst kommen in zwölf Dienstjahren auf etwa tausend Tage auf See.

Dass die gelebte Seelsorge in der Bundeswehr ökumenisch gut, aber gleichzeitig mit theologischem Anspruch anstrengend funktioniert, zeigt der Referatsleiter im Katholischen Militärbischofsamt Berlin, Thomas R. Elßner, mit seinem erfreulich historisch ausgerichteten Statement: „Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit ökumenischer Gesinnung“ zeigten sich „im Wissen um die christliche Einheit und das Verlangen nach ihr“.

Militärgeneraldekan Matthias Heimer kommentiert in „Heilsame Irritationen“ die zehn Seelsorge-Leitsätze aus der professionellen Sicht des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr.

Schon bei ihrer Präsentation 2019 wurden die Thesen heftig angegriffen. So hatte Brigadegeneral Christian Leitges kritisiert, dass die Bundeswehr mit dem Etikett „Totale Institution“ versehen werde. Zudem legen die Thesenautoren großen Wert darauf, die Militärgeistlichen seien „Ander-Personen“ in der militärischen Gemeinschaft. Es fehlt aber das Anerkenntnis, dass die darin liegende Alltagsspannung allein von den Seelsorgern an den Standorten ausgehalten werden muss. Zu fragen bleibt, weshalb das Kirchenamt einen ökumenischen Schulterschluss nicht intensiver realisiert hat.

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