Was geht? Bloß wir

Cash Savage: Live at Hamer Hall

Sex ohne Partner kann richtig schön sein, ist aber anders. Zu einem Live-Album ohne Publikum mag einem dieser Gedanke durchaus kommen. Cash Savage and The Last Drinks aus Melbourne, für wuchtige Präsenz im Hin und Her mit denen vor der Bühne viel gelobt, nutzten trotzdem die Gelegenheit, in Hamer Hall, der schnieken Konzerthalle von Melbournes Arts Centre, einen derart seltsamen Gig zu spielen. Auch die Zeiten sind nun mal anders. Den ersten Lockdown hatte die Stadt noch achtbar überstanden, doch während der Proben kam schon die zweite Welle: „We decided to make this something different, not a gig with no audience – its own thing. A performance in one movement. No gaps, no empty space, no back and forth with the crowd. Just us.“ Bloß wir, sagt Sängerin Cash Savage. Für den Moment.

Ist das gelungen? Wir finden, sehr. Live at Hamer Hall ist eine intensive, kompakte und fulminante Reise auf den Punkt. Emblematisch für das Album, auf dem balladenhafte Down-tempo-Stücke überwiegen, ist der Wechsel von February zu Human, I Am. Verträumt perlendes Piano, dann setzt verzerrte Gitarre ein, und ein fiebriger Postpunk-/Wave-Beat nimmt Fahrt auf – und zwar ordentlich. Und Savage? Shoutet, als ginge es ums Leben. Zehn Songs insgesamt, sieben vom jüngsten, sehr politischen Album Good Citizens (2018), zwei von One of Us (2016) und als Erstveröffentlichung Fun in the Sun, was sinister so beginnt: „Hi. Let’s go and get in the sun! Hi. The sun is for everyone!“ – um sich dann aus Hautschutzfaktoren und brennendem Australien zu sägenden Gitarren und schräger Geige seinen Reim auf den Klimawandel und Politiker-ignoranz zu machen. Apokalyptisierend, aber umwerfend vital, weder Anschmeiß-Agitprop noch defätistischer Sarkasmus: Cash Savage and The Last Drinks sind seit 2009 aktiv (aktuelle Besetzung der robust pulsenden Rockband: zwei Gitarren, Bass, Drums, Piano, Geige; ein Sextett plus Sängerin Cash Savage, die alle Songs schreibt, selbst Gitarre spielt und mit umwerfender Stimme fasziniert). Sie haben Anklänge an die epischen Meisterwerke der 80er-Australier Crime & The City Solution und die aus Melbourne stammenden Nick Cave & The Bad Seeds, sowie Nähe zum rhythmisch unwiderstehlichen Witz der Brit-Postpunks Gang of Four.

Mehr ist kaum zu wollen. Ganz Human, I Am und nun spätestens eine erfrischend ketzerische Lockdown-Entdeckung. Live at Hamer Hall ist eine Wucht. Unser Liebling Run with the Dogs fehlt zwar darauf, doch es ist eben kein Best-of-Album. Dafür gibt es ja Tonträger. Und, so Corona will, ist die Band im Frühjahr wieder bei uns live zu erleben.

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