Corona als vierte Kränkung

Das Virus drängt uns, neu über Selbstbestimmung nachzudenken
Arnold Böcklin (1827 – 1901): „Gottvater zeigt Adam das Paradies”, um 1884.
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Arnold Böcklin (1827 – 1901): „Gottvater zeigt Adam das Paradies”, um 1884.

Das Coronavirus hat uns Menschen der Moderne gelehrt, dass von Selbstbestimmung als Autonomie und Unabhängigkeit nicht mehr so einfach die Rede sein kann. Daraus sollten wir einiges lernen, unter anderem: Wir brauchen Selbstbestimmung, die die Natur als eine ihrer Bedingungen mitdenkt, meint Ralph Charbonnier, Theologischer Vizepräsident des Landeskirchenamtes Hannover.

Wird man das Coronavirus – stellvertretend für viele Viren – im Rückblick einmal als die vierte Kränkung der Menschheit bezeichnen? Drei Kränkungen haben wir überwunden, weil wir die Dinge besser verstanden haben: Die Erde ist nicht Mittelpunkt des Kosmos, vielmehr Partikel in unendlicher Weite, wenn auch einzigartig. Der Mensch ist kein Wesen ganz eigener Art, vielmehr Ergebnis der Evolution, wenn auch bewundernswert. Das Bewusstsein ist nicht Herr im Haus, vielmehr verbunden mit allem Unbewussten, wenn auch ein für den Menschen typisches Charakteristikum.

Und jetzt kränkt ein kleines Virus: Von Selbstbestimmung als Autonomie und Unabhängigkeit kann so einfach keine Rede mehr sein. Statt Autonomie wird Fremdbestimmung erlebt: Das Virus und die Legislative bestimmen den Alltag. Abhängigkeit von Menschen und Strukturen wird tagtäglich spürbar. Was machen wir mit Selbstbestimmung, dem Leitbegriff der Moderne? Ihn verabschieden? Das hieße, der Kränkung nachzugeben. Oder: Annehmen, dass uns diese Kränkung auffordert, Selbstbestimmung besser zu verstehen? Letzteres scheint vielversprechend. Was dreimal gelungen ist, kann auch ein viertes Mal gelingen. Welches Verständnis von Selbstbestimmung ist realitätsgerechter, zukunftsfähiger?

Erstens: Selbstbestimmung nicht ohne Natur: Anthropozentrische Vorstellungen stellen Autonomie gegen Heteronomie, ein Handeln aus Vernunft gegen ein Bestimmt-Werden durch Natur. Natur als Widerpart der Freiheit, degradiert zur lästigen Einschränkung, die es zu überwinden gilt. Daraus wird im Alltag: Naturbeherrschung nach eigenen Regeln und Interessen – und diese sind nicht immer vernünftig. Dass eine solche Naturbeherrschung aus dem Ruder läuft, wissen wir längst. Regeln und Grenzen der Natur zu übersehen und zu missachten, rächt sich. Das gilt etwa für den Zusammenhang von CO2-Ausstoß und Klimaerwärmung, wie auch jetzt bei den Viren, die sich ihren Raum unter Menschen nehmen, weil ihnen anderer Lebensraum genommen wurde. Vernunft fordert, die Zusammenhänge von Natur und Kultur zu verstehen, das Zusammenspiel von Klima, Lebensraum, Pflanzen, Tieren und Menschen. Gefragt ist eine Ökologie im weiten Sinne, eine Lehre über die wechselseitigen Beziehungen und Bedeutungen dieser Lebensphänomene. Und ein Handeln, das ein solches ökologisches Wissen achtet und in der Praxis zur Geltung kommen lässt. Wir brauchen Selbstbestimmung, die Natur als eine ihrer Bedingungen mitdenkt.

Zweitens: Selbstbestimmung nicht ohne Leiblichkeit: Die Unterscheidung von Körper und Geist hat viel Gutes hervorgebracht. Eine körperbezogene Medizin, naturwissenschaftlich geprägt, hat das Leben vieler Menschen um Jahrzehnte verlängert. Der Geist kann sich länger frei und jugendlich fühlen, unbehindert durch körperliche Beschwerden oder gar Krankheit, erst recht nicht durch die Bedrohung des Todes. Insofern war es konsequent und eingeübt, in der ersten Phase der Pandemie dem Motto zu folgen „Leben retten hat Priorität“. Gemeint war: „Körper retten“, durch Abstandsregeln, Schutzkleidung, Kontaktvermeidung.

Recht bald zeigte sich Widerstand: Jugendliche wollten ihresgleichen treffen. Alte Menschen wünschten, besucht zu werden. Sterbende sehnten sich nach unmittelbarer Berührung und letzten Worten für ihre Seele. All dies verlangt, Leib und Seele zusammen zu denken. Nicht auf Kosten der Seele das Virus fernhalten. Auch nicht umgekehrt der Seele nachkommen auf Kosten des Leibes. Es geht um eine Zusammenschau von Leib und Seele: Zugunsten der Seele Gefährdung des Leibes riskieren, zugunsten des Leibes seelische Belastungen aushalten. Gefragt ist eine Leibphilosophie, die die Seele mitdenkt. Nach diesem Verständnis von Leib und Seele gilt es, selbstbestimmt zu leben.

Drittens: Selbstbestimmung nicht ohne die anderen: Wie oft wird die Gleichung aufgemacht: „Je unabhängiger ich von anderen bin, umso selbstbestimmter kann ich mein Leben gestalten.“ Wie auch umgekehrt: „Je stärker ich angewiesen bin auf andere, umso eingeschränkter erlebe ich meine Selbstbestimmung.“ Dieser Logik folgen in Zeiten der Pandemie viele in zweifacher Weise: Die einen suchen Selbstbestimmung im Versuch, sich autark zu machen. Hamsterkauf als Mittel der Wahl. Die anderen zeigen sich demonstrativ ohne Mund-Nasen-Schutz beim kollektiven Feiern und sehen sich dabei autonom, frei und selbstbestimmt.

In beiden Fällen geht ein Riss durch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Folgen sind Konflikt und Konfrontation. Selbstbestimmung lässt sich hingegen auch anders denken – von der wechselseitigen Beziehung her: „Was tragen andere dazu bei, dass ich frei leben, reden, handeln kann?“ Und: „Wie stärke ich die Freiheit und Selbstbestimmung der anderen?“ Keine Logik des Entweder-Oder, Du oder Ich, sondern eine Logik des Sowohl-als-Auch, der wechselseitigen Beziehungen. Selbstbestimmung hieße, gemeinsam darauf zu sehen, dass alle zum Zuge kommen und vor Gefahr geschützt werden. Gefragt ist das Wissen um die Zusammenhänge von Einzelnem und Sozialem, Selbstwahrnehmung und Mitfühlen, Eigeninteresse und Solidarität.

Viertens: Selbstbestimmung nicht nur aus einer Perspektive: Dass Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven und Diszipline gesehen werden können, ist ein großer Gewinn der Moderne. Wirklichkeit kann vielschichtiger und tiefer wahrgenommen werden. Es bleibt nicht aus, dass diese Perspektiven in einen Wettbewerb zueinander treten. Immer wieder kommt es zu Monopolisierungsbestrebungen. Titulierungen wie „Technisches Zeitalter“ und Deutungen wie „Ökonomisierung der Gesellschaft“ legen davon Zeugnis ab. So kam es zu Beginn der Corona-Pandemie zu einer unerwarteten Vorherrschaft virologischer und epidemiologischer Kriterien bei politischen Entscheidungen – bis sich wieder ein breiterer Wettbewerb mit Volkswirtschaft, Psychologie, Pädagogik, Sozialwissenschaften und auch Seelsorge sowie weiteren Perspektiven einstellte. Nur Selbstbestimmung, die nicht nach Vorherrschaft der einen Perspektive drängt, sondern aus unterschiedlichen Blickwinkeln Wirklichkeit wahrnimmt, wird der Moderne gerecht.

Fünftens: Selbstbestimmung nicht ohne „Mut zum Sein“: Selbstbestimmung, Autonomie – das klingt im Verbund mit vermehrten technischen Möglichkeiten nach Steuerung und Kontrolle, nach Abwehr von Fremdbestimmung und Schicksal. Ohnmacht scheint hier keinen Platz zu haben. Für die allermeisten ist es eine neue Erfahrung, dass ein Virus massenhaft, zufällig und rücksichtslos Menschen infiziert, ihre Existenz bedroht, Leben zerstört. Die einen verleugnen – aus ihrer Sicht selbstbestimmt – die Gefahr und werden zu Gefährdern. Andere reagieren mit Abwehr und Hysterie, handeln aufgeregt, wechselhaft und unklug. Dritte sehen die Gefahr, gewöhnen sich daran, ertragen es – scheinbar selbstbestimmt – in stoischer Gelassenheit. Der Gefährdung ihrer eigenen Existenz werden sie nicht gewahr.

Nicht ausweichen

Alle diese Wege versuchen, der Gefahr auszuweichen. Nicht auszuweichen hieße, ihr standzuhalten. Aber wie? Lebensworte wirken lassen: „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit …“ (2 Korinther 12,9), „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes …“ (Römer 8,38). Selbstbestimmung in solchen Momenten: sich bestimmen lassen. Aktiv passiv sein. Verheißung hören, Christus vertrauen, Hoffnung stärker sein lassen als Furcht. Das scheint nicht zu einer Moderne zu passen, die Aktivität ohne Passivität denkt, die Handeln höher wertet als Empfangen. „Sich bestimmen lassen zur Selbstbestimmung“ (Martin Seel) – darum geht es. Eine solche Selbstbestimmung wird realitätsgerechter sein als Verleugnen, Abwehr oder Gewöhnung gegenüber Gefahr und Tod. Gefragt ist „Mut zum Sein“ (Paul Tillich), das Dennoch des Glaubens, das Wort vom Kreuz, das Kraft schenkt zu „Widerstand und Ergebung“ (Dietrich Bonhoeffer).

Selbstbestimmung als „Souveränität, die die eigene Abhängigkeit integriert“, so formuliert es Gernot Böhme in seiner Praktischen Philosophie, die er als „Kompetenz zur Lebensbewältigung“ versteht. So gesehen kann uns die Kränkung zu besserer Einsicht führen. Mit den drei Kränkungen, dass die Erde als ein Planet neben anderen im All anzusehen ist, der Mensch Teil eines Schöpfungsprozesses ist, die Seele Bewusstes und Unterbewusstes kennt, haben wir gut zu leben gelernt. Warum soll das nicht für Selbstbestimmung gelten, die im Glauben und auf diese Weise souverän mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen weiß, auch wenn sie mikroskopisch klein daherkommen?

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