Poesie und alte Schätze

Acht Thesen zur Kirchensprache
Aus einer Ausstellung über die Brüder Grimm: Luthers Sprache prägte nicht nur den Protestantismus, sondern fand auch Einzug in das Wörterbuch beider Sprachsammler.
Foto: dpa/Uwe Zucchi
Aus einer Ausstellung über die Brüder Grimm: Luthers Sprache prägte nicht nur den Protestantismus, sondern fand auch Einzug in das Wörterbuch beider Sprachsammler.

Die Krise der Kirchen ist auch an deren Sprache abzulesen. Aber könnte eine neue Sprache dazu beitragen, sie auch aus der Krise zu führen? zeitzeichen-Redakteuer Philipp Gessler hat sich eingehend mit dem kirchlichen Wortschatz beschäftigt und sieht in der Poesie und in den alten sprachlichen Schätzen der Kirche großes Potenzial.

Die Kirchensprache leidet oft an zu vielen Worten. Deshalb sei sie hier knapp behandelt. Knackig in acht Thesen – die auch zum Widerspruch einladen sollen:

These 1: Die Kirche ist in einer Krise – und das liegt auch an ihrer Sprache.

Wer über die Kirchensprache spricht, muss die Lage der Kirche im Blick haben: Zwar sind noch rund 52 Prozent der Deutschen Mitglieder einer der beiden großen Kirchen. Eine Studie von Freiburger Finanzwissenschaftlern kam 2019 jedoch zu dem Ergebnis, dass sich der Anteil der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren könnte, ebenso die Summe der Kirchensteuereinnahmen. Allein 2019 sind mehr als eine halbe Million Katholiken und Protestanten aus den Glaubensgemeinschaften ausgetreten. Das sind historische Höchststände.

Die Kirche – hier mal im Singular, denn die Probleme sind bei beiden Großkirchen sehr ähnlich – ist in einer Krise. Kein anderes Wort ist angemessen. Auch deshalb ist ihre Sprache vor allem eine ängstliche geworden. Diese Angst ist grundsätzlich und vielgestaltig. Es herrscht ein, vielleicht, unbewusstes Bewusstsein vor, einer bröckelnden Institution anzugehören. Der Impuls liegt dann nahe, so zu reden, dass man ja niemanden vergrault, verschreckt oder verärgert. Das wird häufig mit einigen der floskelhaften Formeln legitimiert, die man so kennt: Man müsse ja alle irgendwie „mitnehmen“, „annehmen“, alle „abholen“ und immer „achtsam“ sein. Niemand dürfe verstört oder gestört werden, den man insgeheim zu gewinnen suche. Das führt zu Krampf und Unsicherheit, zu Kraft- und Mutlosigkeit auch der Sprache. Wer Angst hat, dem stockt die Sprache.

These 2: Die kirchliche Sprache hat Sprachungetümer erschaffen, um ihre eigene Uneindeutigkeit oder Unsicherheit zu verbergen.

Die Kirche verkauft den christlichen Glauben vor lauter Selbstzweifel und Ängstlichkeit häufig als eine für alle passende Wellness-Kur, die die Lebensleistung irgendwie steigert, eine Wohlfühl-Botschaft, die happy macht. Dabei sät der Glaube immer auch Zweifel. Zweifel gehören zum Glauben. Wo kein Zweifel, da kein Glaube. Die notwendigen Zweifel dürfen innerkirchlich nicht unterdrückt werden, im Gegenteil, sie befreien. Das gilt auch für die Zweifel über die Institution Kirche. Zweifel an der Kirche sind nicht schädlich, sondern der Weg, den die Kirche als „semper reformanda“, als eine immer zu verändernde Institution immer wieder nötig hat.

Eine gute Anregung gibt hier der Leipziger Dichter und Theologe Christian Lehnert. Er sagt, Zahlen seien nur ein Kriterium für eine mögliche Qualität. In ihrer Angst seien die Kirchen dauernd damit beschäftigt, strategisch-technisch mit ihrem eigenen Dahinschwinden umzugehen. „Das ermüdet, das raubt Kräfte. Das merkt man der Sprache überall an“, sagt Lehnert. Er erinnert uns an die Urkirche: Damals sei man regelrecht stolz gewesen, zu den Wenigen und den wenigen Erwählten zu gehören.

These 3: Die Kirchensprache ist oft zu einer fast reinen Binnensprache verkommen, die außerhalb der Kirche kaum mehr verstanden wird.

Die kirchliche Sprache kann auf einen Wort- und Bilderschatz von rund zweitausend Jahren zurückgreifen. Ein Segen ist das, aber auch ein Fluch. Angesichts der intensiven Ausbildung der Theologinnen und Theologen schleicht die Tradition leicht in die Sprache hinein. Ob sie passt oder nicht. Die Hannoversche Regionalbischöfin Petra Bahr hat den schönen Satz gesagt: In den Schaukästen oder den Gemeindebüros von Kirchengemeinden fänden sich oft seltsame Poster, auf denen über Schafherden Worte von gestern stünden.

Hirten und Könige

Es ist verführerisch, sich einer alten Sprache und der alten Bilder zu bedienen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, ob sie heute noch verstanden werden. Petra Bahr hat das so formuliert: „Man muss sich immer Gedanken darüber machen, dass man nicht verstanden wird, dass man in Klischees spricht – etwa in großstädtischen Gemeinden permanent über Hirten und Könige, aber nicht über die U-Bahn, die einen nervt.“ Und wenn die Kirchensprache selbst in der Predigt abschreckt, also bei Menschen, die nicht zuletzt dafür in die Kirche gekommen sind; wenn sie für manche gar lächerlich wirkt, wird es schwer, das Evangelium zu verkünden. Die Kirche wird so ihrem Auftrag nicht gerecht.

These 4: Die Kirche muss ihre starke sozialpädagogische Prägung abstreifen, zumindest abschwächen.

Die kirchliche Sprache neigt zu Fremdwörtern, sie ist akademisch geprägt. Sie ist voller theologischer Fachausdrücke, was an der Ausbildung ihrer Theologinnen und Theologen liegt – auch das ist kein großer Schaden, wenn diese theologischen Ausdrücke nicht überhandnehmen oder gar einen Erkenntnisgewinn mit sich bringen. Die Kirchensprache neigt aber zudem zu emotional aufgeladenen Wörtern, die oft sozialpädagogisch angehaucht sind. Das ist ein Problem. Woher kommt das?

Spätestens seit den 1970er-Jahren hat sich die bundesdeutsche Gesellschaft modernisiert und liberalisiert. Der Glauben an die Pädagogik und die Gestaltbarkeit der Gesellschaft war groß. Damit einher ging auch in den Kirchen eine Pädagogisierung des Diskurses.

Typisch ist, dass man in der evangelischen Kirche etwa ab Anfang der 1960er-Jahre keine „Kundgebungen“ mehr erließ, sondern „Denkschriften“. Man stand in den Kirchen damals der Reformpädagogik sehr aufgeschlossen gegenüber – mit ihrem Segen und ihren Abgründen (Stichwort: Odenwaldschule). Ein Grund für diese – man kann sagen – „Sozialpädagogisierung der kirchlichen Sprache“ war ein stärker werdendes karitatives Interesse der Kirche. Der Einsatz für den Mitmenschen wurde nun als mindestens so wichtig erachtet wie der Kult oder die Liturgie. In den 1970er-Jahren gab es in kurzer Zeit ein Viertel mehr Mitarbeiter der Kirche im pädagogischen Bereich. Die Gemeinden expandierten, gerade in dieser pädagogischen Sparte.

Mit dem Engagement der Kirchen für die Mühseligen und Beladenen drang verstärkt eine neue Professionsgruppe in den engeren Kreis der Kirche ein, Pädagogen und Sozialpädagogen. Und mit ihnen deren Sprache. Diese sozialpädagogische Sprachfärbung wurde in der kirchlichen Sprache so mächtig, dass sie sogar zu einem Distinktionsmerkmal, ja zu einer Eigensprache wurde. Diese Sprache aber wirkt rund vierzig Jahre später fast wie aus der Zeit gefallen, sie fasziniert nicht mehr und holt kaum jemanden noch irgendwo mehr ab.

These 5: Die kirchliche Sprache leidet unter einem Duktus der „Achtsamkeit“, der ihre Botschaft vernebelt.

Die Kirchensprache hatte in den vergangenen fünfzig Jahren viele Sprachmoden. Neben dem schon erwähnten Pädagogen-Duktus kam vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Färbung durch einen (linken) Polit-Slang hinzu. In den 1990er-Jahren war die Managementsprache in Mode. Und derzeit ist eine Sprache der „Achtsamkeit“ prägend. Es herrscht eine weiche, ungenaue und wolkige Sprache vor, die, das wurde in zeitzeichen 4/2020 schon erläutert, Macht und Hierarchien sehr gerne vertuscht. Immer wieder wird zudem betont, man wolle „authentisch“ sein – würde man das so oft sagen, wenn man es wirklich wäre?

Das Problem dabei ist: Die vorsichtige, ja ängstliche kirchliche Sprache erschwert auch den internen Dialog – nicht zuletzt, weil es in ihr schwer ist, so etwas wie Wut oder Ärger auszudrücken, ohne aus dem üblichen Sprachspiel zu fallen. Als Folge fehlt der kirchlichen Sprache nicht selten ein wichtiges Instrument der Kommunikation. Um der Harmonie willen, ein großer Wert in der Kirche, vermeidet die Kirchensprache oft, gerade intern, das klare Wort.

These 6: Die kirchliche Sprache ist zu oft eine harmoniesüchtige, uneigentliche, ja feige Sprache

Die Sprache der Kirche will eigentlich eine persönliche Sprache sein, die niemals aus dem Herzen eine Räubergrube macht und stets ehrlich ist. Deshalb ist sie einerseits voller Ich-Aussagen, somit emotional, da sie ja Befindlichkeiten ausdrücken will. Das Persönliche wird dann aber oft hinter viele Adjektive möglichst weit zurückgedrängt. So können (wahre) Gefühle kaum mehr richtig wahrgenommen werden.

Eine Folge der Vorsicht, ja der Harmoniesucht der Kirche ist: Ausdrücke wie „spannend“, „kostbar“ und „wertvoll“ unterliegen einer fast inflationären Entwertung. Wenn alles „spannend, kostbar, wertvoll“ ist, ist es bald nichts mehr – oder es ist nicht mehr als solches erkennbar. Das schaukelt sich hoch. Das angeblich Gelungene, ja Gute wird zu einem scheinbaren Normalzustand, was wiederum zur Folge hat, dass man nach immer neuen Superlativen suchen muss.

Tendenz zur Feigheit

Es gibt zudem die Tendenz zur Feigheit in der Kirche. Man will sich durch eine vorsichtige Sprache nicht angreifbar machen. Die katholische Buchautorin, Deutschlandfunk-Redakteurin und leidenschaftliche Vorkämpferin für die Rechte der Frauen in der katholischen Kirche, Christiane Florin, sagt: Die Kirche sei „ein einziger großer Bestätigungszirkus“. Das kirchliche Milieu ist eines, das ständig nach Lob, Anerkennung, Harmonie und Bestätigung verlangt. Es wird oft so gesprochen, dass alle zustimmen können. Dazu passt der auffällig häufige Gebrauch des Wortes „dürfen“, wie Christiane Florin fein beobachtet hat: „Danke, dass ich hier sein darf, dass ich putzen darf.“

Diese uneigentliche, harmoniesüchtige und oft feige Sprache führt zu einem doppelten Boden des Kirchensounds: Wer sagt, „Ich kann das gut hören“, meint eher: „Ich finde das ärgerlich, aber ich ertrage das jetzt“. Wer meint, er könne dem Gesagten überhaupt nicht zustimmen, kann sich flüchten in die Aussage: „Ich lege jetzt mal meines daneben.“

These 7: Nötig ist ein neuer Aufbruch in der Kirchensprache!

Es ist ein Elend! Was ist zu tun? Eine Lösung könnte sein: Die Kirchen sollten mehr Vertrauen in die starken Worte der Bibel haben, etwa in die Sätze der Psalmen oder in die kraftvolle Sprache der Propheten. Auch wenn diese Sprache manchmal etwas veraltet scheint, so hat sie doch noch so viel Energie, dass sie verständlich bleibt, auch wenn man nicht alles versteht.

Das ist seit vielen Generationen so, und noch heute werden selbst junge Leute still, wenn diese alte Sprache zu hören ist. Denn sie ist getränkt von uraltem Glauben, existenzieller Not und tiefem Erleben. Vielleicht können junge Leute heute sogar noch mehr mit der alten Sprache anfangen können als die Generation ihrer Eltern. Denn die Jüngeren sind seit Kindheitstagen geprägt von „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und „Game of Thrones“. Alte Sprache ist ihr womöglich nicht so fremd, wie man mit dem Blick auf „krass, Alta, was geht“ denken mag.

Schließlich: Vielleicht könnte auch mehr Poesie helfen. Die poetische und die religiöse Sprache sind sich ähnlich, sie könnten sich gegenseitig befruchten. Denn beide nähern sich tastend dem Unsagbaren. Das ist ein Gedanke, den Christian Lehnert stark macht. Die Kirche muss jedenfalls keineswegs dem neuesten Sprachslang hinterherhetzen, schon gar nicht der Jugendsprache. Denn das geht in der Regel schief.

These 8: Man darf die Menschen nicht unterfordern – sondern der schönen Form und der Botschaft Jesu vertrauen.

Man darf Menschen nie unterfordern. Die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes und selbst eine scheinbar alte Sprache wirken immer, wenn sie vom Herzen kommen. Auch einfache Zeichen oder das Schweigen können stark sein – anstatt immer verzweifelter nach neuen Worten oder anderen Umschreibungen zu suchen. Und, ganz wichtig: Wer der schönen Form nicht vertraut, macht zu viele Worte, die er selber nicht mehr glaubt.

Die kirchliche Sprache und die Kirche selbst können womöglich gesunden auch an dem, was sie schon haben – nämlich dann, wenn die Kirche, das ist ein wenig paradox, weniger Worte macht und auf das vertraut, was bereits ihr Schatz ist: das Schweigen, die Musik, Gesten, Rituale und Bilder. All dies ist oft genug. Es bedarf in der Regel keiner Erklärung, keines Wortnebels, der dies umweht. Das Handauflegen oder ein Segen erklären sich selbst. Gerade die jüngere Generation ist stark von Bildern geprägt. Bilder und Gesten sind wichtiger als früher. Das ist nicht schlecht für die Kirche. Es könnte eine Hoffnung sein.

 

Literatur

Jan Feddersen/Philipp Gessler: Phrase Unser. Die blutleere Sprache der Kirche. Claudius Verlag, München 2020, 184 Seiten, Euro 20,–.

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