Fülle des Lebens

Jan Assmanns Missa Solemnis

Es ist vielleicht eine der überraschendsten Veröffentlichungen zum Beethoven-Jubiläum: Der international renommierte Ägyptologe Jan Assmann schreibt ein Buch über „Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“.

Rückblickend scheint Jan Assmann selbst davon überrascht zu sein, denn zum einen gesteht er gleich freimütig im Vorwort, dass er von sich aus nie auf den „vermessenen Gedanken“ verfallen wäre, ein Buch über Beethovens Missa Solemnis zu schreiben. Zum anderen ist die Liste derer lang, denen er für Anregung und Hilfestellung dankt, so seinen theologischen Ratgebern (wie Bernhard Lang und Jan-Heiner Tück) und musikologisch Wegweisenden (wie Sven Hiemke, Peter Gülke, Birgit Lodes und dem Ende 2019 verstorbenen Martin Geck).

So erinnert das Vorwort fast an einen bescheidenen jungen Promovenden, der sich bei Lehrmeistern, Eltern, Freunden bedankt, aber man täusche sich nicht: Natürlich ist es ein Buch von Jan Assmann, und das Kunstvolle daran besteht in einer gekonnten und absolut verständlich geschriebenen Mixtur aus Wissensvermittlung und sehr originellen eigenen und, ja, zuweilen genialen Passagen.

Das Buch ist zweiteilig aufgebaut: Im ersten Teil beschäftigt sich Assmann mit dem Phänomen der Messe an sich. Allein für diese 120 Seiten würde es sich lohnen, das Buch zu erwerben, denn Assmann legt ein materialreiches und mit spürbarer innerer Beteiligung geschriebenes Porträt dieser Urform christlichen Gottesdienstes vor, die fesselt, ja begeistert. Ist es doch Assmanns große Stärke, komplexe Geschehnisse und Subtexte aufzuschlüsseln. Und immer wieder speist der Autor seinen großen Wissensschatz aus der Ägyptologie ein, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu charakterisieren, so zum Beispiel beim Sinnieren über das religiöse Ritual vor Statuen und anderen Kultbildern: „Jedes ägyptische Ritual zerlegt den rituellen Vorgang in eine Fülle von Einzelhandlungen, die alle von einem deutenden Spruch begleitet werden. Schon das ist im christlichen Gottesdienst völlig anders, weil es hier nicht um einen im Bild sichtbar gegenwärtigen, sondern in Wort und Ritus erst zu gegenwärtigenden Gott geht. Aber ohne den begleitenden Spruch würde auch im ägyptischen Kult die Gottheit im Bild nicht gegenwärtig werden und der Ritus bliebe wirkungslos.“

Im zweiten Teil des Buches – es ist genau die Hälfte des Gesamtumfangs – beschäftigt sich Assmann dann mit der Musik, Beethovens Missa Solemnis, die zuvor nur in kurzen Passagen angeklungen war. Neben absolut soliden und stilistisch sehr gelungenen Passagen werden die Leserinnen und Leser immer wieder auf interessante Subtexte und Entwicklungslinien gestoßen, die in beiden Buchteilen den Reiz ausmachen.

Nur ein Beispiel: Beethoven hatte sich 1820, als er die Missa komponierte, in eines seiner Konversationshefte die berühmten Worte des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant notiert und zwar so: Das Moralische Gesetz in unß, u. der gestirnte Himmel über unß. Kant!!! Dazu bemerkt Assmann: „Bei Kant kommt der bestirnte Himmel zuerst, das moralische Gesetz folgt an zweiter Stelle, Kant denkt von oben nach unten oder von außen nach innen, bei Beethoven ist es umgekehrt.“ Dann schlägt Assmann anhand des konkreten Zitats einen originellen Bogen zur Partitur der Missa Solemnis. Zwei Details finde er an diesem Eintrag Beethovens „besonders aufschlussreich“, nämlich: „die Unterstreichung und die drei Ausrufezeichen. Auch diese Emphase bestimmt die Komposition, genauso wie die Gegenüberstellung von oben und unten, außen und innen, Himmlischem und Irdischem.“ Und dann: „,!!!‘, das ist in Musik übersetzt ,fff‘, was in der Missa Solemnis nicht selten vorkommt.“

An einigen Stellen gibt es solche Entdeckungen, die zum Weiterdenken führen; auch lädt der ausführliche, 60-seitige Einzel-Durchgang durch Beethovens Missa Solemnis durchaus zum parallelen Hören der Musik ein. Hier gilt: Genauso wie beim allgemeinen Messe-Teil hätte allein der spezielle Missa-Solemnis-Teil des Buches den Kauf gelohnt!

Insofern ist dem großen Gelehrten Jan Assmann ein im besten Sinne multifunktionales Buch gelungen, das neben der Messe an sich und Beethovens Missa Solemnis im Speziellen auch die Fülle des Lebens traktiert und deutet.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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