Augenblitze

Philosophische Meditationen

Ist das noch Philosophie oder schon Poesie? „Das endliche Wesen spiegelt sich selbst in unendlichen Augenblicken, die es nicht erfassen kann. Sein Leben gleitet über sie dahin, wie ein Schatten. Was es besitzt, kann es nicht berühren, denn es ist Vergangenheit, und was es berührt, kann es nicht besitzen, denn es verweht mit dem Augenblick.“ Von seiner Ausbildung her ist Malte Oppermann Philosoph, mit Anfang dreißig wohl noch jung zu nennen. Doch sein Buch Der Augenblick offenbart eine Tiefe der Anschauung, die mitunter altersweise anmutet. Der Ausgangspunkt des – mit gerade mal knapp vierzig oft luftig bedruckten Textseiten – sehr schmalen Bändchens ist der Augenblick, jener Moment, der nicht zu fassen ist, zumindest nicht mit dem Bewusstsein. Denn in dem Moment, in dem das Reflektieren und Einordnen beginnt, ist der Augenblick schon wieder vergangen und kann nur als Erinnerung abgelegt werden, bei der man ja nie weiß, wie viel von ihr dem entspricht, was wirklich war.

„Der Augenblick der Gegenwart ist dem Bewusstsein nicht fasslich, doch die Sinne erleuchten ihn; wie der Blitz den tropfenden Garten in einem nächtlichen Gewitter.“ Die „Individualität der Wirklichkeit“ nennt Oppermann solche manchmal schreckhaften sinnlichen Erfahrungen eines Augenblicks, die die Schablonen des Verstandes dann im Nachhinein zu einem Bild zusammenfügen. Doch ein Satz wie „Ein junger Mann sitzt auf den Steinen am Ufer eines Sees und betrachtet die Wellen“ kann eben das einzigartige jeden Augenblickes sinnlicher Erfahrung nicht erfassen. „Keine Welle gleicht der anderen, keine Bewegung der Sonnenreflexe, die ein flimmerndes Netz auf die nahe Mole zeichnen.“

Oppermann macht Mut, sich auf diese sinnlichen Augenblitze einzulassen. Es winkt ein großer Gewinn: „Nur im Augenblick (…) kann es Freiheit geben.“ Denn nur in diesem sei Beginn möglich, immer wieder. „In ihm aber kann es plötzlich einen neuen Impuls geben, eine Beschleunigung und einen Richtungswechsel.“ Doch das gibt es nicht umsonst, es droht auch die Erfahrung der allumfassenden Vergänglichkeit. „Die verglühende Sonne beleuchtet eine radikale sterbliche Welt verschwindender Individualitäten – eine stürzende Schöpfung.“

Es ist wohl kein Zufall, wie könnte es bei solch wohlgesetzten Worten, dass Oppermann sich hier des religiösen Vokabulars bedient. Denn religiös-musikalische Menschen kennen diese punktuellen Erlebnisse, in denen die Transzendenz einbricht in den geregelten Lauf der Zeit, in denen irgendetwas aufblitzt von dem, was wir nicht fassen können. Damit gehen die Gedanken möglicherweise über das hinaus, was Oppermann vermitteln will. Wobei er das letzte Kapitel des Buches mit einem Zitat des überaus gläubigen kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómes Dávila (1913 – 1994) überschreibt: „Für Gott gibt es nur Individuen“.

Die Frage, wie ein Mensch zu dieser sinnlichen Erfahrung der Augenblicke kommt, beantwortet Oppermann auf eigene Art. Das angespannte Bemühen der „Ab-Sicht“, also des Herauslesens von Informationen aus dem, was die Sinne wahrnehmen, könne gelöst werden „unwillkürlich oder mithilfe von Drogen“. Der Rausch als Weg zum eigentlichen Erleben? Wer Erfahrungen mit Sucht und Süchtigen hat, geht hier auf Distanz. Man muss Oppermann nicht in allem folgen.

Zugegeben: 14,90 Euro sind ein stolzer Preis für einen – freundlich ausgedrückt – so komprimierten Essay. Man würde sich als Nachfolger ein Werk wünschen, das diese Impulse etwas weiter ausfächert und auch ein paar philosophiegeschichtliche Einordnungen nicht scheut. Aber bis dahin kann man dieses Buch immer wieder zur Hand nehmen und die philosophische Meditation als das lesen, was sie auch ist: Poesie.

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