Grandios Neues

Eine Neunte zum Verlieben

Der Anfang ist Programm: ein zarter Hornruf, ein Streicherzirpen von hoch bis tief, das sich nach einer guten halben Minute zum heroischen Ausrufezeichen verdichtet. Völlig klassischer Beginn zum einen, sicher. Zum anderen aber, wenn man weiß, was kommt, erscheint es, als wolle Beethoven mit diesen Eingangstakten seiner Hörerschaft zurufen: „Kinder, pssst, seid ruhig und gebt hübsch Acht, ich habe euch etwas wirklich Neues mitgebracht.“ Und Beethoven hält dies Versprechen:

Die 9. Sinfonie ist ein Wunderwerk blühender Schönheit, rasanter Themen und glorioser Momente. Natürlich auch wegen Schillers Ode „An die Freude“, deren Melodie auch heute fast jedes Kind (noch) kennt und die nolens volens seit 1985 Europahymne ist, als Melodie ohne Text wohlgemerkt!

Vor allem aber war die Neunte etwas grandios Neues: Die Integration der menschlichen Stimme in das sinfonische Geschehen. Seit sie 1824 im Theater am Wiener Kärntnertor das Ohr der Welt erblickte, folgten andere Sinfonien, die sich mehr oder minder daran orientierten – Mendelssohns Lobgesang, Mahlers Achte und viele andere – aber Beethoven war eben Anno 1824 damit wirklich ein Neuerer schlechthin, er ist letztlich der Musiker der Sattelzeit, jenes Zwischenjahrhundert von 1750 bis 1850, in dem sich das, was wir heute „frühe Neuzeit“ nennen, mit dem, was heute „Moderne“ heißt, vermischte.

In Beethoven, dem vollständigen Kind dieser Sattelzeit, amalgieren Herkunft und Heraufkunft des Neuen, er war seiner Zeit häufig voraus, und das wurde ihm zuweilen schmerzlich bewusst: So stießen seine späten Streichquartette bei Gönnern und Publikum auf Ablehnung. Nicht so seine Neunte, sie wurde mit Applaus bejubelt, auch wenn der Maestro den 1824 schon lange nicht mehr hören konnte, denn er war zu taub. Es heißt, die Altsolistin Caroline Unger habe Beethoven am Ärmel zupfen müssen, damit er sich nach dem Konzert der applaudierenden Menge zuwandte.

Nun ist es allerhöchste Zeit, die Ausführenden der CD zu loben: Das Vokalquartett mit Christiane Karg, Sophie Harmsen, Werner Güra und Florian Boesch sowie die Zürcher Sing-Akademie tönen klangschön und vital, sind aber gottlob weit entfernt von beschämenden Brüllereien anderer Akteure früherer Jahrzehnte. Sehr zu preisen ist auch das Freiburger Barockorchester, das sich zu einem Weltklasse-Beethovenensemble gemausert hat. Da ist bis zum nächsten Beethovenjubiläum in sieben Jahren (200. Todestag 2027) noch einiges zu erwarten! Bleibt nur die Hoffnung, dass die Konzerte zum 200. Jubiläum der Uraufführung, Anno 2024, wieder dichtgedrängt und im besten Sinne „live“ vollzogen werden können. Bitte, bitte … Wenn nicht, muss diese famose Aufnahme auch dann noch trösten. Das Zeug dazu hätte sie jedenfalls!

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