„Wir sind die Zeit“

Gespräch mit dem Hirnforscher und Psychologen Marc Wittmann über unsere Wahrnehmung von Zeit, innere Uhren und die Bedeutung der Achtsamkeit für ein langes Leben
Yoga-Praxis in Nepal: „In der Meditation werde ich mir selbst und meiner Körperlichkeit besonders gewahr.“
Fotos: dpa
Yoga-Praxis in Nepal: „In der Meditation werde ich mir selbst und meiner Körperlichkeit besonders gewahr.“

zeitzeichen: Herr Dr. Wittmann, Sie haben sich als Hirnforscher und Psychologe intensiv mit unserer Zeitwahrnehmung beschäftigt. Was reizt Sie an diesem Thema?

MARC WITTMANN: Zunächst seine existenzielle Dimension. Wir verändern uns über die Zeit, wir laufen durch sie garantiert auf den Tod zu. Aber was ist Zeit, warum geht sie voran? Außerdem hat Zeit immer etwas Momenthaftes, und ich muss entsprechend reagieren. Wenn ich mich einmal falsch entschieden habe, kann ich nicht zurück in der Zeit. In den Raum kann ich zurück, ich kann immer wieder nach Rom fahren, aber durch die Zeit zurück zu diesem Ereignis, das für mich persönlich wichtig war, kann ich nicht. Zudem denke ich, dass wir über die Erforschung unserer Zeitwahrnehmung und unseres Zeitbewusstseins auch überhaupt verstehen werden, wie Bewusstsein entsteht. Das gilt noch immer als eines der letzten großen Rätsel überhaupt. Um es zu lösen, ist die Beschäftigung mit der Zeit ganz wesentlich. Denn Bewusstsein wird nur über die Zeit in der Zeit erlebt.

Um mal etwas kleiner anzufangen: Haben wir eine innere Uhr im Kopf?

MARC WITTMANN: Es gibt mehrere innere Uhren, die auf den Schlaf-Wach-Rhythmus ausgerichtet sind. Das liegt natürlich daran, dass wir als Organismen auf diesem Planeten mit diesen spezifischen planetaren Konstellationen genau diesem 24-Stunden-Hell-Dunkel-Wechsel ausgesetzt sind. Schon Kleinstorganismen, Einzeller, haben sich an diesen zeitlichen Rhythmus angepasst und wir Menschen natürlich auch. Wir haben verschiedene innere Uhren, die etwa im 24-Stunden-Rhythmus ticken, und das Sonnenlicht synchronisiert all diese. Wir werden abends müde und morgens wieder wach, unsere Leistungsfähigkeit schwankt während des ganzen Tages, ebenso unsere Körpertemperatur, alle physiologischen Prozesse schwanken über den Tag hinweg. Unsere ganze Körperlichkeit, unser biologisches Fundament ist einer inneren Uhr ausgesetzt.

Welche Rolle spielt das Gehirn in dieser ganzen komplizierten Maschinerie?

MARC WITTMANN: Eine entscheidende. Der Dirigent des Ganzen ist der Nucleus suprachiasmaticus. Das ist nur ein kleiner Bereich unseres Gehirns. Wenn man zwischen den beiden Augen durchbohren würde, würde man ihn nach ein paar Zentimetern erreichen. Das Licht fällt an die Retina und wird weitergeleitet. Das ist das Signal für diesen Nucleus, um dann den vielen inneren Uhren, die wir haben, ihren Einsatz zu geben. Das können auch Verdauungsenzyme sein. Er koordiniert das und fügt alle inneren Uhren des Körpers zusammen. Das funktioniert sogar noch bei Blinden, die zwar nicht mehr sehen können, deren Rezeptor für das Sonnenlicht aber noch intakt ist.

Dieses innere Orchester muss aber in einem sehr schnellen Tempo miteinander spielen.

MARC WITTMANN: Natürlich, wir werden ja bombardiert von sensorischen Eindrücken, vom Sehen, Hören, vom körperlichen Gefühl. Und die Dinge passieren auch nicht immer gleichzeitig, es dauert ja, bis das elektromagnetische Signal zum Beispiel an der Retina ankommt und übersetzt wird zu neuronaler Energie. Die verschiedenen sensorischen Organe haben verschiedene Zeitparameter, aber trotzdem müssen alle irgendwie zusammengebunden werden, damit wir das Gefühl haben, dass dieses oder jenes gleichzeitig passiert. Wenn etwas innerhalb von vierzig bis sechzig Millisekunden geschieht, binden wir das zusammen zu einem Ereignis. Damit kann das Gehirn dann weiter operieren und arbeiten.

Aber das ist noch nicht der Bereich, in dem wir bewusst Zeit wahrnehmen, oder?

MARC WITTMANN: Nein, wir erleben die Welt um uns herum und uns selber in einem Zeitbereich von einigen Sekunden. Das ist das, was wir oft als einen Moment wahrnehmen. Aber es gibt natürlich noch ganz andere Zeiterlebnisse. Zum Beispiel, wenn sie zehn Minuten beim Arzt warten müssen. Dann sind wir in einem ganz anderen Zeitbereich, und wieder andere Mechanismen spielen eine Rolle. Etwa das Zeitparadox, das zwei Zeitwahrnehmungsmechanismen erklärt. Wenn wir in der Wartezeit nicht abgelenkt sind, der Akku vom Handy leer und nur blöde Zeitschriften herumliegen, bin ich auf mich bezogen, und die Zeit vergeht im Moment des Erlebens sehr langsam. Aber im Rückblick kommt mir die Zeit vor wie ganz schnell vergangen, weil ja nichts Besonderes passiert ist und ich mich kaum an etwas erinnern kann. Ich habe ja nur herumgesessen und nichts erlebt.

Was bedeutet das?

MARC WITTMANN: Im Rückblick sind die Erinnerungen ganz wesentlich für mein Erlebnis von Zeit. Ein Wochenende lang zu Hause etwas zu versumpfen, kann schön und wichtig sein, wird aber in meiner Erinnerung schnell vergangene Zeit sein. Ein Wochenende mit Freunden in einer mir unbekannten Stadt hingegen, in der ich viele emotionale und neue Eindrücke sammle, wird mir rückblickend recht lang vorkommen. Warum? Weil die Gedächtnisinhalte entscheiden. Wenn etwas Fantastisches passiert, wird die Aufmerksamkeit total darauf gerichtet und meine Eindrücke werden ganz tief abgespeichert. Man ist quasi in der Resonanz mit dem, was passiert, und bestimmt rückblickend die Zeit, die dieses Erlebnis dauerte, als lang.

Deshalb lautet Ihre Empfehlung: Lebe so, dass du ein abwechslungsreiches und emotional reiches Leben hast, dann lebst du lange.

MARC WITTMANN: Ja, genau. Wenn ich in der Routine des Alltags bin, vergeht die Zeit unglaublich schnell, und dann bin ich ganz entsetzt, dass schon wieder Weihnachten ist oder ich schon zehn Jahre an einem Arbeitsort bin. Das langweilige Leben vergeht eben im Rückblick sehr schnell.

Wobei die stimulierenden Erlebnisse ja nicht immer spektakulär sein müssen. Sie haben sich viel mit Achtsamkeitsmeditationen beschäftigt. Was haben die mit dem Thema zu tun?

MARC WITTMANN: Achtsamkeit und Meditation sind Techniken, über die ich nochmal wissenschaftlich Zugang zum Thema Bewusstsein, Zeitbewusstsein und Selbstbewusstsein finde. In der Meditation werde ich mir selbst und meiner Körperlichkeit besonders gewahr. Einatmen, ausatmen, ich mache einen Körperscan, ich gehe meinen ganzen Körper durch. Was passiert? Die Zeit vergeht plötzlich ganz langsam, ich bin mir selbst ganz bewusst. Für viele ist das kaum auszuhalten, da passiert nichts, die Zeit will nicht vergehen, dann juckt es einen, die Gedanken schweifen und so weiter. Mit ein bisschen Übung kommt man aber durch diese Induktionen in so ein Gefühl von Zeit- und Selbstlosigkeit. Man könnte es auch als eine Art Präsenzbewusstsein beschreiben, in dem man die Zeit gar nicht spürt und erlebt. Dann ist die Zeit nicht mehr der Fokus, und das narrative Selbst ist mal still.

Was meinen Sie mit „narratives Selbst“?

MARC WITTMANN: Das ist dieses Geplapper in unserem Kopf, die ständigen Kommentare. Wenn wir das herunterfahren, werden wir nicht nur ruhiger, sondern auch wieder offen für das Erleben unserer Umwelt. Meditation ist aber nur eine Möglichkeit dazu und auch nicht für jeden geeignet. Yoga wäre eine andere Form, bei der man ein bisschen mehr Bewegung hat, aber auch ähnliche Effekte erzielen kann. Es kann aber auch Joggen sein oder ein schöner Waldspaziergang, bei dem man sich auf die Umgebung einlassen sollte. Wie ist dieser Wald hier? Wie schaut es hier genau aus? Wonach riecht es? Wenn ich den Moment intensiv und positiv wahrnehme, dann hat es auch wieder rückblickend durchaus eine Auswirkung auf meine Erinnerung, in der die Zeit in angenehmer Weise langsamer verging.

Das sind wichtige Hinweise für ein gelingendes Leben, aber kann man das auch wissenschaftlich belegen?

MARC WITTMANN: Was ich zeigen konnte, ist, dass für Menschen, die über viele Möglichkeiten der emotionalen Selbstregulation verfügen, tatsächlich die Jahre langsamer vergehen. Warum? Weil sie sich und ihre Umwelt nuancierter und emotional komplexer wahrnehmen können. Sehr intensiv untersucht sind die Auswirkungen von buddhistischer Meditationstechnik, aber auch Karmeliternonnen und die Wirkungen ihrer Gebete auf die Hirn-aktivität. Die sinkt in den Strukturen, die mit dem narrativen Selbst stark verbunden sind. Und je nach Meditationstiefe fahren die Areale hoch, die sensorische Aktivitäten verarbeiten. Und dann geht es noch einen Schritt weiter. Im Zustand des beschriebenen Zeitverlusts und körperlichen Selbstverlusts werden bestimmte Areale voneinander entkoppelt. Möglicherweise hat das etwas zu tun mit dem oft beschriebenen Gefühl, eins zu sein mit der Welt, der Umgebung, fast schon transpersonal zu werden.

Und das können Sie scannen?

MARC WITTMANN: Na ja, ganz so einfach ist das nicht. Wir bekommen in der Regel einen  gemischten Salat an Befunden. Aber man kann diese schon so interpretieren, dass bei diesen meditativen oder kontemplativen Techniken die Strukturen des narrativen Selbst herunterfahren und sensorisch-assoziative Areale hoch. Zum Beispiel die Insula, die in meinen Arbeiten eine wichtige Rolle spielt, weil sie für Zeitwahr-nehmung sehr relevant ist. Man sieht im Scanner, dass beim Einatmenund Ausatmen während der Meditation die Insula-Aktivität hochfährt, das Körperbewusstsein stärker wird. Aber auch das kann sichdann entkoppeln, wenn man irgendwann im extremen veränderten Bewusstseinszustand in der Meditation sein Körper- und auch das Zeitgefühl verliert.

Wenn das Erleben von Zeit so stark von unseren Körperfunktionen und Emotionen abhängig ist, könnte man die These aufstellen, wir sind die Zeit?

MARC WITTMANN: Ja, auf zwei Ebenen. Das eine ist das Im-Moment-Erleben, die körperlich gefühlte Zeit, mit meinen Emotionen, in meinem Körpergefühl, mit meiner Aufmerksamkeit auf mich oder weg von mir. Das bestimmt, wie ich die Zeit erlebe. Aber bei längeren Zeiträumen, auf die ich zurückblicke und Gedächtnisinhalte zum Tragen kommen, auch dann ist es so, dass meine Erlebnisse und Gedächtnisinhalte darüber bestimmen, wie schnell die Zeit in der Erinnerung vergangen ist.

Wie passt das zu der Alltagserfahrung, dass mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller zu vergehen scheint?

MARC WITTMANN:Der Schlüssel zur Erklärung ist die Neuartigkeit des Erlebens, die dann wieder unser Gedächtnis füttert. Mit zwölf Jahren ist man noch ein Kind, mit 17 schon fast ein Erwachsener. In diesen fünf Jahren passiert so viel, entwicklungspsychologisch, entwicklungsbiologisch, von der Erfahrung her, alles ist ständig neu. Zwischen 51 und 56 kann gar nicht mehr so viel passieren. Ich bin schon seit Jahren im selben Ort und im selben Beruf, mache schon seit Jahren am selben Ort Urlaub. Der Neuartigkeitscharakter, der wichtig ist für die Auffrischung des Gedächtnisses, fällt weg. Das wirkt sich aus auf die Zeitwahrnehmung. Wir haben das Gefühl, die Zeit vergeht viel schneller, weil ich nicht mehr so viel Neues erlebt habe. Aber individuell kann gerade der Übergang um die 65, wenn ich als Arbeitnehmer in Rente gehe, ein umwälzendes Jahr sein, dann kann es wieder viele Veränderungen geben, und plötzlich vergeht die Zeit wieder langsamer. Es gibt also Schwankungen. Doch im Mittel ist es schon so, dass, je älter wir werden, die Zeit schneller vergeht, weil wir immer routinierter werden und die Ereignisse nicht mehr so dringlich abgespeichert werden müssen. Dann vergeht die Zeit schnell.

Wir erleben ja gerade, dass uns die Corona-Pandemie immer wieder zu neuen Verhaltensweisen, aber auch zu Passivität zwingt. Gibt es schon Erkenntnisse darüber, wie das auf unser Zeitbewusstsein wirkt?

MARC WITTMANN: Es gibt Studien aus Italien, Frankreich und England für die Momente der Pandemie, in denen man eingeschlossen war, Kino, Theater nicht mehr zur Verfügung standen und man sehr auf sich zurückgeworfen war. Wenn man sich in der sozialen Situation, in der man sich befand, wohl fühlte und auch eine Beschäftigung, ein Ziel hatte, dann verging die Zeit auch während eines Lockdowns relativ schnell. Für denjenigen, der mit der sozialen Situation nicht zufrieden war und auch keine Beschäftigung hatte, verging die Zeit hingegen ganz langsam. Emotionen in der sozialen Einbettung bestimmen darüber, wie die Zeit vergeht. Meine Prognose ist, dass das Jahr 2020 im Rückblick, grundsätzlich subjektiv erlebt, langsamer vergangen ist als andere Jahre. Dazu gibt es noch keine Befunde, aber es gibt gute Gründe für diese Prognose. Denn wir mussten uns ja immer wieder auf neue Situationen einstellen. Doch innerhalb dieser Wochen der Pandemie gibt es diese Ergebnisse: Wenn ich mich gut gefühlt habe, gut sozial eingebettet war, eine Beschäftigung hatte, verging die Zeit relativ schnell. Wenn das nicht der Fall war, ist die Zeit sehr langsam vergangen.

 

Das Gespräch führte Stephan Kosch am 20. Oktober 2020 via Zoom.
 

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Marc Wittmann

Dr. Marc Wittmann ist Psychologe und Humanbiologe am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg / Breisgau.


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