Vom Talar in den Pflegekittel

Als Pfarrerin im Pflegeheim zur Zeit eines Corona-Ausbruchs
Foto: Christian Lademann

Mitte Oktober geschah das, was wir gerade mit großen gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen versuchen zu verhindern: ein Corona-Ausbruch in dem Pflegeheim, wo ich als Pfarrerin regelmäßig Dienst tue.

Alle wichtigen Hygienemaßnahmen sind zuvor sorgsam befolgt worden. Mit Bedacht haben Leitung, Mitarbeitende, Bewohner und Angehörige monatelang auf dem schmalen Grat zwischen Lebensschutz und Ermöglichung von Kontakten gemeinsam balanciert. Es wurden Entscheidungen getroffen, auch solche, die wehtun. Menschen konnten ihre Angehörigen lange nicht besuchen und als das wieder ging, nur mit Vorsicht. Jemanden beim Sterben zu begleiten war immer möglich mit der entsprechenden Schutzkleidung. Gottesdienste hatten wir schon lange mit dem Altar draußen im Innenhof und der Gemeinde hinter den Fensterscheiben gefeiert.

Einiges kann verhindert werden, wenn Viele Vieles richtig machen und dann gibt es die Momente, in denen das Virus dennoch sein Schlupfloch findet. Die Nachricht erschütterte: 23 Bewohner waren positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Darüber hinaus waren 10 der Mitarbeitenden aus der Pflege infiziert und wurden dementsprechend von einem Tag auf den anderen in Quarantäne geschickt. Bloß lässt sich eben das Bedürfnis der alten Menschen nach der notwendigen Pflege und Zuwendung nicht in Quarantäne schicken.

Tanzen zu "Lilli Marleen"

Die plötzlichen Lücken im Dienstplan gingen über die knappe Besetzung, die in der Altenpflege allgemein häufig an der Tagesordnung ist, weit hinaus. Die verzweifelten Anfragen der Leitung nach Hilfe in viele Richtungen blieben ohne Resonanz. Der Leiter wendete sich an unsere Kirchengemeinde und als die ersten Versuche Ehrenamtliche zu finden nicht funktionierten, beschloss ich mit einer Freundin zu helfen. Als Pfarrerin im Funktionsdienst ließ es sich für mich eine Zeit lang organisieren mich alltags zu isolieren.

Wer jetzt glaubt, dass ich mir heldenhaft vorkam hinter FFP2-Maske, Schutzkittel und Plastikvisier, der irrt. Vielmehr wurde mir schnell klar, dass Tochter einer Altenpflegerin zu sein leider nicht bedeutet, dass man selber eine ist.

Ich tat, was man mir sagte. Ich schob Arme in Jackenärmel und Rollstühle in die goldene Herbstsonne, ich hab zum ersten Mal in meinem Leben angedickten Kaffee angerührt, ich bezog Betten, ich tanzte vor welchen zu „Lilli Marleen“,  ich führte 3784 Löffel zu Mündern (gezählt hatte ich sie nicht, aber so in etwa fühlt es sich an). Vieles, was wirklich anstrengend ist, wie bettlägerige Menschen lagern u. A. konnte ich nicht machen, weil ich diesen komplexen Beruf nicht gelernt habe.

Die noch verbleibenden Mitarbeitenden arbeiteten am Rand der Erschöpfung. Zu keinem Zeitpunkt waren die Bewohnerinnen oder Bewohner körperlich vernachlässigt und dennoch spürte ich eine Scham bei den Mitarbeitenden. Am Pflegewagen flüsterte mir eine Mitarbeiterin zu „Es ist sonst nicht so bei uns.“ Es war die Not, ein pflegerisches Ideal nicht einlösen zu können, das weit über die Grundpflege hinausgeht, welches aus diesem Satz sprach. Waschen, Essen anreichen, Medikamente verabreichen, all das hat stattgefunden, aber das liebe Wort, der Scherz auf dem Gang, das Vorlesen durch die Betreuung an den Betten, das Spielen, das blieb für einige Tage auf der Strecke und das traf die Mitarbeitenden. Und in der Tat haben Menschen ja mehr Bedürfnisse als satt und sauber zu sein.

Als Seelsorgerin gefragt

Neben meinem liebevollen Dilettantismus als ahnungslose Altenpflegerin, die keine ist und abends von ihrer Mutter am Telefon „ausgebildet“ wurde, tat ich dann aber auch das ein oder andere, was ich gelernt habe. Es gab bisher noch keine Situation, in der ich derart als Seelsorgerin gefragt war. Es war Seelsorge in den Zwischenräumen. Jeden Morgen einmal kurz auf dem Weg zur Umkleide den Kopf in das Büro des Einrichtungsleiters stecken und von all den widerstreitenden Forderungen hören, die an seinem Schreibtisch zusammenlaufen, einmal kurz bei den Küchenmitarbeitern vorbeischauen und würdigen, dass auch sie unter der Krise leiden und nicht allein die Pflege, später in der kurzen Pause von der Pflegerin hören, dass sie von anderen gemieden wird wegen ihrer Tätigkeit, Geschichten von Familien in getrennten Wohnungen... eben immer so viele Worte, wie in eine Zigarette passen. Nachmittags dann in dem Zimmer einer Bewohnerin sitzen, die noch in der Lage ist Nachrichten zu verfolgen. „Einzelhaft ist das hier“, sagt sie, die als negativ Getestete die meiste Zeit in ihrem Zimmer verbringt. Durchhalten wolle sie trotzdem, weil sie Angst hat Corona zu kriegen. Vor einigen Tagen habe ich ihr zu ihrem 91. Geburtstag gratuliert.

Langsam spürt man es vielen Bewohnern ab, dass die Situation anstrengend wird für sie. Bei demenziell veränderten Menschen können es oft ganz kleine Änderungen von Routinen sein, die in die Verzweiflung führen. Da kann schon die Unmöglichkeit am gewohnten Ort zu essen zu einer mittleren Katastrophe werden. Aber viel Durchhaltewillen genährt durch allerlei Krisen im langen Leben ist auch zu spüren. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten!“ sagte die eine Bewohnerin. „Wenn wir den ollen Virus los sind, gebe ich einen aus!“, ruft die andere mir auf dem Gang entgegen.

Als Tochter einer Altenpflegerin habe ich diese Zeit nicht gebraucht um Respekt vor Pflegeberufen zu erlangen, aber ich hab in den letzten Wochen eine Innenperspektive gewonnen im Hinblick auf den realen Grad der Belastung, welche die Krise für alle in diesen Einrichtungen bedeutet. Berührt hat mich vor allen Dingen, wie explizit subjektiv empfundene Schuld eine Rolle spielt. Empfundene Schuld der Leitungen durch Entscheidungszusammenhänge, in denen es keine guten Lösungen gibt, empfundene Schuld von Pflegenden, die sich vielleicht bei der einen Morgenpflege bei einem infizierten Bewohner angesteckt haben und das Virus unwissentlich einige Tage später an eine andere Bewohnerin weitergegeben haben...

Ich blicke neu auf die Frage, was eigentlich die Rolle der Kirche sein kann im Rahmen der Situation rund um die Pflegeeinrichtungen.  Nach dem ersten Lockdown haben viele die Kirche als zu still wahrgenommen. Es hätte doch für die Ermöglichung von Kontakten laut eingetreten werden müssen. Sicher ist es richtig, wenn Ulrich Lilie und andere öffentlich dafür eintreten, dass alte Menschen nicht per se auf ihr Schutzbedürfnis reduziert werden dürfen. Aber ich frage mich, ob unsere Aufgabe sich jetzt wirklich darin erschöpfen kann eine weitere Stimme zu sein, die auf diejenigen einbrüllt, welche in dieser überfordernden Situation Entscheidungen zu treffen haben.

Fragiles und Gebrochenes

Ich glaube vielmehr geht es um das sorgsame Begleiten vor Ort, so wie mein direkter Kollege, der sukzessive ein kleines Netzwerk aus Ehrenamtlichen aufgebraut hat und den Einrichtungsleiter eng begleitet hat in dieser Situation. Es geht darum Ambivalenzen sensibel mit auszuhalten, denn das ist es, was wir als religiöse player wirklich gut können. Wir haben eine ganze Tradition im Rücken, die viel zu sagen und vor allem zu schweigen weiß über Fragiles und Gebrochenes.

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat im Laufe der Pandemie Beauftragte in den Kirchenkreisen bestimmt, die sich begleitend und organisierend einbringen und engagieren bei Verständigungsprozessen in den Spannungsfeldern von Corona-Schutzmaßnahmen.  Das scheint mir eine außerordentlich gute Initiative zu sein. Pfarrerinnen und Pfarrer, die sich anbieten um schwierige Entscheidungsprozesse sensibel zu begleiten, die Netzwerke an Ehrenamtlichen aufbauen, die das tun, was gebraucht wird. Eine solche Begleitung lässt sich am Ende weitaus schlechter öffentlich inszenieren als lautes Gebrüll nach Kontaktmöglichkeiten. Aber in diesem Fall scheint es mir weitaus wichtiger, dass diese Begleitung im Stillen geschieht als dass Christiane Lieberknecht mit dem aktuellen Handeln der Kirche zufrieden ist. 

Mittlerweile sind in unserem Pflegeheim einige Mitarbeitende wieder aus der Quarantäne zurück und ich konnte mich aus dem Schichtdienst zurückziehen, aber ich gehe noch eine Zeit lang als Pfarrerin ins Haus und bin ansonsten weiterhin isoliert. Jetzt tue ich eben die ganze Zeit das, was ich gelernt habe, wenn ich dort bin. Hören, schweigen, reden, scherzen, beten.... Mein Talar ist ein mit bunten Pril-Blumen beklebter Pflegekittel mit Beffchen aus Kopierpapierstreifen. Seit Neuestem gehören für mich auch Handmassagen bei Bettlägerigen zum pastoralen Dienst. Wenn ich Frau H. die Hände eincreme, massiere, sehe, wie sie das genießt, dann hab ich das Gefühl als ahnte ich jetzt langsam, wie es sich anfühlt, wenn man das Evangelium in den Händen hält.

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Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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