Alles in allem

Kurz, fromm, emotional: Bedford-Strohms Ratsbericht 2020
Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hält am 8. November 2020 vormittags seinen mündlichen Ratsbericht vor der virtuell versammelten EKD-Synode.

Gestern begann die siebte und letzte Tagung der 12. EKD-Synode – unter besonderen Umständen. Der Ratsvorsitzende reflektierte in seinem Bericht die Pandemie theologisch und fromm. Das fand bei den einen viel Beifall, anderen war es zu „besinnlich“. Schlaglichter zum Ratsbericht.

Heinrich Bedford-Strohm war nicht zu beneiden: Statt einem hatte der EKD-Ratsvorsitzende praktisch gleich zwei Ratsberichte am ersten Tag der EKD-Synode zu halten: nachmittags die Einbringung der Zwölf Leitsätze, jenes Papier des sogenannten Z-Teams der EKD (Z wie Zukunft), das zunächst im Juni als „Elf Leitsätze“ erschienen war und das dann im Laufe eines mehrmonatigen, zum Teil heftigen Diskussionsprozesses zu „Zwölf Leitsätze(n)“ umgeschrieben worden waren. Zum anderen aber musste er schon vormittags auch  „den“ Ratsbericht halten, der jedes Jahr zu halten ist.

Und das, wo doch dieses Jahr sowieso alles anders ist, weil EKD-Synode rein digital stattfinden muss. Nur das Präsidium und einige Hauptvortragende sind „vor Ort“, in diesem Falle im Kirchenamt der EKD in Hannover, wo ein Podium und die gesamte Übertragungstechnik aufgebaut ist, während die Gesamtzahl der 120 Synodalen und die Mitglieder der Kirchenkonferenz und alle anderen das Geschehen allein von zuhause oder aus anderen Büros am Bildschirm verfolgen müssen. Und natürlich muss alles kürzer sein, denn die Tagung ist auf über die Hälfte der früher üblichen Sitzungszeit verkürzt.

Nichtsdestotrotz aber sollen auf dieser letzten Tagung der 12. Synode der EKD drei wichtige, seit Jahren traktierte Zukunftsprozesse in dieser Synodentagung „münden“, so Bedford-Strohm am Beginn seines für den Vortrag noch einmal radikal gekürzten mündlichen Ratsberichts: Erstens der Prozess zur Implementierung eine generellen Strategie, ja eines erneuerten Selbstverständnisses als Kirche überhaupt, vertreten durch die „Zwölf Leitsätze“. Dann zweitens eine strikte Sparstrategie: dreißig Prozent weniger Ausgaben bis 2030, niedergelegt in einer umfänglichen Vorlage mit vielen Einzelposten. Und schließlich drittens die Konkretion einer Digitalstrategie für viele Ebenen des kirchlichen Lebens und Wirkens – seit Jahren in der Mache und jetzt im Prinzip fertig. (Berichte dazu folgen).

Der Ratsvorsitzende versuchte aus dieser Not der Fülle einer Tugend zu machen, in dem er sich in seinem Bericht auf das Thema fokussierte, das nolens volens das Lebensgefühl der meisten Synodalen zur Stunde beherrscht: Die Pandemie, und was sie mit uns macht, und was sie uns zu sagen hat. Sein Vortrag ist seelsorglich und über weite Strecken in sehr geprägter geistlicher Sprache gehalten und somit noch näher an einer Predigt, als es Ratsberichte sonst sind.

„Ohnmacht aushalten“
 

Ganz zentral ist für Bedford-Strohm das „Vertrauen auf Christus“, denn Vertrauen sei das, „was wir in der gegenwärtigen Situation der Welt am meisten brauchen“, denn es werde immer deutlicher: „Die Normalität kehrt nicht zurück.“ In so einer Situation müsse die Kirche „Ohnmacht aushalten“ und alle Christen müssten  sich immer wieder die Frage stellen, „wo wir anderen etwas schuldig geblieben sind“. Besonders gedachte der Ratsvorsitzende dabei „an die Menschen, die gestorben sind, ohne dass jemand bei ihnen war, obwohl sie sich das so gewünscht hätten“ und bat die im virtuellen Raum Versammelten um einige Schweigemomente.

Dann aber machte Bedford-Strohm die Hoffnung stark und rief die berühmten Trias „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1.Korinther 13) ins Gedächtnis. Diese Worte seien für ihn „gerade jetzt“ von ganz zentraler Bedeutung, denn „(n)ach acht Monaten Pandemie brauchen wir als Gesellschaft in der öffentlichen Kommunikation neben dem richtigen Handeln auch stärkende Worte – Worte des Trostes“. Das Land brauche „zum einen die Resilienz, um mit Dingen umzugehen, die nur bedingt zu ändern sind, sowie die Geduld, das auch über längere Zeiten durchzuhalten, und zum anderen die soziale Energie, die solche Widerstandskraft nicht auf den Raum des persönlichen Durchhaltens beschränkt, sondern daraus die Kraft gewinnt, einander beizustehen und Solidarität zu üben mit den Schwachen und Verletzlichen, und damit in schwierigen Zeiten den sozialen Zusammenhalt zu stärken“.

Es war ein anspruchsvolles „alles in allem“, was Bedford-Strohm vortrug und das er bei aller Kürze mit vielen Seitenblicke anreicherte, die Predigerinnen und Prediger der nächsten Zeit durchaus in Teilen memorieren sollten. Vieles davon dürfte auch dem evangelikalen Lager gefallen: Kern aller Hoffnung, so Bedford-Strohm, sei für ihn Christus: „Für uns Christen findet sich dieser große Narrativ der Hoffnung seinen Höhepunkt und sein Zentrum in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi.“ Es sei ein „kühner Bogen“, der im Matthäusevangelium „so dicht“ beschrieben werde, „vom Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ hin zu jenem Wort am Ende des Evangeliums, das souverän zum Ausdruck bringt, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort hat: ,Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende‘“.  

In den Reaktionen auf den für religiös musikalische Menschen zweifellos sehr eindrücklichen, in Sprache und Stil dabei eher traditionell frommen Ratsbericht, erhielt Bedford-Strohm in der Aussprache viel Lob – besonders erwartungsgemäß von Synodalen, die eher dem evangelikalen Lager zuzuordnen sind. Andere, wie der Bochumer Professor für Diakoniewissenschaft, Uwe Becker, dankten dem Ratsvorsitzenden zwar für den „ sehr besinnlichen Bericht“, aber äußerten gleichzeitig die Sorge, dass die Kirche momentan in der Gefahr stünde, das Thema Corona „über-zu-dimensionieren“ und eine „Corona-Hermeneutik an den Tag zu legen“, die die „Kontinuität des Leidens“, der „sozialen Verwerfung“ und „der Ungleichheit“ zu wenig beleuchte.

Spirituelles Ritual?

So beklagte Becker, dass die Situation um das griechische Flüchtlingslager Moria „komplett“ aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden sei, obwohl das Flüchtlingselend dort unverändert weiterbestehe. Dass jeden Morgen in den Medien die neusten deutschen Corona-Zahlen präsentiert werden, erinnere ihn an ein „spirituelles Ritual“. Dadurch würden „viele Themen, die auch eine öffentliche Aufmerksamkeit verdient hätten, erdrückt.“ In der Tat fiel auf, dass Bedford-Strohm, die Flüchtlingsfrage und das von der EKD unterstützte Rettungsschiff im Mittelmeer diesmal nicht erwähnte.

Am Nachmittag sprach Bedford-Strohm dann noch einmal ein paar Minuten zu den Reaktionen auf seinen Bericht. Er dankte dem Synodalen Friedemann Kuttler, dem Vorsitzenden des pietistischen „ChristusBewegung ,Lebendige Gemeinde‘“ aus Württemberg, der gleich als erster reagiert hatte und dabei den Ratsvorsitzenden für seine „Ewigkeitsperspektive“ gelobt hatte. Bedford-Strohm betonte, dass für ihn das Begriffspaar „Beten und Tun des Gerechten“ von Dietrich Bonhoeffer bei der Abfassung seines Berichtes im Hintergrund gestanden habe. Und das, was Bonhoeffer diesen beiden Begriffen in einem zweiten Schritt beigelegt habe, nämlich: „Warten auf Gottes Zeit“. Denn es sei eben angesichts der Pandemie eine wichtige Perspektive, „dass wir uns ausstrecken nach der Ewigkeit, dass wir eine innere Freiheit gewinnen, die sich sogar auf die Frage von Leben und Tod bezieht, und uns die Angst vor dem Tod vielleicht sogar nehmen kann.“ 

„Tätern keinen Triumph gönnen“

Einige Synodale hatten angesichts der jüngsten islamistischen Anschläge nach der Verbindung von Religion und Gewalt gefragt. Dazu antwortete Bedford-Strohm, es sei klar, dass man „interreligiöses Gespräch in gar keiner Weise so verstehen“ dürfe, dass man davor zurückschrecken müsse, Gewalt im Namen der Religion zu verurteilen. Dabei sei völlig egal, um welche Religion es sich handele, und Bedford-Strohm erinnerte in diesem Zusammenhang an die Attentate von Christchurch und Halle. Die einzige Antwort darauf könne aber doch nur sein, dass „wir“ den Tätern „nicht den Triumph gönnen, dass wir Hass und Spaltung (…) in unserer Dialoge hineintragen lassen“.

Er sei dankbar, so der Ratsvorsitzende weiter, dass „muslimische Gemeinschaften sehr schnell und klar und scharf gegen diese Anschläge verwahrt haben“. Deswegen müsse als Reaktion auf die Vorfälle „interreligiöser Dialog verstärkt werden“. Dieser Dialog lebe aber davon, dass „wir den Menschen, die aus anderen religiösen Hintergründen kommen, mit Achtung, mit Respekt gegenübertreten.“

Gerade dies, so Bedford-Strohm, sei für ihn „klarer Ausdruck des leidenschaftliches Christuszeugnisses“, da Christus für die „radikale Liebe“ stehe. Bedford-Strohm: „Wenn ich wirklich Christus in meinem Herzen trage, muss ich den Anderen als Menschen begegnen, die genauso verdienen, ihre tief im Herzen empfundenen religiösen Überzeugungen zu leben.“ Deswegen sei es „völlig verkehrt“ zu meinen, dass die „Abwertung anderer Religionen irgendeine Form von Ausdruck des eigenen Christuszeugnisses“ sein könnte. Sondern: „Es ist genau umgekehrt!“ Über diese Pointe, so mögen die Zuhörenden gedacht haben, würden möglicherweise einige Evangelikale dann wohl doch anders denken und reden …

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