Wirklich neue Impulse?

Eine Analyse zu den „Zwölf Leitsätzen“ der EKD
EKD
Foto: epd/Jens Schulze

Aus elf Leitsätzen der EKD wurden zwölf. Georg Lämmlin, der Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), und sein Team analysieren für zeitzeichen die „Zwölf Leitsätze“ und fragen sich: Sind sie nur ein innerkirchliches Verständigungspapier oder wollen sie sogar ein neues Paradigma kirchlichen Lebens ankündigen?

Die erste Fassung der Elf Leitsätze aus dem Z-Team der EKD-Synode vom Sommer fand eine kontroverse Aufnahme, aber die Kritik bewegte sich dabei weitgehend in erwartbaren Bahnen, wie es immer erwartbar ist, wenn eine Organisation ihre Reformüberlegungen öffentlich bekundet. Erwartbar war die Kritik an einer mangelnden theologischen Substanz aus der Sicht der Systematischen Theologie. Erwartbar war die Warnung vor der Gefahr der Abschaffung der Ortsgemeinde aus der Sicht einer gemeindebezogenen Kirchensoziologie oder einer auf analoge Präsenzkommunikation fokussierten Pastoraltheologie.

Bereits weniger erwartbar und deshalb substanziell auch bedeutsamer war die Kritik aus einer systemischen Organisationsperspektive, dass die Leitsätze vor der konkreten Leitungsaufgabe in unbestimmte Leitbildkommunikation ausweichen. Und substanziell war sicher auch der Hinweis darauf, dass ein Kapitel Seelsorge gefehlt hatte, und damit eine der wichtigen Dimensionen kirchlich-religiöser Kommunikation.

Aber das ist alles Schnee von gestern, denn nun liegt eine stark überarbeitete Fassung vor, die nicht nur um ein Kapitel Seelsorge ergänzt, sondern inhaltlich und vor allem sprachlich wesentlich überarbeitet wurden. Dieses Zukunftspapier, das der Synode der EKD ab diesem Sonntag in ihrer Online-Tagung zur Beratung vorgelegt wird, wird sicher keine grundsätzliche und breite Kontroverse mehr auslösen, denn Sprache und Inhalt sind deutlich eingängiger und konsensfähiger geworden, der leicht anstößige sozialwissenschaftlich-technische „Slang“ ist weitgehend verschwunden. Der Charakter des Papiers ist schon deshalb ein anderer geworden, weil die in der ersten Fassung ans Ende gestellten drei biblischen Bilder von Kirche, „Leib Christi“, „Volk Gottes“ und „Salz und Licht“ nun an den Anfang gerückt worden sind (Z. 38 ff.).

Bedeutungsgewinn fraglich

Gleich am Anfang werden schon die Themen eingetragen, die später im Zentrum stehen: „Leib Christi“ wird mit „Netzwerk“ verknüpft, „Volk Gottes“ mit neuen Formen der Zugehörigkeit und „Salz und Licht“ mit der Präsenz in der und Relevanz für die Gesellschaft. Das schafft eine sprachliche Brücke zwischen der innerkirchlichen Verständigung und den gegenwärtigen gesellschaftlichen Problemstellungen. Inwiefern darin ein Bedeutungsgewinn erreicht wird, ist allerdings fraglich.

Ähnliches gilt, wenn die Begriffe Zeugnis (martyria), Gottesdienst (leiturgia), Gemeinschaft (koinonia) und Diakonie (diakonia) ebenfalls zu Beginn (Z. 86 f.) und nochmals in Leitsatz 11 (Z. 762) als Grundvollzüge kirchlichen Handelns genannt werden. Sie signalisieren eine Bezugnahme auf theologisch-ekklesiologische Grundbestimmungen, die aber kaum über eine assoziative Bedeutungsaufladung hinausreicht. Darin ist eine Reaktion auf die Kritik einer mangelnden theologischen Dimension der Argumentation zu erkennen, deren Stringenz sich allerdings in der Sache erweisen muss. Insgesamt führt diese Reaktion sicher dazu, dass sich die Argumentation leichter in den innerkirchlichen und innertheologischen Diskurs einfügt. Man darf gespannt sein, ob diese von den Kritikern honoriert wird.

Insbesondere aber sind zum neuen Textes drei Diskussionsperspektiven zur weiteren ekklesiologischen und sozialethischen Klärung zu nennen:

1. Ausgehend von der Bezugnahme auf das Johannesevangelium werden die drei Begriffe „Christusbindung, Geistverheißung und Liebesgebot“ als „die elementarsten Zukunftsprinzipien der Kirche Jesu Christi“ (Z. 15 f.) benannt. Sie treten an die Stelle des (problematisierten) Begriffs der Kommunikation des Evangeliums im Entwurf und können als inhaltliche Füllung und Bestimmung der Glaubenskommunikation verstanden werden. Abgesehen davon, dass sich „elementar“ nicht steigern lässt, formulieren sie eine ekklesiologische Neubildung, die kaum an die bisherige Begriffsbildung anschließt. Sie können als Vision einer „johanneischen Kirche“ oder eines johanneischen Zeitalters der Kirche gemeint sein, die dann allerdings, bezogen auf den johanneischen Gesamtkontext, durch eine spezifische Verbindung der Christusbezogenheit mit „Geistesgegenwart“ und „Liebesgebot“ charakterisiert wäre.

Wie wird Glaube kommuniziert?

Dementsprechend wäre zu klären, ob Geistesgegenwart und Liebesgebot dann nicht die an die Stelle der Gegenwart Jesu Christi tretende Realisierung der Gegenwart Gottes in der Kirche und bei den Glaubenden bilden. Diese theologische Präzisierung ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis von Glaubenskommunikation und Frömmigkeit, das daran anschließt und darauf aufgebaut werden soll. Es ist von geradezu elementarer und entscheidender Bedeutung, ob religiöse Kommunikation ausschließlich von der Christusbindung her und dann in der Sprache der Tradition aufgebaut und gefüllt wird (wie es im Duktus der Leitsätze weithin immer noch der Fall ist), oder rein von der Geistverheißung her, die ihre Realisierung im Glauben der Menschen und in ihrer – vom Liebesgebot qualifizierten – Frömmigkeitspraxis erfährt. Eine Praxis also, die an das anschließt, worin Menschen selbst ihr religiöses Selbstverständnis kommunikativ füllen und praktizieren. Die Subjektorientierung kann geradezu als Fundament des Protestantismus gelten und muss dann auch für die Glaubenskommunikation konsequent realisiert werden.

Die Diagnose einer „Glaubenskrise“ (Z. 30) lässt sich auf das beziehen, was Studien als Distanzierung vom eigenen Glauben (und nachfolgend von der Kirche als Organisation) beobachten. Was sie tatsächlich bedingt und wie sie kommunikativ in die religiöse Kommunikation der Kirche eingeholt werden kann, bedarf einer tieferen Klärung.

Die im ersten Leitsatz genannte zentrale Bedeutung von kirchlicher Bildungsarbeit (Z. 170; 205 ff.) kann für diese Distanzierung nur eine mögliche Brücke bilden, da sie überwiegend gerade in der Lebensphase nach der Bildungsphase (in Schule und Gemeinde) ansetzt. „Weitergabe und Vermittlung der biblischen und christlichen Tradition“ (Z. 206 f.) können deshalb kaum die Antwort auf das bieten, was als „Glaubenskrise“ (Z. 30) benannt wird, die zunehmend verstärkte Resonanzlosigkeit kirchlicher Glaubenskommunikation und Frömmigkeitspraxis.

Offene, fluide Formen

Hier gilt es, sehr viel stärker in den Blick zu nehmen, wie sich Glaube in offener, fluider und gebrochener Form zeigt. Dazu sind auch riskante Formen der Glaubenskommunikation und -praxis gefordert, die in Innovationsräumen sowohl in lokaler wie digitaler Form erprobt werden. Es kommt sehr darauf an, „out-of-the-box“-Denken einzuüben und eine kirchliche und gemeindliche Innovationskultur zu entwickeln.

Wesentlich für die Öffnung der Glaubenskommunikation ist es, wie sie aus der Engführung auf das kirchliche Amt herausgeführt und auf Partizipation und Reziprozität umgestellt werden kann. Die Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts zur ehrenamtlichen Mitwirkung in der kirchlichen Verkündigung hat dazu deutliche Hinweise geliefert. In dieser ehrenamtlichen Mitwirkung kommt das Bedürfnis zum Ausdruck, aktiv und selbstständig an der religiösen Kommunikation in der Kirche mitzuwirken. Diese Mitwirkung kann dann, wenn sie grundsätzlich wahrgenommen und umgesetzt werden soll, nicht auf die liturgischen Formen begrenzt werden, sondern bedarf einer neuen Öffnung hin zur „Circulation des christlich-frommen Selbstbewusstsein“ (Schleiermacher) im Alltag und in der Lebenswelt der Menschen. In den neuen Ausführungen zur Seelsorge in den Zwölf Leitsätzen der EKD bietet die Vorstellung von einem „Netzwerk aus Ehrenamtlichen und speziell ausgebildeten beruflich Mitarbeitenden“ (Z. 277 f.), die seelsorgliche Nähe und Offenheit organisieren sollen, einen deutlichen Hinweis auf diese Perspektive der Öffnung.

Vermehrt evaluative Prozesse

2. Die zweite Diskussionsperspektive betrifft deshalb das Umschalten von Parochie auf neue Arbeits- und Gemeindeformen. Die Entgegensetzung von parochial verfasster Ortsgemeinde und funktionalen Arbeitsfeldern lässt der Text nun hinter sich, wie sie in der Praxis auch längst aufgebrochen ist. Gemeinden sind auf die Zivilgesellschaft ausgerichtet oder orientieren sich, beispielsweise mit einer Verbindung von gemeindlichen und diakonischen Ansätzen, am Sozialraum, wie funktionale Arbeitsfelder ebenfalls sozialräumlich ausgerichtet werden und an gemeindliche Strukturen anknüpfen. Um hier Klarheit zu gewinnen, bedarf es allerdings vermehrt evaluativer Prozesse. Das heißt: Die Wirkungsweise von Innovationsprojekten, die Rolle von Personen wie von Steuerungsprozessen und finanzieller Ausstattung bedarf einer intensiven Beobachtung und Auswertung, um zu aussagekräftigen Kriterien und Konzeptionen für Innovationsmodelle und die Entwicklungsfähigkeit gemeindlicher Praxisformen und Strukturen zu kommen. Dies gilt ebenso für die besonders durch die Bedingungen während der Corona-Pandemie stark angefeuerten Prozesse für eine digitale Präsenz kirchlicher Kommunikation und Praxis. Innovation an dieser Stelle muss wissenschaftlich begleitet werden, um daraus eine ekklesiologisch tragfähige Konzeption einer agilen und digital kompetenten Kirche und eine nachhaltige Innovationskultur zu gewinnen.

3. Schließlich ist die dritte Diskussionsperspektive zur öffentlichen Präsenz von kirchlicher Kommunikation in der Gesellschaft von ebenfalls zentraler Bedeutung: Es gilt, die Themen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Wahrnehmung von Armut, Ungleichheit und Migration, der Gestaltung der digitalen Transformation der Arbeitswelt, wie auch der medizin- und bioethische Diskurs zu Lebensbeginn und Lebensende, zu Organspende und aktuell zur Pandemie-Bekämpfung in ihrer theologisch-ethischen Dimension aufzugreifen und in öffentlichen Interventionen zu profilieren.

Riskante Kommunikation gefordert

Auch an dieser Stelle dürfte riskante Kommunikation gefordert sein, in der sich protestantische Positionen im öffentlichen Diskurs profilieren und angreifbar machen. Das steigert die Anforderungen an kirchliches Leitungshandeln, das evangelisch ja nur in der Form partizipationsorientierter Leitung gedacht werden kann. Die kirchliche Leitungsaufgabe steht vor der Herausforderung, mit steigender Komplexität umgehen zu müssen und sich gleichzeitig ihre Handlungsfähigkeit unter dem gegebenen und zunehmenden Rückgang insbesondere finanzieller Ressourcen zu erhalten.

Von der Wahrnehmung einer öffentlichen, partizipativen Leitungsverantwortung in Bezug auf gesellschaftspolitische Fragen hängt es ab, mit welcher Relevanz kirchliche Kommunikation in der Gesellschaft wahrgenommen wird, und welche Voraussetzungen und Grundlagen für ihre Resonanz in der lebensweltlichen Orientierung und gesellschaftlichen Öffentlichkeit geschaffen werden. Ein Rückzug aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und den gesellschaftspolitischen Diskursen würde daher auch der religiösen Kommunikation eine wesentliche Dimension entziehen. Der kirchlichen Kommunikation muss vielmehr an einer Stärkung der gesellschaftspolitischen und öffentlichen Kommunikation durch entsprechende Protagonisten gelegen sein.

Das heißt: Die „Repräsentationsaufgabe“ der öffentlichen Theologie und des sozialen Protestantismus darf nicht auf die kirchlichen Leitungsgremien und -personen begrenzt werden. Der kirchlichen Leitungsverantwortung muss daran gelegen sein, (protestantische) Akteure in (Zivil-)Gesellschaft und Öffentlichkeit sehr viel stärker als Exponenten des öffentlichen und sozialen Protestantismus zu profilieren und partizipativ in die interne wie öffentliche Glaubenskommunikation einzubeziehen, in der lokalen kirchlichen Praxis wie auf gesamtkirchlicher Ebene. Die partizipative Ausrichtung kann so als eine Stärke der protestantischen Perspektive zur Geltung gebracht werden.

Im Ganzen wird es in der Diskussion der zwölf Leitsätze darauf ankommen, ob sich daran lediglich ein innerkirchlicher Selbstverständigungsprozess anschließt oder ob es gelingt, sie hin zu einer gesellschaftlichen Debatte über die Bedeutung und Organisation religiöser Kommunikation und protestantischer beziehungsweise christlicher Religionspraxis im Sinne öffentlicher Theologie und des sozialen Protestantismus zu öffnen.

(Dieser Text wurde unter Mitwirkung von Petra-Angela Ahrens, Petra-Kristin Bonitz, Philipp Elhaus, Andreas Mayert, Hilke Rebenstorf, Ann-Christin Renneberg und Gunther Schendel verfasst.)

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