Notwendig

Lebenswohl statt Nachhaltigkeit

Ist Nachhaltigkeit utopisch? Ja, sagt einer, der sich seit fast 20 Jahren mit dem Thema beschäftigt und jetzt ein tiefschürfendes Buch zum Thema veröffentlicht hat, das der Komplexität des Themas gerecht wird. Christian Berg war unter anderem bei der Softwarefirma SAP für Nachhaltigkeit zuständig, lehrt als Honorarprofessor für Nachhaltigkeit und globalen Wandel an der Technischen Universität Clausthal und ist Mitglied des deutschen Präsidiums des Club of Rome. Warum verweist so ein Experte die Nachhaltigkeit ins Reich der Utopie? „Nachhaltigkeit zu erreichen ist (…) utopisch – und zwar in doppeltem Sinn: Es wird zum einen nie möglich sein, mit Sicherheit zu wissen, dass der Zustand der Nachhaltigkeit erreicht ist, zum anderen aber ist es dringlicher denn je, dass die Menschheit ihr Handeln am Ideal der Nachhaltigkeit ausrichtet.“ Klingt ein wenig widersprüchlich, ist es aber nicht, sondern vor allem entlastend.

Denn die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation zu befriedigen, ohne die der künftigen Generationen zu gefährden, so die gängigste Definition von Nachhaltigkeit durch die Brundtland-Kommission aus dem Jahr 1987, dieser Anspruch kann ja schon deshalb nicht wirklich erfüllt werden, weil wir die Bedürfnisse der kommenden Generationen nicht kennen. Und auch die Folgen unseres Handelns nicht bis ins Letzte überblicken können. Das führt schnell zur Überforderung und zu Frustrationen, sei es beim eigenen Konsumverhalten, sei es auf höchster politischer Ebene.

Also, was ist zu tun? Bergs Antwort: Nicht ständig danach fragen, wie wir noch nachhaltiger leben und handeln können, sondern danach, warum wir es nicht tun. Das ist der Ausgangspunkt des ersten Teils des Buches, in dem Berg sehr präzise eine Vielzahl von Barrieren beschreibt: kognitive Begrenzungen, moralische Beschränkungen, soziale Barrieren, Marktversagen der Wirtschaft, fehlende politische Steuerung, rechtliche Schwierigkeiten, die Fragmentierung von Wissen und Verantwortung, der Zeitgeist mit all seiner Beschleunigung und seinem Konsumismus. Schon alleine diese Auflistung der Unterkapitel zeigt, wie anspruchsvoll Berg sein Buch anlegt. Das macht es nicht immer leicht, es zu lesen, ist aber tatsächlich notwendig, denn alles hängt ja mit allem zusammen und globale, komplexe Krisen kann man nur mit einem solchen Denken sinnvoll beschreiben.

Und entsprechend ist auch die Lösung keine simple Aufgabe. Nur das Agieren unterschiedlichster Akteure auf verschiedenen Ebenen kann zu dem führen, was Christian Berg als neues Ziel ausgibt: „Futeranity“, ein vom Autor gebildetes Kunstwort aus „Future of terra and humanity“, für das er die Übersetzung „Lebenswohl“ anbietet. Man kann über den Begriff streiten, muss man aber nicht, denn die Idee dahinter ist ja schlüssig. „‘Nachhaltig‘ wird damit von seinem Letzgültigkeitsanspruch befreit und kann wieder unbefangener (…) verwendet werden. Maßnahmen oder Prinzipien können und werden als mehr oder weniger zu diskutieren sein – doch wird das tägliche Handeln entlastet, weil die Orientierung an Prinzipien Komplexität reduziert.“

Das Buch ist also alles andere als ein weiterer schlichter Ratgeber für einen nachhaltigen Lebensstil, auch wenn es Hinweise in dieser Richtung enthält. Gerade für religiös geprägte Menschen finden sich immer wieder auch Anknüpfungspunkte, etwa wenn es um Kontemplation und Achtsamkeit geht als dem Boden, auf dem ein Leben mit weniger Ressourcenverbrauch gedeihen kann. So etwas in einem Buch zu lesen und einige Seiten später eine von systemischem Denken geprägte Analyse zu finden, das spannt einen weiten Bogen, fordert und fördert komplexes Denken. Aber ohne das wird es nicht gehen.

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