Uneindeutigkeit

Neuer Antisemitismus

Wiglaf Drostes Sätze zum Thema „Mit Rechtsradikalen reden“ bleibt nichts hinzuzufügen: „Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert.“ Für Antisemiten gilt das nicht minder.

In ihren „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ blickt Delphine Horvilleur ausschließlich darauf, wie ihn die so Gehassten selbst verstehen. Die liberale französische Rabbinerin bringt dazu Texte aus Bibel und Talmud versiert zum Sprechen, hört genau hin, verbindet sie. Oder anders: Sie legt sie luzide aus, wobei sie unter den modernen Begriff auch den historisch älteren Judenhass fasst, was zwar anachronistisch, aber stimmig ist. In der Bibel heißen Juden zunächst stets „Kinder Israels“, also von Jakob, dem seit seinem Ringen mit Gott Hinkenden, der anders als der virile erstgeborene Zwillingsbruder schon von Mutterleibe an der Unfertige, vorerst noch nicht Angekommene sei.

Den Gegensatz deutet sie prinzipiell: „Die Welt der Endlichkeit will über das Vielleicht triumphieren. Mit Jakob und Esau prallen zwei Kulturen aufeinander, Ganzheit und Unendlichkeit.“ Da, wo ein Jude ist, ist fortan der Antisemit nie weit, wie sie am jungen biblischen Buch Ester zeigt. Dort werden die „Kinder Israels“ unabhängig von Genealogie und Geographie erstmals Juden genannt und Ziel eines geplanten Pogroms. Dessen Abwendung feiert bis heute das Purimfest. Der Kern ihrer Denunziation beim persischen König: Sie gefährdeten Staat und Macht. Ihr Selbstverständnis und Glaube seien zersetzend, verkörperten Fraglichkeit und Zweifel in anarchisch aufrührerischer Weise.

Horvilleur lässt das Selbstbild des „erwählten Volkes“, das sogar die eigene Erwählung bezweifelt, aus den Texten heraus faszinierend lebendig werden und reflektiert darin, wie beunruhigend solch ein „Vielleicht“ wirkt: Das Bekenntnis zu Fraglichkeit und die Abwehr von Verabsolutierungen bringen jene, die genau das nicht aushalten, zum Toben, auch wenn sie dem teils diametral widersprechende Verleumdungen wie die bis heute grassierende von der Weltverschwörung erfinden. Diese und weitere Linien jüdischer Reflexion zieht sie exemplarisch und intellektuell wie erzählerisch fesselnd aus. Als Kern von Antisemitismus kommt so die existentielle Unfähigkeit in den Blick, mit der Fragilität des Lebens umzugehen, so sehr sich auch Einzelaspekte wie Probleme mit Selbstwert und Männlichkeit oder Machtfixierung nennen lassen.

Der Hass zielt stets auf die Uneindeutigkeit. Denn das Judentum sei nach dem Verlust des zweiten Tempels ein Phänomen ständiger neuer Deutung und fast notorisch von Vorläufigkeit und letztlich dem angenommenen Zweifel her geprägt. Genau das können „Reiche“, Staaten, Gesellschaften, auf stupide Eindeutigkeit angelegte Ideologien oder Individuen als vitalen und oft humorigen Gegenentwurf nicht neben sich ertragen, zeigt er doch entlarvend, dass und wie es eben auch anders geht.

Wie Horvilleur dies aus biblischer und rabbinischer Literatur heraus entwickelt, ist anregend, triftig und, ganz ohne Statistiken und Umfragen, sozialpsychologisch frappant überzeugend. Das gilt auch von den Brücken, die sie von hieraus zu feministischen Positionen schlägt, und ihren kritischen Anmerkungen zu aktuellen Identitätsdiskursen. Ihr Essay will zwar keine Proselyten machen, doch wer eh überlegt, könnte hier in Versuchung geraten – so sehr Delphine Horvilleur innerhalb des vielstimmigen jüdischen Orchesters eben auch bloß eine ist. Aber fraglos eine, auf die zu hören anregend und bereichernd ist.

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