Schatzkammer

Drei Diakonissen und Sarepta

Diakonissenleben in Biografien? Was seltsam fern anmutet, entfaltet sich während der Lektüre von Töchter Sareptas als reizvolles Stück Zeit- und Frauengeschichte. Ute Gause, Bochumer Professorin für Reformationsgeschichte und Neuere Kirchengeschichte, hat mit bisher nicht ausgewertetem Archivmaterial einen eindrucksvollen Weg gewählt, die Geschichte der Bielefelder Diakonissenanstalt Sarepta aufzuschreiben: Anhand dreier Lebensgeschichten der „Töchter Sareptas“, die Gause erarbeitet hat, zeigt sie die Entstehung und Transformation der Diakonissenschaft. Sie rückt aber auch drei Frauen in den Mittelpunkt, die als „Verkörperung eines authentischen evangelischen Christentums“ als Vorsteherin, Gemeindeschwester und als Lehrerin im Kindergartenseminar gearbeitet haben.

Da ist zum Beispiel Emilie Heuser (1822 – 1898). Sie ist die erste Vorsteherin der Diakonissenanstalt. 1853 tritt sie in den Dienst der Kaiserswerther Diakonie, eröffnet ein Hospital in Alexandria, arbeitet als Apothekenschwester, wechselt nach Jerusalem, Beirut und nach Sidon. Eine qualifizierte Ausbildung und langjährige Berufserfahrung ebneten ihr 1869 den Weg in die Leitung des Bielefelder Diakonissenhauses. Zurückhaltendes Auftreten paarte sich mit einem erheblichen Durchsetzungsvermögen für die Sache. Solche Phänomene müssen gerade eine Kirchenhistorikerin und Genderforscherin wie Ute Gause interessieren. „Selbstverleugnung wurde zum Lebenskonzept von Emilie Heuser“, schreibt Gause. Trotzdem: „Selbstverleugnung bedeutete nie ‚Kadavergehorsam‘, sondern ein Absehen von eigenen Bedürfnislagen gegenüber Gott als Letztinstanz.“

So setzte Emilie Heuser zum Beispiel durch, nicht als Frau Oberin angesprochen zu werden, sondern als „Schwester Emilie“. Auch mit dem Tragen ihrer Kaiserswerther Kleidung bezwang sie den Anstaltspastor Friedrich Simon. Sie baute die Infrastruktur der Schwesternschaft auf, organisierte die Pflege und übernahm mit der inneren Verwaltung des Mutterhauses eine umfangreiche Verantwortung. Als sie starb, standen „530 eingesegnete Diakonissen, 206 Hilfsschwestern und 92 Probeschwestern, in Summa 828 Arbeitskräfte im Dienst Sareptas“.

Anders Anna Siebel (1874 – 1975). Sie arbeitete als Gemeindeschwester im Ruhrgebiet. Als Ansprechpartnerin in ihrer Gemeindestation und durch ihre Hausbesuche war sie als Diakonisse vom Krankenbesuch bis zur Sterbebegleitung eingebunden und Teil des öffentlichen Lebens. Die Dritte ist Liese Hoefer (1920 – 2009), die als diplomierte Psychologin und promovierte Lehrerin für evangelische Theologie sicher eine Ausnahme in der Schwesternschaft darstellte. „Aber an ihr wird deutlich, dass gesellschaftliche und politische Reformimpulse in die Gemeinschaft des Mutterhauses hineinwirkten“, schreibt Ute Gause.

Kurzweilig, lehrreich, fesselnd macht die Kirchenhistorikerin Biografien sichtbar, die nicht auf Entfaltung und Selbstverwirklichung ausgerichtet sind. Die aber, wie der Untertitel andeutet, ihr „Diakonissenleben zwischen Selbstverleugnung und Selbstbehauptung“ immer mit dem „Leitmotiv christlich fundierten unabhängigen Handelns“ gelebt haben.

Gause gibt die Form vor, die sich nicht mit der Nacherzählung von Lebensstationen begnügt, sondern das Wirken der Diakonissen zu einem unverzichtbaren Teil der Frauengeschichte addiert. Gleichzeitig beschreibt sie Phasen der Entwicklung des Diakonissenmutterhauses Sarepta.

Als Fazit heißt es bei ihr: „Die Fülle der Quellen und Materialien, die Einblicke in das Leben der Schwestern über 150 Jahre ihrer wechselvollen Geschichte gewähren, sind eine Schatzkammer der Frauengeschichte und -erfahrungen.“ Und sie sind in jedem Fall biografiewürdig.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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