Für Gerechtigkeit

Edda Lechners Erinnerungen

Pastorin Edda Groth – nach ihrer Heirat Edda Lechner – war in den aufgeregten Jahren nach 1968 bundesweit bekannt. Die Illustrierte Quick listete sie im Dezember 1974 unter dem Titel „Pfarrer, die dem Terror dienen“ in einer Reihe mit Helmut Gollwitzer, Kurt Scharf und Dorothee Sölle auf. Zu diesem Zeitpunkt war Edda Groth, Pastorin in Hamburg, gerade aus der Kirche ausgetreten und hatte damit ihr Pfarramt verloren. Jetzt hat die inzwischen über 80-Jährige ein Buch vorgelegt, in dem sie ihre Entwicklung von der Bauerntochter aus Dithmarschen über das Theologiestudium bis zur Ordination 1967, die gerade erst für Frauen möglich geworden war, und zum Pfarramt und dem schließlichen Kirchenaustritt nachzeichnet.

Lechners Buch bietet keine wissenschaftliche Analyse, sondern die eigene Sicht der Dinge. Es ist reich mit Fotos illustriert, die das Geschehen ebenso lebendig vor Augen führen wie die wiedergegebenen Dokumente: Flugschriften, Protokolle, Briefe, Stellungnahmen und Ähnliches. Obwohl Edda Lechner immer benennt, wer gegen sie war und wer auf ihrer Seite stand, muss man das Buch nicht als Abrechnung mit den Gegnern lesen – vom Bischof bis zu Kirchenältesten, Gemeindemitarbeitern und einigen Kollegen.

Man spürt dem Bericht noch nach fünfzig Jahren nach, mit wie viel Engagement und Überzeugung Edda Groth Pastorin war. Die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, waren ihr ans Herz gewachsen. Entsprechend groß war die Verletzung, wenn diese Arbeit behindert und diffamiert und sie als Pastorin disziplinarisch belangt wurde. Immer wieder klingt die Enttäuschung durch, dass von kirchenleitender Seite die inhaltliche Auseinandersetzung verweigert wurde. Bei vielen Konflikten handelte es sich, wie Lechner bemerkt, um kleinliches Geplänkel. Aber im Ganzen war die Konstellation so, dass sie für Edda Groth nur mit dem völligen Bruch gelöst werden konnte.

Am Schluss schreibt Edda Lechner, ihr Ziel sei immer gewesen, „in dieser Welt für Gerechtigkeit einzutreten“. Dieses Ziel führt bereits die Schülerin dazu, kirchliche Jugendarbeit anzustoßen. Im Vikariat wird die pädagogische Leidenschaft befeuert und geformt. Hier finden aber auch schon erste Auseinandersetzungen statt, besonders um die Frauenordination. Für die Gemeindearbeit wird der Stuttgarter Kirchentag 1969 mit dem Motto „Hungern nach Gerechtigkeit“ prägend. Die junge Pastorin betreibt eine antiautoritäre Jugendarbeit mit dem Ziel, kritische Menschen zu bilden. Sie gelangt zu der Ansicht, dass dies im Kapitalismus zum Scheitern verurteilt ist, und will an ihre Stelle eine antikapitalistische Erziehung setzen. Theoretisch orientiert sie sich am Marxismus, politisch arbeitet sie mit dem Kommunistischen Bund Westdeutschland zusammen.

Als der Konflikt eskaliert, lehnt Edda Groth zusammen mit ihrem Kollegen und späteren Ehemann Helmut Lechner alles Taktieren ab. Beide kommen zu dem Schluss, dass sie in der Kirche keine Zukunft haben. Zugleich gelangen sie zu der Erkenntnis, dass sie „nicht mehr an Gott und das Evangelium glauben konnten“. Da war der Austritt aus der Kirche ein konsequenter Schritt, für den die beiden den hohen Preis des sofortigen Verlusts sämtlicher Bezüge und Versorgungsansprüche bezahlten.

Edda Lechner schreibt: „Ich hatte meinen Glauben verloren.“ Als Gründe führt sie „die Wissenschaft, die politische Erkenntnis und die eigene Erfahrung“ an. Welchen Anteil daran die Kirche in ihrer Leitung, im Kollegenkreis und in der Gemeinde hatte, erörtert sie nicht. Sie steht dazu, dass den endgültigen Bruch sie selbst als persönliche Entscheidung vollzogen hat. In ihrer späteren politischen Arbeit, die sie bis zum Landesvorsitz von PDS und der Linken in Schleswig-Holstein führte, blieb sie bis heute dem Ziel treu, „in dieser Welt für Gerechtigkeit einzutreten“, auch da gegen alle Widerstände.

Wer damals schon dabei war, stößt in dem Buch auf viele Fragen, die noch der Klärung bedürfen. Die Jüngeren erhalten Einblick in eine Zeit, die die Gegenwart mehr geprägt hat, als den meisten bewusst ist.

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