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Bob Dylans neuste CD

Keine Botschaften, dafür Beobachtungen, Mythen, Geschichte, Anspielungen, in famoser Musik zu Songs verwoben, für die er berühmt ist. So bleibt Bob Dylan sich und uns auch auf seinem (gefühlt) 115. Album seit 1962 treu: „Don’t follow leaders/watch the parking meters.“ Behaltet die Parkuhren im Auge! Rough and Rowdy Ways ist endlich purer Stoff nach acht Jahren ohne (siehe zz 12/2012), für blutige Neulinge so tauglich wie für alte Hasen. Drei Alben mit Coverversionen aus dem American Songbook, die hier unerwähnt blieben, lagen dazwischen und die überaus dylaneske Posse um den lange nicht abgeholten Literaturnobelpreis. Fight the power? Kann man so machen.

Jetzt ist er bereits 79 und die Sorge um seinen nahen Tod naheliegend. In den zehn Songs von Rough and Rowdy Ways, darunter das recht unverstellte Intro I Contain Multitudes, spielt der öfters eine Rolle, aber, wie Dylan in einem seiner seltenen Interviews einem New York Times-Kollegen sagte, der triggere ihn gar nicht. Es sei eher das Ende der Menschheit, das er fürchte. Entsprechend klarsichtig und schonungslos ist auch das Album, das, etwa in dem im Netz vorab veröffentlichten Murder Most Foul zum Mord an John F. Kennedy, ebenso in die Vergangenheit ausgreift, wie es mit dieser Folie die Gegenwart desillusioniert auf den Punkt bringt. Wer Falsch-Klischee-mäßig ein Statement zu dem vom einem Cop zu Tode gefolterten George Floyd erwartet, darf zwischen den Zeilen lesen. Doch Dylan wiederholt sich nicht. In Hurricane wusste er bereits 1976: „If you’re black you might as well not show up on the street/Unless you want to draw the heat.“

Keine Botschaften also, aber knietiefes Erzählen zu gewieft schattiertem, mal sachtem, mal ruppigem Blues, Talking, Boogie und zarten Meditationen seiner großartigen Band. Die ersten Schritte ins Wasser fallen leicht, dann können wir rausschwimmen, viele Tage, endlos weit. Ufergedanken werden gegenstandslos, dieser Horizont bleibt wahr, hart und unverstanden. Egal. Hier findet dichtes geschichtengesättigtes Erzählen statt (nicht von ungefähr gilt Calliope, der Muse des Epos, in Mothers of Muses die Leidenschaft des lyrischen Ichs).

Dylan kreiert Resonanzräume in stupender Gleichzeitigkeit, die sich und uns zwischen der Antike und brutaler Gegenwart nichts vormachen, verlässlich schonungslos Herz zeigen, Wärme, Weisheit, Wut und lässige Verweigerung. Seine Stimme ist klar, fest. Und die Lyrics seien ihm wie in Trance zugeflossen. Stream of Consciousness mit enormer Spannkraft, Wachheit und Reichweite: ein Hochamt des Sagbaren, groovy und gehaltvoll. Und nicht bloß Protestanten mögen da an das Paulus-Wort denken, wonach der Glaube aus dem Hören komme. Sinn und Relevanz begegnen hier so skeptisch wie überzeugend körperlich. Da lassen sich Scheiben von abschneiden: Brot für viele Tage, keine Botschaften. Bloß Haltung: Crossing The Rubicon.

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