„Menschen genannt zu werden“

Die zivilgesellschaftliche Rolle der Kirchen in Belarus ist vielschichtig und teilweise unklar
Metropolit Pavel
Foto: dpa/Natalia Fedosenko
Metropolit Pavel hat verletzte Demonstranten im Krankenhaus besucht – wenige Tage später legte er sein Amt nieder und wurde durch die Synode in eine andere russische Diözese versetzt.

Die Kirchen in Belarus befinden sich derzeit in einem Stresstest. Sie sind sowohl seitens des Regimes als auch seitens der Zivilgesellschaft herausgefordert, sich zu den Protesten um die Präsidentschaftswahlen zu positionieren. Wie reagierten sie bislang auf die Geschehnisse? Eine Analyse der Theologin Yauheniya Danilovich.

Wer geht denn dort?

Wer geht denn dort, wer geht denn dort

in so riesiger Schar?

Die Weißruthenen (Belarussen).

Und was tragen sie da einher auf den mageren Schultern,

die Hände voll Blut, an den Füßen Bastschuhe?

Ihr Unrecht.

Und wohin tragen sie dieses ganze Unrecht,

Und wohin tragen sie ihr Unrecht zur Schau?

In die ganze Welt.

Wer hat sie – nicht nur eine Million –

gelehrt, dieses Unrecht so einherzutragen,

hat erweckt sie vom Schlaf?

Die Not, der Kummer.

Und was, was wünschen sie,

diese seit Ewigkeit Verachteten, diese Blinden, Tauben?

Menschen genannt zu werden.

                                                                                                                          Janka Kupała, 1905 1907

In den vergangenen Jahren wurde die Situation der Zivilgesellschaft in Belarus wenig beachtet und in den ausländischen Medien selten darüber berichtet. Eine Ausnahme waren die Präsidentschaftswahlen, bei denen in wenigen Sätzen über den Wahlsieg von Lukaschenko gesprochen wurde, der der „letzte Diktator“ Europas sei und Belarus mit „eiserner Hand“ seit mehr als zwei Jahrzehnten regiere.

Das Sprichwort „Mein Haus ist am Rande, ich weiß nichts“ (Моя хата с краю, я ничего не знаю) drückte lange Zeit bildlich die Einstellung der meisten Menschen in Belarus zur Mitgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, insbesondere auf politischer Ebene, aus. Seit den Protesten nach und bereits vor den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020 nimmt man in Belarus eine neue Entwicklung wahr, so dass eher das Gegenteil zutreffend ist: Immer mehr Menschen sehen sich in der Pflicht, ihre Einstellung und Meinung zur politischen Situation im Land kundzutun. Sie zeigen Zivilcourage, obwohl sie dafür entlassen, verhaftet oder bestraft werden, ihnen körperliche und andere Formen der Gewalt drohen können. Dabei betonen viele, dass sie eigentlich nicht politisch sind, dass sie sich früher nicht für Politik interessiert haben. Doch jetzt wollen sie normal leben, eben „Menschen genannt werden“. Sie betonen, dass sie keine Revolution, keine Gewalt, keinen Krieg wollen. Das Ziel der Opposition ist, „ein lebenswertes Land“ (страна для жизни) aufzubauen.

Die friedlichen Protestierenden, die aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten, Berufs- und Altersgruppen stammen, setzen zahlreiche Mittel ein, darunter sehr kreative, beharrlich und geduldig. Das Ausmaß der Proteste in Belarus ist in der jüngsten Geschichte des Landes beispiellos. Mit den Worten von Kupała, „tragen sie (die Menschen) ihr Unrecht zur Schau“, „in so riesiger Schar“, „in die ganze Welt“.

Regierung versagt

Die Corona-Pandemie hat die Proteste der Menschen noch angefacht. Denn auch die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sind in den Augen der Protestierenden unzureichend: Vom Gesundheitsministerium wurden zwar verschiedene Empfehlungen ausgesprochen, doch die meisten waren nicht verpflichtend. Es gab keinen Lockdown, keine Mundschutzpflicht, die Grenzen blieben geöffnet, Kitas und Schulen haben ihre Arbeit fortgesetzt, Sportverans-taltungen fanden statt.

Die Menschen waren auf sich selbst angewiesen. Sie haben sich selbstständig in die soziale Distanz begeben, haben Kinder nicht in die Kitas und Schulen geschickt, haben sich eigenverantwortlich für die Arbeit im Homeoffice entschieden und die Konsequenzen dessen getragen. Zudem haben sie den Ärztinnen und Ärzten bei der Beschaffung von Schutzmitteln geholfen, die an vielen Orten nicht ausreichend vorhanden waren. Kurz: Die Regierung hat in den Augen der Menschen versagt und das Problem ignoriert.

Der Umgang einiger Kirchen mit der Pandemie war ähnlich. So hat die Belarussische Orthodoxe Kirche zu Ostern keine Kirchen geschlossen. Sie hat zwar die Vorschriften zur Eindämmung der Pandemie an die Gemeinden und Klöster weitergeleitet, aber ob diese sie einhielten, war denen selbst überlassen. Einige Orte wurden aufgrund der Nichteinhaltung der Vorschriften zu Hotspots der Verbreitung; ein Beispiel dafür ist das Kloster zu Ehren der Heiligen Elisabeth in Minsk.

Überhaupt befinden sich die Kirchen in Belarus derzeit in einem Stresstest. Sie sind sowohl seitens des Regimes als auch seitens der Zivilgesellschaft herausgefordert, sich zu den Protesten um die Präsidentschaftswahlen zu positionieren. Wie reagierten sie bislang auf die Geschehnisse?

Am 15. August wandte sich die Synode der Belarussischen Orthodoxen Kirche mit einer Stellungnahme an ihre Gläubigen, in der sie kategorisch Gewalt, Folter, Demütigung, grundlose Festnahmen, Extremismus in allen Formen und Lüge verurteilte. Zugleich rief sie die Menschen dazu auf, die Konfrontation zu beenden. Einen Tag später kritisierte Erzbischof Artemi (Kishhenko) von Grodno in seiner Predigt die Polizeigewalt gegen Menschen scharf.

Diese Predigt rief große Resonanz hervor, auch Lukaschenko reagierte. Als er am 22. August Grodno besuchte, rief er die Geistlichen in seiner Rede dazu auf, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern und sich nicht in die Politik einzumischen. Lukaschenko machte auch klar, dass der Staat das Verhalten der Kirche nicht gleichgültig beobachten werde.

Die Rede zeigte offenbar Wirkung. Drei Tage später legte das Oberhaupt der Belarussischen Orthodoxen Kirche, Metropolit Pavel (Ponomarew), sein Amt nieder und wurde durch die Synode in eine andere russische Diözese versetzt. Vorher hatte er verletzte Demonstranten im Krankenhaus besucht.

Hinzu kam weiterer staatlicher Terror: Am 26. August sperrten Spezialeinsatzkräfte Protestierende in einer katholischen Kirche im Zentrum von Minsk ein, während dort ein Gottesdienst stattfand. Dieses Vorgehen kritisierte der katholische Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz einen Tag danach scharf, weil damit die Religionsfreiheit verletzt wurde. Er äußerte sich in einem Interview mit einem polnischen christlichen Sender auch kritisch zum Wahlergebnis in Belarus.

Die Reaktion des Staates folgte auf dem Fuß: Am 31. August verweigerten die Grenzschutzbeamten dem Erzbischof grundlos die Rückreise nach Belarus, obwohl er belarussischer Staatsbürger ist. Später wurde das damit begründet, dass sein Pass ungültig sei. Sehr viele Menschen sehen darin unmittelbare Repressionen der Regierung gegen die Kirche, die, immerhin, nicht still bleibt.

Die Kirchen sind derzeit zivilgesellschaftlich sehr aktiv – und es ist klar, wo sie stehen: Gemeinsame Gebete mit anschließenden Prozessionen in ökumenischen und interreligiösen Formaten etwa in Grodno und Minsk, Pakete für die Verhafteten, seelsorgliche Betreuung der Angehörigen und aus der Haft Entlassenen waren weitere Aktionen, die von Laien und Geistlichen organisiert und durchgeführt wurden. Allerdings ist von einer geschlossenen Haltung seitens der kirchlichen Hierarchie gegen das Regime (noch) nicht zu sprechen. Es entsteht der Eindruck, dass die Kirche wochenlang zwischen dem Druck des Regimes einerseits und den Erwartungen und Bedürfnissen der Gläubigen andererseits hindurch manövrierte und zugleich nach einer klaren Haltung suchte.

„Christliche Vision“

Zugleich scheinen die Ökumene und das Engagement der Laien in der Kirche immer wichtiger zu werden: Am 19. August 2020 wurde die Arbeit des von Swetlana Tichanowskaja initiierten Koordinierungsrats aufgenommen. Er hat das Ziel, die politische Krise auf der Basis des Verfassungsrechts zu überwinden. Einige christliche Mitglieder des Koordinierungsrats haben sich zur interkonfessionellen Arbeitsgruppe „Christliche Vision“ („Христианское видение“) zusammengeschlossen.

Seit der Gründung haben sie eine Reihe von Stellungnahmen veröffentlicht, dazu gehört unter anderem die Solidarisierung mit Erzpriester Vladimir Drobyshevsky aus Gomel, der selbst Mitglied des Koordinierungsrates und der Arbeitsgruppe „Christliche Vision“ ist.

Drobyshevsky wurde bekannt durch seinen Einzelstreik mit dem Plakat „Beendet die Gewalt!“ und durch die Teilnahme an einer Kundgebung mit dem Protestplakat „Auf jede Wirkung entsteht eine Gegenwirkung“ – ein Satz, der auf das Dritte Newtonsche Gesetz zurückgreift. Erzpriester Vladimir wurde am 18. September für zehn Tage inhaftiert, danach aber nicht entlassen, sondern zu weiteren 15 Tagen Haft verurteilt.

Es sieht nicht danach aus, dass der Erzpriester sehr viel Unterstützung von der Kirchenhierarchie erhält: Schon am 1. August war er von seiner Diözese entlassen worden, offiziell aus disziplinarischen Gründen. Er selbst vermutet, dass das an seiner kritischen, hinterfragenden Haltung lag. Auch seine offene Kommunikation in Bezug auf die Gefahr des Coronavirus und seine Bemühungen um eine dialogbasierte Zusammenarbeit zwischen dem Bischof und den Priestern haben ihn offenbar die Rückendeckung durch die Kirchenoberen gekostet.

Gleichwohl geht in der Gesellschaft eine intensive Diskussion um die zivilgesellschaftliche Rolle der Kirchen weiter. Derzeit sind unter den christlichen Akteuren zwei Tendenzen wahrzunehmen: Die einen wollen die politische „Neutralität“ der Kirchen verteidigen, forciert durch eine offene Forderung seitens des Regimes an die Kirchen, sich nicht in die „politischen“ Angelegenheiten einzumischen. Doch ist es dann nicht eine Mitwirkung an den Taten des Regimes durch eine latente Zustimmung?

Die anderen engagierten Christen beanspruchen für sich zwar ebenso politische Neutralität. Doch diese Neutralität bedeutet für sie kein urteilsfreies Heraushalten, sondern die Deutung der gesellschaftlichen Ereignisse aus christlicher Sicht. Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Position kritisieren es, wenn zentrale christliche Werte vehement und systematisch mit Füßen getreten werden.

Diese Christen protestieren in allen Fällen der Verachtung der Menschenwürde durch den Staat, bei der Anwendung von Gewalt gegenüber friedlich protestierenden Menschen, bei staatlicher Falsifikation (Lüge), bei offensichtlichem Unrecht in den Gerichten, bei Erpressung und Einschüchterung, Folter und Totschlag. Diese Taten werden klar und deutlich aus christlicher Perspektive verurteilt. Vom Regime wird das als „politische“ Positionierung interpretiert, was zugleich seine Forderung nach einer Nicht-Einmischung der Kirchen legitimieren soll.

Es ist offensichtlich: In den vergangenen Monaten haben zentrale Themen wie Freiheit, Solidarität, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und grundlegende Werte mit dem Fokus auf der Würde des Menschen in Belarus eine neue Relevanz bekommen. Die christlichen Kirchen in Belarus, aber auch hier in Deutschland, müssen ihre Perspektiven deutlich und transparent in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen. So dass ihr Haus nicht am Rande stehen bleibt.

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Yauheniya Danilovich

Yauheniya Danilovich ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Münster.

 

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