Klatsch und Katharsis

Wir brauchen Orte der unkorrekten Formulierungen
Foto: Harald Oppitz

Digital hat seine Tücken. Etwa, wenn man die Audiofunktion nach der Aufnahme einer Vorlesung weiterlaufen lässt und das ganze Paket dann hochlädt. So wie neulich an einer deutschen Uni geschehen. Die interessierte Studierendenschaft konnte so verfolgen, was der Herr Professor im Anschluss an die Vorlesung eine halbe Stunde lang so getrieben hat. Zugegeben – auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen. Alle, denen nun das Wasser neugierig im Munde zusammenläuft, muss ich leider enttäuschen. Die ganze Angelegenheit war gesittet, ja regelrecht brav zu nennen. Zunächst gab es ein Kompliment für die Gattin: „Du hast die Haare hinten zusammengebunden, das sieht aber gut aus,“ dann folgte ein Dialog über die Aktivitäten des Tages, der zwar jugendfrei, dabei aber so langweilig war, dass die meisten neugierigen Lauscher sich sicherlich nach 10 Minuten aus der Veranstaltung abgemeldet haben. Ich hoffe mal, dass die universitäre Lehre bei dem Professor sonst mehr Spannung auslöst.

Bei mir allerdings wechselten sich Faszinosum und Tremendum im Sekundentakt ab. Einerseits hat es mich beeindruckt, fast beschämt, dass zwei Menschen sich tatsächlich so freundlich-bieder am Esstisch unterhalten können, dass wirklich nichts Peinliches zu Gehör kommt. Das hat schon was von himmlischer Konversation und empfiehlt für die Heiligsprechung. Bei mir wäre das – und das war das Tremendum der Angelegenheit – sicher nicht der Fall gewesen. Kurzfristig kam ich mir richtig schlecht vor. Wenn ich meinen Mann nach fünf Tagen Seminarzeit wiedersehe, dann möchte ich wirklich nicht, dass die Audiospur mitläuft. Wir führen nicht nur hochgebildete Gespräche über Phänomenologie und Praktische Theologie, wir zwei lassen schon mal Dampf ab, nehmen kein Blatt vor den Mund und außerdem geht es bei uns nicht immer jugendfrei zu. Für mich wäre es tatsächlich der blanke Horror, wenn das aufgenommen und hochgeladen würde.

Tauschen möchte ich trotzdem nicht mit dem Professor. Mein Eheleben hat auch etwas kathartisches, ja befreiendes. Ich brauche es einfach, ab und zu jenseits aller Korrektheit zu kommunizieren, um mich dann wieder freundlich meinen Mitmenschen zuzuwenden. Damit stehe ich sicher nicht alleine da – auch wenn das nicht als Entschuldigung rüberkommen soll. Aus Sicht der Forschung sind Klatsch und Tratsch am Arbeitsplatz durchaus wichtig. Sie können tatsächlich Tugenden sein und die Teamarbeit unterstützen – auch wenn sie auf den ersten Blick als Laster daherkommen.

Nach der ersten Coronaphase, während der wir nur rein digital unterrichten konnten, haben wir eine anonyme Umfrage unter den Vikar*innen gestartet und abgefragt, ob sie – und mit welchen Anteilen – digitale oder analoge Ausbildung bevorzugen. Über 90% haben rückgemeldet, dass sie dringend und unbedingt den Schwerpunkt in der analogen Ausbildung wünschen. Sehr viele haben geschrieben, dass ihnen in der digitalen Ausbildung gerade die kleinen Seitengespräche gefehlt haben, außerdem die abendlichen gemeinschaftsfördernden Zusammenkünfte nach den Unterrichtseinheiten. Bei denen sind wir Professorinnen und Professoren nicht dabei. Und ich bin mir ganz sicher, dass da die Vikar*innen auch mal lästern und tratschen. Auch über mich. Ich sage: Gut so! Das reinigt die Atmosphäre.

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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