Kluge Idee

Neuer Beethoven-Roman

Der junge Mann jagt einem Phantom nach. Mal taucht es für einen Moment auf, dann verschwindet es wieder in der Dunkelheit des nächtlichen Wien. Es ist November 1822.

Der junge Herumirrende ist der Musikstudent, spätere Komponist, Dirigent und Violinist Louis Schlösser aus Darmstadt. Albrecht Selge stellt ihn in den Mittelpunkt des ersten Kapitels seines soeben erschienenen Beethoven-Romans.

Schlösser verfolgt sein Idol – allerdings ohne seiner habhaft werden zu können. Woran sich die Frage anschließt: Wer könnte ihn überhaupt angemessen (er-)fassen – jenen großen und international verehrten Musiker, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr wegen Corona zwar anders als geplant, aber doch auf vielfältige Weise gefeiert wird?

Was ist die Wahrheit hinter all den Geschichten von Genialität und Krankheit, Wut und Liebe? Insofern liefert Selge mit dem seinem Buch vorangestellten Zitat aus Franz Grillparzers „Erinnerungen an Beethoven“ das Leitmotiv seines Romans und zugleich den Schlüssel dazu selber mit: „wirklich Geschehenes und bloß Gedachtes nicht immer deutlich unterscheiden“.

Aus der Sicht verschiedener Figuren – realer und erdachter – nähert sich der 1975 in Heidelberg geborene Selge in Einzelepisoden dem Komponisten an. Seine Protagonisten haben ihr je eigenes Verhältnis zu Beethoven, und im Laufe der Handlung schließen sich manche Kreise von Motiven und Personen. Darunter sind so bekannte Namen wie Grillparzer oder jene sagenhafte „unsterbliche Geliebte“, von der man bis heute nicht sicher weiß, wer sie war.

Auch eine Prostituierte erzählt, ebenso wie Karl van Beethoven, dessen Verhältnis zu seinem Onkel Ludwig nicht immer ungetrübt war. So unterschiedlich wie die Zugänge der Figuren zu dem Komponisten, so unterschiedlich die Schreibweisen seines Namens. Da gibt es zum Beispiel einen „Betofen“ oder einen „Beathoven“, einen „B.“ oder eben einen „Beethovn“ (so auch der Titel des Romans).

Zugegeben: eine kluge Idee. Klug wie Konzept und Inhalt des Buches insgesamt, das nur so von Wissen strotzt. Allerdings verlangt es dem Leser und der Leserin nicht wenig ab: Ohne ein gutes Maß an Vorkenntnissen über Beethoven, über zeitgeschichtliche oder musikalische Hintergründe, ist man so ziemlich aufgeschmissen und muss immer wieder Wikipedia oder sonstige Nachschlagewerke konsultieren. Was dem Lesefluss und dem Spaß an der Lektüre nicht wirklich förderlich ist. Wenn man das dann aber getan hat, kann man sich erfreuen an manchen Anekdoten, an witzigen oder eher melancholischen Passagen, an gelungenen Sprachspielen und phantasievollen Ideen und Gedankenexperimenten. Allen voran das Kapitel um jene Urahnin Beethovens, die als Hexe verbrannt wurde und nun, hunderte Jahre später, als Geist das unaufgeräumte Zimmer durchstreift, in dem der Komponist schläft.

Albrecht Selge bestätigt mit seinem Beethoven-Roman die Stimmen, die ihm nach seinen jüngsten beiden Büchern „Wach“ und „Fliegen“ ein großes Talent nachsagen. Die literarische Qualität ist unbestreitbar. Wer allerdings hofft, mit „Beethovn“ dem Menschen und „Vollender der Wiener Klassik“ wirklich näherzukommen, der dürfte enttäuscht sein. Deshalb empfiehlt sich insbesondere für Nicht-Fachleute, vor der Lektüre des Romans eine Beethoven-Biografie zu lesen, von denen der Markt im Jubiläumsjahr ja glücklicherweise eine reichhaltige Auswahl bereithält. Denn auch nach mehr als 200 Seiten Selge bleiben der Komponist, sein Leben und Werk wie für seinen jungen Verehrer Louis Schlösser, der ihm im nächtlichen Wien nachläuft, tatsächlich kaum mehr als ein … Phantom.

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