In der Lastlifecrisis

Was uns das Grab der Kinokassierin lehrt
Foto: Harald Oppitz

Erstaunlich viele Leute haben Schwierigkeiten, wenn es an den Ruhestand geht. Eine Art Lastlifecrisis, die manchmal seltsame Blüten treibt. Die einen werden depressiv und sehen mit dem Ende der eigenen segensreichen Tätigkeit das Ende der Welt nahen, die anderen machen´s wie früher bei der Bundeswehr und zählen rückwärts, was sie nun zum drittletzten, vorletzten oder letzten Mal erleben, wieder andere sorgen mit einem neuen Lebensabschnittspartner für frisches Feuer in alten Scheuern und nicht wenige bemühen sich, auf den letzten Metern noch ein Denkmal ihrer selbst zu erschaffen. Offensichtlich ist es nicht einfach, mit der eigenen veränderten Bedeutung oder befürchteten Bedeutungslosigkeit klar zu kommen. Es gibt daher eine schier unübersichtliche Zahl von Ratgebern, die sich mit dem Problem auseinandersetzen.

Leider funktionieren die Methoden früherer Zeiten nicht mehr. Vor etwas mehr als 100 Jahren ließ ein katholischer Dorfpfarrer in meiner Gegend die örtliche Kirche so umbauen, dass sie optisch locker als Bischofssitz durchgehen könnte. Natürlich hat er sich dann auch in diesem Prachtbau beerdigen lassen. Diese Strategie kommt bei heutigen Pfarrgemeinderäten oder Kirchenvorständen - wenig erstaunlich - nicht mehr gut an. Was also tun, wenn sich der Ruhestand erbarmungslos am Horizont zeigt? Sich beim örtlichen Rotarierclub als Vorstand andienen? Einen Wanderverein gründen? Ein Buch über das eigene Leben schreiben und hoffen, dass das jemand liest? Wer schreibt, der bleibt? Nicht wenige Verlage leben von dieser letzten Strategie und bieten gegen gutes Geld die Herausgabe an.

Ich habe mich gefragt, ob auch die „11 Thesen“ des „Z-Teams“ ein Resultat von aufbrechender Lastlifecrisis sind. Schließlich ist für einige Mitglieder des Teams die letzte Zeit in der EKD angebrochen. Könnte es tatsächlich sein, dass sich die Thesen eher der Endzeitstimmung einzelner Mitglieder als der Krise der Kirche verdanken? Nach dem Motto: Mit diesem Papier habe ich die Kirche saniert – oder es zumindest versucht! Für diese These würde sprechen, dass es schon einmal den Versuch gab, sich mit einem Leuchtturm-Papier als Retter der Kirche zu verewigen. Das hat allerdings schon damals nicht funktioniert. Gegen diese These spricht, dass ich mir das natürlich von den Mitgliedern des Z-Teams gar nicht vorstellen kann. Denn bestimmt sind die von keinerlei Eitelkeit angekränkelt und haben auch keine Probleme mit ihrem Ruhestand.

Ich selbst gehe bei Anflügen von Lastlifecrisis gerne auf Friedhöfe. Neulich war ich auf dem in Cham in Oberfranken. Dort liegen viele Honoratioren beerdigt, die sich ihre Bedeutung in Sandstein meißeln ließen. Am Rande des Friedhofs fand ich ein schlichtes Holzherz. Unter dem Namen und dem Alter der Verstorbenen stand als Berufsbezeichnung: „Kinokassiererin zu Cham“. Und dann noch eine Schrifttafel: Ein Engel auf Erden. Wodurch die Dame zum Engel wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hat sie die Augen zugedrückt, wenn in der letzten Reihe geknutscht wurde oder sie hat sich bei Filmen ab 16 nicht immer den Ausweis zeigen lassen. In jedem Fall war ihr Grab sehr gepflegt, irgendjemand hält ihr Andenken in Ehren. Wenn ich die Wahl hätte, wie meine eigene Erinnerung gepflegt werden soll, dann wüsste ich nach dem Besuch auf dem Friedhof in Cham jedenfalls, was mir gefallen würde.

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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