Sprachliche Brücken – theologische Gräben

Die Berliner Regionalkonferenz des „Synodalen Weges“ zeigte, wie schleppend der Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland vorankommt
Regionalkonferenz des Synodalen Weges in Berlin
Foto: Philipp Gessler
Regionalkonferenz des Synodalen Weges in Berlin

Der „Synodale Weg“ will die katholische Kirche in Deutschland erneuern. Wegen der Corona-Epidemie wurde er nun fürs Erste in der Form von fünf Regionalkonferenzen weitergeführt. Eindrücke von einem mühsamen Tag der Diskussion an der Spree, bei dem es aber echt zur Sache ging – nämlich um Sex und Frauen.

Es gibt Dinge, bei denen ist man unsicher, ob man sie so genau wissen will. Etwa, dass in einem Penis 4.000 Nervenzellen zu finden sind, in einer Vagina sogar 8000. Auch die Orte, an denen man so etwas erfahren kann, sind manchmal außergewöhnlich – wie am Freitag bei der Berliner Regionalkonferenz des „Synodalen Weges“, bei dem katholische Bischöfe, Priester und Laien aus Deutschland seit etwa einem Dreivierteljahr versuchen, ihre Kirche zu reformieren. Die Erklärung für diese besondere Information an diesem ungewöhnlichen Ort: Mit diesen Fakten über die Sensibilität der menschlichen Fortpflanzungsorgane wollte eine Synodale deutlich machen, dass der liebe Gott die Bedingungen der Weitergabe des Lebens bei den Menschen doch nicht so gestaltet hätte, wenn Mann und Frau dabei nicht auch Wonne empfinden sollten, kurz: Sex ist auch für Gott etwas Gutes und Gewolltes!

Um Sex ging es also auf der Regionalkonferenz, und dass sie am Freitag parallel mit vier weiteren Konferenzen in Dortmund, Frankfurt am Main, Ludwigshafen und München mit strengen Hygieneregeln möglich war, kann schon als der erste Erfolg dieser Treffen gewertet werden. Denn wegen der Corona-Seuche drohte der so hoffnungsvoll gestartete „Synodale Weg“, der eigentlich stets in größeren Runden in Frankfurt hätte stattfinden sollen, schon kurz nach dem Start zu scheitern.

Aber es geht weiter und die recht drastische und sehr konkrete Aussage der Berliner Synodalen, praktisch aus dem Nichts, konnte auch als ein Versuch gewertet werden, der ziemlich akademischen Diskussion in der Regionalkonferenz an der Spree etwas Leben, genauer: alltägliches Leben und Dringlichkeit einzuhauchen. Dieser Versuch war verständlich, denn gerade der diskutierte Zwischenbericht zum Thema 4 des „Synodalen Weges“ mit dem Namen „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ war ähnlich kompliziert, wie der Titel dieses Diskussionsforums ahnen ließ. Oft nur zwischen den Zeilen war zu erkennen, um was es eigentlich bei den verschiedenen Kapiteln des Arbeitspapieres ging – manchmal aber auch gar nicht.

Kirche im Schlafzimmer

So heißt es etwa in einem Punkt des Arbeitstextes: „Alle Menschen sind zur Heiligkeit berufen, und ihnen ist aufgetragen, in ihren Beziehungen Liebe möglichst vollkommen zu leben. Doch Menschen sind nicht vollkommen, sondern haben die Aufgabe, immer mehr in der Liebe zu wachsen und sich beständig weiter zu den Menschen zu entwickeln, die sie vor ihren Augen, den Augen ihrer Nächsten und den Augen Gottes sein wollen. … Wir achten auch im Lebensbereich der Sexualität diese Wachstumsfähigkeit der Menschen und schätzen ihre Lebenssituationen wert als Schritte auf dem Weg zu ihrem Lebensziel. Wir nehmen dabei den Glauben an die Gnade Gottes ernst, der auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben vermag. Es gilt, jede einzelne Lebenssituation zu begleiten, gut zu unterscheiden und in die Gemeinschaft der Kirche zu integrieren.“ Was soll dieser Absatz sagen? Wofür oder wogegen plädiert er? Wer soll das außerhalb von theologischen Fachzirkeln verstehen? Warum sollten diese Sätze im Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland von Bedeutung sein? Wie bringt er ihn voran?

Es war der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, der nach ein paar Stunden Diskussion im Berliner Regionalforum kritisch anmerkte, er habe einen Absatz des diskutierten Papiers seiner Frau vorgelesen – aber weder ihr noch ihm sei klar geworden, was diese Sätze nun eigentlich bedeuten sollten. Gerade das Diskussionsforum zur Sexualität krankte daran, dass hier in elaboriertester Sprache das elementare Geschehen menschlicher Sexualität umschrieben wurde, auch mit dem Ziel, sprachliche Brücken zu bauen zwischen theologischen und am Ende kirchenpolitischen Positionen, die nur wenig verbindet.

So gibt es innerhalb der katholischen Kirche fundamentale und eben kaum zu überbrückende Differenzen darüber, wie sehr die Kirche gerade in die Sexualität der Menschen regulativ eingreifen sollte, wenn denn das überhaupt möglich sei – und was sie dann sagen sollte. Konkret geht es zum Beispiel darum, ob homosexuelle Sexualität genauso wertgeschätzt werden sollte wie die heterosexuelle. Was bedeutet das für die Homoehe? Soll es Sexualität zudem nur innerhalb der Ehe geben? Sollte Sex am Ende immer offen sein für die Weitergabe von Leben? Das heißt, ist Sex innerhalb einer Beziehung mit ausdrücklichem Wunsch, eben keine Kinder dabei zu kriegen, ebenso in Ordnung wie Sex, der eine Fortpflanzung zumindest nicht ausschließt? Ist Selbstbefriedigung genauso wertvoll wie der Sex von zwei Personen miteinander?

Seit „Humanae vitae“, der umstrittenen „Pillenenzyklika“ von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1968, hat die katholische Kirche nach und nach selbst innerhalb der katholischen Christenheit fast jeglichen Kredit als moralische Orientierungsinstanz in Sachen Sexualität verloren, von der Welt außerhalb des Katholizismus ganz zu schweigen. Selbst Katholikinnen und Katholiken interessiert nicht mehr, was das Lehramt in Rom in dieser Hinsicht erklärt, also „Pille – nein“, „Kondom – nein“, „Homosexuelle Sexualität – nein“ und so weiter. Die katholischen Laien beiderlei Geschlechts halten sich nur noch in Ausnahmefällen an das, was Rom dazu sagt oder was der Vatikan erlaubt oder nicht, und das gilt nicht nur für Deutschland. Eberhard Tiefensee, selbst katholischer Priester und emeritierter Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, brachte die Situation und die logische Konsequenz daraus nach ein paar Stunden der Diskussion des Berliner Regionalforums so auf den Punkt: „Wir haben als Kirche in den Schlafzimmern nichts zu suchen.“

Forderungen von Frauen

Beim zweiten großen Diskussionsthema „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ des Regionalforums in Berlin – an allen fünf Orten wurden die gleichen Themen diskutiert - war es ähnlich: Auch hier ist die gesellschaftliche Entwicklung der katholischen Kirche zumindest in Deutschland meilenweit davon gezogen. Während der Vatikan weiterhin versucht, das Priesteramt allein für Männer zu reservieren, sind solche Diskussionen außerhalb der katholischen Kirche kaum mehr verständlich. Gerade die jungen Frauen im Regionalforum, oft bestens ausgebildete Theologinnen, schilderten eindrücklich, wie wenig außerhalb der katholischen Kirche die offizielle Lehre noch verstanden werde, dass nur Männer das Priesteramt und damit die entscheidende Macht bis zum Papstamt anstreben dürften. Und auch hier sagten mehrere Synodale, dass die Positionen innerhalb der Kirche so weit auseinander lägen, dass am Ende wohl nur Mehrheitsentscheidungen möglich seien. Formelkompromisse könnten nicht mehr tragen und brächten auch nichts. Werden sich die Frauen wirklich mit der Forderung abspeisen lassen, wenigstens auch in Heiligen Messen (nicht nur in Wortgottesdiensten) predigen zu dürfen, wie am Rande der Konferenz als mögliche Errungenschaft des „Synodalen Weges“ zu hören war?

So war das Regionalforum an der Spree nicht zuletzt ein Zeichen dafür, wie mühsam es auf dem „Synodalen Weg“ noch werden wird. Noch etwa zwei Jahre hat man für diesen Reformprozess nach bisherigen Planungen Zeit. Klar ist schon jetzt, dass in vielen wichtigen Fragen, am Ende Rom entscheiden wird, ob die katholische Kirche in Deutschland das umsetzen darf, was sie in ihrer Mehrheit vielleicht will, sei es in der Zölibats-, Sexual- oder Frauenfrage.

In dieser ziemlich stressigen und nicht besonders hoffnungsfrohen Situation sehen viele Frauen und Männer des Synodalen Weges eine aktuelle Personalie als ein wichtiges Signal an: Wer wird Nachfolger, besser: die Nachfolgerin von Pater Hans Langendörfer SJ, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz? Viele erhoffen sich eine Frau auf dieser Topposition im deutschen Katholizismus – aber die Chancen dafür stehen nicht gut. Denn so viele profilierte Theologinnen mit zugleich erwarteter Managementerfahrung gibt es nicht, weil die Kirche ist, wie sie ist … und die, die in Frage kommen, müssten nicht zuletzt in der Frauenfrage Positionen mit vertreten, die ihnen womöglich völlig zuwider sind.

Gemunkelt wurde in Berlin nun, dass etwa der smarte und ordentlich konservative Stadtdechant von Bonn, Wolfgang Picken, Langendörfers Nachfolger werden könnte. Ein Mann – nicht gerade ein Zeichen des Aufbruchs. Es wäre jedoch für die konservative Minderheit beim „Synodalen Weg“, unter anderem um den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, ein Signal, dass der Reformprozess dort enden wird, wo Woelki und Co. ihn am liebsten enden lassen wollen: im Nirgendwo. Es ist absehbar, dass die Mehrheit des „Synodalen Weges“ es schwer haben wird, dagegen zu halten. Der Ausgang des Reformprozesses ist weiterhin völlig offen.

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