Erster Schritt auf dem Weg zur Umkehr

Landeskirche rehabilitiert von Nazis verfolgten homosexuellen Pfarrer
Gottesdienst zur Rehbailitierung von Pfarrer Klein
Foto: Stephan Kosch
Gottesdienst zur Rehabilitierung von Pfarrer Klein in der Berliner Immanuelgemeinde mit Gemeindepfarrer Mark Pockrandt, Pfarrerin Marion Gardei (Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO), Pfarrerin Silke Radosh-Hinder (stellvertretende Superintendentin des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte) und Landesbischof Christian Stäblein (v.l.n.r.)

Erstmals hat eine Landeskirche in Deutschland einen von den Nazis wegen seiner Homosexualität verfolgten Pfarrer rehabilitiert. Doch die Aufarbeitung kirchlicher Schuld in diesem Feld steht noch am Anfang.

War das ein historischer Moment am Dienstagabend in der Berliner Immanuelkirche? Zumindest ein in dieser Form einzigartiger. Denn als bundesweit erste Kirche hat die evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) einen von den Nazis verfolgten homosexuellen Pfarrer öffentlich rehabilitiert. In einem Gedenkgottesdienst verlas Bischof Christian Stäblein eine Erklärung der Kirchenleitung, mit der das öffentliche Ansehen von Pfarrer Friedrich Heinrich Klein wiederhergestellt wurde. Klein war 1943 als Pfarrer der Berliner Immanuel-Gemeinde wegen Homosexualität von dem damaligen kirchlichen Konsistorium der Mark Brandenburg entlassen worden. Die Kirchenleitung teilte ihm damals mit, er habe „den Anspruch auf sämtliche Dienstbezüge und auf Versorgung, sowie die Befugnis, die Amtsbezeichnung zu führen, und die Rechte des geistlichen Standes verloren".  Stäblein bezeichnete das in seiner Predigt als „schweres Unrecht, auch im Namen der Kirche.“ Die Kirchenleitung heute habe das anerkannt und das, was sie für nichtig erklären kann, für nichtig erklärt. Damit sei nicht irgendwas einfach wieder gut, die Rehabilitierung komme zu spät. „Ich sage es ganz vorsichtig: es ist ein Schritt auf dem Weg zur Umkehr.“

Friedrich Klein war kein strahlender Held des Widerstandes. Das zeigt ein Blick in seine Biographie, die der heutige Pfarrer in der Berliner Immanuel-Gemeinde, Mark Pockrandt, der vor drei Jahren im Gemeindearchiv auf das Schicksal Kleins stieß, im Gottesdienst schlaglichtartig zusammenfasste. Der 1905 in Homburg (Saar) geborene Pfarrer der pfälzischen Landeskirche war 1933 der NSDAP beigetreten und wurde 1935 Pfarrer in der Immanuel-Gemeinde, deren Leitung zu diesem Zeitpunkt überwiegend aus Vertretern der „Deutschen Christen“ (DC) bestand. Geschäftsführender Pfarrer war Ferdinand Lies, einer der „skandalträchtigsten NS-Pfarrer Berlins“, zitierte Pockrandt den Historiker Manfred Gailus. Ferdinand Lies war am Kapp-Putsch 1920 beteiligt und Mitglied der „Schwarzen Reichswehr“, seit 1931 in der NSDAP aktiv und arbeitete im radikal antijüdischen Eisenacher „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche Leben“ mit. Er suchte einen Nachfolger für Pfarrer Walter Häfele, der als Mitglied im Bruderrat der Bekennenden Kirche mehrfach von der Gestapo verhört und schwer misshandelt wurde. Er starb an den Folgen im Alter von nur 34 Jahren. „DC-Pfarrer Ferdinand Lies wollte nach Häfeles Tod einen besonders überzeugten Parteigenossen an seine Seite holen“, sagte Pockrandt. „Friedrich Klein erfüllte alle Voraussetzungen.“

In die falsche Richtung gelaufen

Doch irgendwann ging Klein auf Distanz, trat aus dem DC aus und unterstützte den mittlerweile an die Immanuelkirche berufenen Pfarrer der Bekennenden Kirche Johannes Schwartzkopff. Inwieweit das zu seiner Verurteilung 1942 vom NS-Reichskriegsgericht wegen „Verführung eines 19 Jahre alten Mannes zu widernatürlicher Unzucht“ zu drei Jahren Gefängnis führte, ist noch unklar. 1935 hatten die Nationalsozialisten den sogenannten „Homosexuellen-Paragraphen“, § 175, verschärft, die gleichgeschlechtliche Liebe, schon bis dahin verboten, nun nicht mehr mit sechs Monaten, sondern bis zu fünf Jahren Gefängnis belegt. Zunächst saß Klein im sächsischen Torgau in Haft. Später wurde er auf die sogenannte Frontbewährung geschickt und gilt seit August 1944 als vermisst.

Die Kirchenleitung habe „Unrecht durch Unrecht fortgesetzt“, sagte Stäblein. In der Pressekonferenz vor dem Gottesdienst hatte Stäblein darauf hingewiesen, dass der Umgang mit gleichgeschlechtlich Liebenden ein Themenfeld sei, auf dem Kirche schuldig geworden und mit in die falsche Richtung gelaufen sei. „Nicht nur in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch viele Jahrzehnte danach.“

Deshalb soll die Rehabilitierung Kleins nur ein erster Schritt sein. Die EKBO will sich dem Thema weiter widmen, sagte Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur in der EKBO. So sollen Biographien von Betroffenen gesammelt, das Thema weiter wissenschaftlich bearbeitet und eine Anlaufstelle eingerichtet werden für diejenigen, die unter Homophobie in der Kirche litten oder noch leiden. Gardei stellt sich diese Anlaufstelle zunächst als seelsorgerliches Angebot vor, das aber auch innerkirchlich wirken und darauf aufmerksam machen soll, „wo Menschen verletzt werden“. Für das kommende Jahr ist zudem ein Bußwort und eine Erklärung der EKBO geplant.

Einen kurzen Moment der Irritation auf der Pressekonferenz bewirkte die Frage, ob die Landeskirche aus der Rehabilitation Kleins Konsequenzen ziehe für andere Fälle, in denen Pfarrer Sex mit Minderjährigen gehabt haben. Hintergrund der Frage: Der Partner Kleins war mit 19 Jahren nach damaligen Recht noch nicht volljährig. Und beide Kirchen sind derzeit damit beschäftigt, sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in den eigenen Reihen aufzuarbeiten. Bischof Stäblein antwortete darauf, dass es um zwei unterschiedliche Themen gehe, der Diskriminierung von gleichgeschlechtlicher Liebe einerseits und den Missbrauch von Minderjährigen andererseits. Es sei wichtig, beide Themen im Blick zu haben, sie aber nicht zu vermischen, weil man sonst Gefahr laufe, der Logik der Nazis aufzusitzen.

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