Corona macht Arme noch ärmer

„Brot für die Welt“ beklagt starke Rückschläge bei der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit
Krankenhaus im Tschad
Foto: Christoph Püschner/Brot für die Welt
Operationssaal im Krankenhaus von Koyom im Tschad. Das Personal ist ausführlich geschult, Corona-Verdachtsfälle zu erkennen, kann aber keine Tests durchführen. Es gibt nur ein einziges Beatmungsgerät und drei Sauerstoffgeräte in der Klinik. Das Krankenhaus ist das einzge für bis zu 100.000 Menschen in der Region.

Über 130 Millionen Menschen leiden zusätzlich Hunger, und die Armut im Süden wächst. Die Corona-Pandemie stellt die Entwicklungszusammenarbeit vor große Herausforderung. Auf der Jahrespressekonferenz von „Brot für die Welt“ waren daher vor allem schlechte Nachrichten zu hören – aber auch ein paar gute.

Zugegeben, es ist nicht besonders originell einen Text in Corona-Zeiten mit dem Hinweis darauf zu beginnen, dass wir uns weltweit in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg befinden. Aber es ist notwendig, gerade mit Blick auf die Länder des Südens. Die Pandemie lässt 132 Millionen Menschen an chronischem Hunger leiden, zusätzlich zu den etwa 700 Millionen Unterernährten, die die Vereinten Nationen bereits 2019 zählten. Und je weniger die Menschen zu essen haben, umso dramatischer sind die Konsequenzen. Die Zahl der von massiver Unterernährung und Hungertod Bedrohten werde sich verdoppeln, mahnte Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von „Brot für die Welt“, am Donnerstag in Berlin. Konkrete Zahlen nannte sie an dieser Stelle nicht, die Welthungerhilfe hatte im Juli von bis zu 270 Millionen möglichen Hungertoten in diesem Jahr gesprochen.

Viele Länder des Südens hätten sofort einen rigorosen Lockdown verhängt, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, sagte Füllkrug-Weitzel. Das bedeute unter anderem, dass Bauern nicht mehr zur Aussaat auf ihre Felder durften oder ihre Waren auf dem Markt verkaufen konnten. Hinzu kam, dass Tagelöhner und andere informell Beschäftigte nicht mehr arbeiten konnten und sehr schnell von Armut bedroht waren. Allein in Afrika, so wird befürchtet, werden 14 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut stürzen, frühestens 2024 werde sich der Kontinent wieder von diesem Wirtschaftseinbruch erholen, sagte Füllkrug-Weitzel. Auch in Südamerika drohe ein historischer Rückschritt im Kampf gegen den Hunger. „Innerhalb weniger Monate könnten die Erfolge von 15 Jahren zunichte gemacht werden.“ 29 Millionen Menschen könnten hier zusätzlich in die Armut rutschen.

Hinzu komme die mangelhafte medizinische Versorgung der Bevölkerung. In den Slums der südamerikanischen Megastädte sei an Social Distancing „nicht einmal zu denken“. Mit dem Erstarken rechter populistischer Regierungen seien sozialpolitische Programme wie Schulspeisungen und die kostenlose medizinische Versorgung der Ärmsten „systematisch abgebaut“ worden. „Der Unterschied zwischen Arm und Reich wächst gegenwärtig insbesondere in den Schwellenländern enorm“, sagte Füllkrug-Weitzel.

Was können eine Organisation wie „Brot für die Welt“ und ihre Partnerorganisationen vor Ort in so einer Situation tun? „Sie führen ihre Programme unter erschwerten Bedingungen fort“, sagte die Präsidentin, und könnten dabei aus Geld aus der „Notreserve“ zurückgreifen, die für unvorhersehbare Fälle angelegt wurde. 12,7 Millionen Euro gingen so zusätzlich in Corona-Hilfsprojekte, etwa in Aufklärungskampagnen und die Verteilung von Hygiene-Sets in Peru, Lebensmittelhilfe für Farmer im Amazonasgebiet oder in Beatmungsgeräte, Atemschutzmasken und Handschuhe für ein Krankenhaus in Indonesien. In Sierre Leone habe sich ein Bündnis aus kirchlichen und nicht-kirchlichen NGOs, das schon einmal gegen den Ebola-Ausbruch gekämpft hatte, erneut zusammengeschlossen.

Die Nothilfe ist gering verglichen mit der Gesamtsumme, die „Brot für die Welt“ insgesamt in Projekte der Entwicklungszusammenarbeit investiert. 2019 waren das insgesamt 281,7 Millionen Euro, knapp 92 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel. Diese stammten vor allem aus dem Haushalt des BMZ, des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (173,9 Millionen Euro), den Landeskirchen (58,8 Millionen Euro) und 64,4 Millionen Euro aus Spenden und Kollekten. Es ist das drittbeste Ergebnis seit Bestehen des Hilfswerkes, was auch dem Jubiläumsjahr zu verdanken sei.

Wie sich die Einnahmen im laufenden Jahr entwickeln, wagte Füllkrug-Weitzel nicht zu prognostizieren. Zwar habe das BMZ durch das Corona-Sofortprogramm mehr Geld zu Verfügung. Zudem gingen mehr direkte Spenden ein. Gleichzeitig fehlten aber durch den Verzicht auf Präsenzgottesdienste im Frühjahr Kollektengelder. Ein großer finanzieller Posten sind zudem die Kollekten aus den Weihnachtsgottesdiensten, bei denen noch unklar ist, in welcher Form sie in diesem Jahr stattfinden können. Zwar spare „Brot für die Welt“ durch verminderte Reisetätigkeit und abgesagte Veranstaltungen auch Geld ein, aber „wir rechnen nicht damit, dass wir bei Null rauskommen.“ Zudem würden die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie, geringere Steuereinnahmen und ein geringeres Budget in privaten Haushalten, erst im kommenden Jahr wirklich durchschlagen.

Doch neben den eigenen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit betonte die scheidende Präsidentin auf ihrer letzten Jahres-Pressekonferenz auch die Bedeutung der politischen Arbeit und stellte konkrete Forderung an die Bundesregierung. Sie müsse die Entwicklungs- und Schwellenländer bei der Verbesserung der medizinischen Versorgung unterstützen. Impfstoffe, Medikamente und Diagnostika müssten allen Menschen zu Verfügung stehen, gleichzeitig dürfe die Bekämpfung der Pandemie nicht zu Lasten der Behandlung anderer lebensbedrohlicher Krankheiten gehen. Zudem müssten die Länder des Südens bei der Errichtung von sozialen Sicherungssystem unterstützt werden. Konkret nannte Füllkrug-Weitzel hier die Einführung eines befristeten Grundeinkommens für arme und verletzliche Bevölkerungsgruppen in 132 Ländern. Weiterhin dürften die langfristigen Transformationsziele hin zu einer gerechten, klimafreundlichen und nachhaltigen Ökonomie nicht vernachlässigt werden. Das Geld, das jetzt in die Hand genommen werde, müsse diesem Ziel dienen und nicht in den Wiederaufbau einer „Wirtschaft von gestern“ gesteckt werden. „Wir sollten neues Geld nicht alten Ideen hinterherwerfen.“

Auf Bundesebene bekräftigte Füllkrug-Weitzel die Forderung nach einem Lieferkettengesetz, das Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechten und sozialen Mindeststandards in den Produktionsstätten in Asien, Afrika und Lateinamerika zwingt. Einer freiwilligen Verpflichtung seien bislang die wenigsten Unternehmen nachgekommen. Derzeit verhandele die Bundesregierung über die Eckpunkte für ein solches Gesetz. „Wir treten dafür ein, dass dabei kein zahnloser Tiger herauskommt.“ 

  

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