Leidenschaftlich

Freiheit.

Reinhard Kardinal Marx war dann mal so frei: Im Februar erklärte der 66-jährige Münchner Erzbischof, bei der anstehenden Wahl für den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz nicht mehr für eine zweite Amtszeit zu kandidieren – nach nur sechs Jahren, was in dieser Position eher unüblich ist. Nur so halb stimmig wirkte dabei sein Hauptgrund, jemand Jüngeres sollte nun übernehmen (der Limburger Bischof Georg Bätzing, Jahrgang 1961). Hintergründig dürfte Marx auch die andauernde Nerverei mit vielen konservativen Mitbrüdern im Bischofsamt entmutigt haben. Und wichtig war sicherlich Marx Drang nach Freiheit!

Wer sein neuestes Buch Freiheit liest, dem drängt sich dieser Gedanke auf. Denn es ist ein (für einen gebürtigen Westfalen) durchaus leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit in der Politik, der Gesellschaft und vor allem der Kirche. Marx räumt ein, er sei sich des „Unvollkommenen und Fragmentarischen“ des Werkes bewusst, das nur 175 Seiten stark ist und ein Essay sei. Gleichwohl nennt er Freiheit pathetisch ein „Lebensthema“. Hier schreibt jemand mit Herzblut.

Die Hauptthese: Die Gesellschaft brauche Freiheit, ebenso die Kirche, in beiden Feldern sei sie bedroht. Aber Freiheit sei nicht ungebunden, sondern finde ihren Rahmen in der Verantwortung – und als Christ in der Bindung an Gott, der ein Gott der Befreiung sei.

Diese These baut Marx aus, das Buch hat den Charakter eines durchaus sympathischen Plädoyers gegen einen drohenden Totalitarismus in den westlichen Gesellschaften und gegen den Klerikalismus, den selbst Papst Franziskus als ein Grundübel einflussreicher Kreise in seiner Kirche ausgemacht hat. Die Vergangenheit nicht verklären, als Kirche die „Zeichen der Zeit“ erkennen, jedoch nicht dem Zeitgeist folgen, den Kapitalismus auch wegen seiner desaströsen Umweltbilanz zähmen – an vielen Stellen kommt man als Leser aus dem Nicken gar nicht mehr heraus. Auch die vielen passenden Zitate anderer Autoren etwa von Johann Baptist Metz über Karl Rahner und Jürgen Habermas bis Rainer Maria Rilke sind sehr anregend.

Dennoch, am Ende enttäuscht das große Freiheitsbuch des Kardinals Marx. Warum? Weil es ihm an Mut fehlt, was umso seltsamer ist, als Marx den Mut, den die Freiheit erfordert, immer wieder unterstreicht, das Buch endet sogar mit dem Ausruf: „Denn Freiheit braucht Mut!“ Es fehlt Marx der Mut, klar zu benennen und zu fordern, wo in der Kirche mehr Freiheit nötig wäre.

Sicherlich, der Kardinal wollte vielleicht nicht zum hundertsten Mal die großen Streitpunkte in der katholischen Kirche durchwalken, also Frauenordination, Homosexuellen-Ehe, Zwangszölibat, Laien-Rechte und so weiter. Es ging ihm wohl um den großen Wurf, also die Freiheit im Großen und Ganzen. Aber Freiheit ist eben auch immer konkret. Gerade wenn Marx seitenlang ein Mehr von Macht und Einfluss von Frauen in der Kirche einfordert, irritiert, dass er den letzten Schritt nicht gehen will und nicht die gleichen Weiherechte der Frauen in der Kirche verlangt. Es ist wie der große weiße Elefant im Raum, an dem er vorbeischauen will. Denn es ist eine eindeutige Einschränkung der Freiheit von Frauen in der Kirche, wenn sie nicht die gleichen Ämter anstreben dürfen wie die Männer. Das aber verschweigt Marx schlicht – ja, es fehlt ihm auch der Mut, klar zu sagen, warum er womöglich gegen die Frauenordination ist, wenn er es denn ist.

Marx geht in seinem Buch innerkirchlich immer nur so weit, wie es sich für einen Kardinal und Erzbischof einer sehr reichen Diözese gehört – das ist, sorry, kein Ausweis von Mut. Und leider macht dies das große Plädoyer des Kardinals für die Freiheit am Ende schal.

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