Rette Deinen Nächsten, gib Dich selbst!

Ein Park in London stellt die Frage: Wie weit darf Nächstenliebe gehen?
Eine scheinbar harmlose Wand, darauf gekachelt handgemalte Fliesen, die Namen und kleine Blumenornamente tragen.
Foto: Martin Glauert
Eine scheinbar harmlose Wand, darauf gekachelt handgemalte Fliesen, die Namen und kleine Blumenornamente tragen.

Seit 120 Jahren ehrt der kleine Postman’s Park in London Menschen, die ihr Leben für andere hingegeben haben. Traurige, rührende Geschichten wahrer Heldinnen und Helden werden hier auf handgemalten Fliesen in knappster Form erzählt. Wann werden die Geschichten aus der Zeit der Corona-Epidemie folgen?

Das Coronavirus ist hochansteckend, die Erkrankung verläuft allzu oft tödlich. Damit möchte man lieber nichts zu tun haben. „Bloß weg!“, ruft der Fluchtinstinkt, wenn ein Kranker in der Nähe ist. Dennoch erscheinen Ärzte und Pfleger Tag für Tag pünktlich zur Schicht, behandeln und betreuen ihre Patienten im engen Kontakt.

In England war ihre Ausrüstung oft mangelhaft, die Mitarbeiter zogen sich zeitweise sogar Müllbeutel über, weil Schutzanzüge fehlten. Sie riskierten ihr Leben, um den ihnen anvertrauten Menschen zu helfen. Und das Risiko ist brutal konkret: Mehr als 180 Ärzte und Pfleger sind in England inzwischen gestorben, weil sie sich bei der Arbeit mit dem Virus infiziert haben. Sie werden von der Bevölkerung als Helden verehrt, in den Fenstern wird abends geklatscht, an Stränden werden bemalte Steine mit Dankesbotschaften abgelegt, sogar der Graffitikünstler Banksy hat ein Bild für sie gemalt. „Mein Leben gebe ich für deins“ – das Thema ist unerwartet aktuell, aber es ist nicht neu.

Mitten im hektischen Zentrum Londons, umgeben von Banken und Büros, liegt ein kleiner Park, fast nur ein Garten. Zwischen Bäumen und Blumenbeeten verbringen die Angestellten der umliegenden Geschäfte ihre Mittagspause im „Postman’s Park“. Einige der Holzbänke sind überdacht, die Wand dahinter ist gekachelt mit lauter handgemalten Fliesen, die Namen und kleine Blumenornamente tragen. Auf den ersten Blick wirken sie nur wie eine niedliche Dekoration, schaut man jedoch genauer hin, liest man so seltsame Sätze wie: „Ellen Donovan aus Lincoln Court, Great Wild Street, rannte in ein brennendes Haus, um die Kinder des Nachbarn zu retten, und kam in den Flammen um. 28. Juli 1873.“ Tatsächlich verbergen sich hinter all den kleinen Tafeln lauter dramatische Schicksale und Geschichten auf Leben und Tod.

Mitten im hektischen Zentrum Londons, umgeben von Banken und Büros, liegt ein kleiner Park, fast nur ein Garten.
Foto: Martin Glauert
 

Dieses „Denkmal heldenhafter Selbstopferung“ erinnert an 62 Menschen, die bei dem Versuch, andere aus Lebensgefahr zu retten, selbst ihr Leben riskierten – und verloren. Die Initiative dazu stammt von dem Künstler George Frederic Watts, der zu seiner Zeit als der größte Maler des viktorianischen Zeitalters galt, als der „Michelangelo Englands“.

Wurden normalerweise Helden nur im militärischen Zusammenhang genannt, lag es Watts am Herzen, die Helden des Alltags zu entdecken und zu würdigen. Nach 30-jähriger Planung wurde das Denkmal schließlich im Jahr 1900 enthüllt. Auf den kleinen Fliesen wird jeweils ein Name genannt, ein Datum, dann ein kurzer Satz, der das dramatische Ereignis zusammenfasst. „Joseph William Onslow, Leichtmatrose, ertrank in Wapping am 5. Mai 1885, als er versuchte, das Leben eines Jungen zu retten.“ Diese knappen Andeutungen machen neugierig, man ist verwundert und gefesselt, zu gerne würde man mehr über die Umstände erfahren.

 

Wie ein Schnappschuss mit Blitzlicht reißt der Rettungsversuch den Menschen aus seiner Normalität heraus, macht ihn zum Helden, verändert sein Leben – und beendet es leider auch. Melancholie schwingt in den Sätzen mit und macht nachdenklich. Wie schnell und unerwartet das Leben zu Ende gehen kann! Am Morgen des Tages hatte wohl keiner der Retter im Traum daran gedacht, den Abend nicht mehr zu erleben. Was bewegt Menschen dazu, ihr eigenes Leben zu riskieren und zu opfern, um andere zu retten?

Schwefel und Feuer

Am ehesten erwartet man das wohl in Berufen, die mit Gefahr verbunden sind, und bei professionellen Rettern. Ein Feuer löschen – das ist sprichwörtlich geworden für krisenhafte Problemlösung. Ganz banal und tödlich konkret konnte es in den dicht bebauten Vierteln Londons werden.

Kurz nach Mitternacht traf der Alarm ein. An diesem Tag, dem 7. Oktober 1871, war Joseph Ford in der Feuerwache Holborn eingeteilt. Sofort machte er sich zu Fuß mit der Fluchtausrüstung auf den Weg und traf als Erster an dem brennenden Haus ein. Aus einem Fenster im dritten Stock riefen Menschen um Hilfe. Ford lehnte seine Leiter an die Hauswand und stieg Sprosse um Sprosse hinauf.

Im Zimmer traf er auf den Besitzer und vier bejahrte Damen, die dort wohnten. Er legte sich die älteste über die Schulter und stieg vorsichtig tastend wieder die Leiter hinab. Die übrigen Personen waren in der Lage, die Notrutsche aus Segeltuch zu benutzen, eine nach der anderen konnte auf diesem Weg mit Fords Hilfe aus dem brennenden Haus entkommen.

Nach einer kurzen Atempause am Boden hörte man erneut Schreie aus dem dritten Stock. Obwohl bereits Flammen aus dem Fenster schlugen, stieg Joseph Ford noch einmal hinauf. Eine weitere Frau konnte er über die schon brennende Notrutsche dem Feuer entreißen. Dann geschah eine bange Zeit lang nichts, bis inmitten von Rauch und Flammen ein Körper aus dem Fenster stürzte und auf dem Pflaster aufprallte. Schrecklich verbrannt, das Gesicht nicht mehr erkennbar und mit einer schweren Wunde am Kopf, wurde der Feuerwehrmann ins Hospital geschafft, wo er trotz Branntweingabe noch am gleichen Tag verstarb.

Mache mich heil

„Zu Nutz und Frommen der Kranken“ zu handeln, verpflichtet der Hippokratische Eid jeden Arzt. Vom Doktor selbst und seiner Unversehrtheit ist nirgendwo die Rede. Zum gängigen Klischee gehört noch heute die Hilfsbereitschaft rund um die Uhr und ein selbstloses Dasein für die Patienten.

Die Inschrift klingt zunächst geheimnisvoll: „William Freer Lucas riskierte lieber Gift für sich selbst, als die Chance zu verringern, das Leben eines Kindes zu retten, und starb am 8. Oktober 1893.“ Erst Nachforschungen in den Archiven erhellen die Umstände des Falls: William Lucas hatte bereits als Student und Assistenzarzt beachtliche Erfolge und Auszeichnungen aufzuweisen, eine erfolgreiche medizinische Karriere zeichnete sich ab.

An einem Septemberabend 1893 wurde ein kleines Kind in das Middlesex Hospital in Fitzrovia eingeliefert, das an Diphtherie litt und eine rasch zunehmende Atemnot entwickelte. Nur eine notfallmäßige Spaltung der Luftröhre könnte das Kind retten. William Lucas war diensthabender Arzt und zögerte nicht, diese durchzuführen. Während man dem Kind eine Chloroformmaske zur Betäubung vor den Mund hielt, musste es husten und verspritzte dabei infektiösen Schleim über das ganze Gesicht des Arztes.

Da die Zeit drängte, entschied sich Lucas, die Operation fortzusetzen, statt sein Gesicht abzuwischen und zu desinfizieren. Nur wenige Tage später wurde deutlich, dass er sich bei diesem Eingriff selbst mit Diphtheriebakterien infiziert hatte. Die Krankheit breitete sich aus und befiel seine beiden Lungenflügel. Er wurde im eigenen Krankenhaus als Patient aufgenommen und verstarb trotz aller Bemühungen nur wenige Tage später. Ob das Kind die Krankheit überlebt hat, ist nicht überliefert.

Liebe Deinen Nächsten

Nähe entsteht, wenn man Schulter an Schulter arbeitet. Wo man schwere Arbeiten gemeinsam bewältigt, sich gegenseitig hilft und aufeinander verlassen kann. Der Arbeitstag dauerte damals länger als die Zeit, die für die Familie übrig blieb. Das schweißt zusammen.

Thomas Griffin war einfacher Arbeiter in einer Zuckerraffinerie. Am 12. April 1899 wurde er im Kesselraum eingesetzt, es schien ein Tag wie jeder andere zu werden. Plötzlich schüttelte sich eine Rohrleitung, eine Dampfwolke trat aus, es kam zu einer Explosion. Der Vorarbeiter konnte flüchten und rief seinen Arbeitern in dem ohrenbetäubenden Lärm noch zu, unter keinen Umständen den Raum zu betreten.

Griffin aber sah durch ein Fenster, dass ein Kollege noch im Raum war. „Mein Kumpel, mein Kumpel!“, schrie er, und bevor ihn jemand aufhalten konnte, verschwand der junge Mann im Kesselraum und zog den Bewusstlosen heraus. Dabei erlitt er so schwere Verbrennungen am ganzen Körper, dass er noch am gleichen Tag starb. Griffin war kein Theologe, aber die knifflige Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ hat er kurz und knapp durch seine Tat beantwortet: mein Nebenmann, „mein Kumpel“.

Meines Bruders Hüter

Am tiefsten berührt ist man, wenn Kinder zu Tode kommen. Und das war gar nicht so selten in der Arbeiterschicht Londons. Während die Eltern ihren Lebensunterhalt tagsüber in Fabriken oder als Dienstmädchen verdienen mussten, waren die Kinder lange sich selbst überlassen, das älteste Kind sollte dann auf die kleineren Geschwister aufpassen. Was bis heute keiner gerne tut, „die Kleinen“ nerven und stören einfach.

 

Solomon Galaman, der elfjährige Sohn russischer Einwanderer, verließ am 6. September 1901 sein Elternhaus, um mit seinem vier Jahre alten Bruder die Großmutter zu besuchen. Dazu mussten sie die belebte Commercial Road überqueren, schon damals die Hauptverkehrsader des East End. Dabei rutschte der kleine Bruder aus und fiel hin. Ein Pferdefuhrwerk näherte sich bedrohlich schnell, Solomon rannte auf die Straße und es gelang ihm in letzter Sekunde, den jüngeren Bruder aus dem Weg zu zerren. Er selbst aber wurde vom Fuhrwerk erfasst, kam unter die Räder und erlitt schreckliche Verletzungen.

Im Hospital sahen die Ärzte auf den ersten Blick, dass sie nichts mehr für das Kind tun konnten. Als seine Mutter sich über ihn beugte, schlug er die Augen auf und flüsterte: „Mutter, ich sterbe. Haben sie meinen kleinen Bruder nach Hause gebracht? Ich habe ihn gerettet, aber ich konnte mich nicht selbst retten.“ Danach sank er zurück ins Kissen und starb.

Die Brüder Frank und Harry Sisley waren offenbar bessergestellt, zumindest wohnten sie in angenehmerer Umgebung. Sie vergnügten sich mit zwei Schulfreunden an den Teichen oberhalb der Stadt und paddelten auf einem selbstgebastelten Floß. Frank entdeckte etwas Spannendes im Wasser, lehnte sich darüber, verlor das Gleichgewicht und fiel hinein. Panisch schrie er um Hilfe, denn er konnte nicht schwimmen. Sein Bruder Harry sprang ins Wasser, schwamm zu ihm hin und umarmte ihn fest, als wolle er ihn so beschützen und retten. Stattdessen versanken beide im Wasser und ertranken.

Dass aus einer verzweifelten, liebevollen Umarmung ein tödliches Unheil resultiert, erscheint besonders tragisch. Auf ihrem Grabstein steht Psalm 90.6 eingraviert: „Sie sind wie ein Gras, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.“

Ich war ein Fremder

Etwas irritiert liest man auf einer Fliese, dass John Cranmer aus Cambridge, 23 Jahre alt, Angestellter der Londoner Stadtverwaltung, nahe Ostende ertrank, „während er das Leben eines Fremden und Ausländers rettete“. Ist das die neu erzählte Geschichte vom Barmherzigen Samariter?

Man kann sich gut vorstellen, wie fröhlich und ausgelassen die vier Geschwister waren, als sie mit dem Dampfer in Ostende eintrafen. Ein Urlaub im Ausland ohne lästige Eltern – Traum jedes Jugendlichen! Sieben Tage am Strand chillen, in den Cafés und Restaurants abhängen, Spaß haben ohne Aufsicht und Fürsorge – die Aussichten waren glänzend. Zudem hatte John in elf Tagen Geburtstag, da wollte man es krachen lassen. Schon einen Tag nach ihrer Ankunft aber verwandelte sich die Vorfreude in Verzweiflung.

 

Der 8. August war ein warmer und sonniger Tag, man ging schon früh zum Strand, um das schöne Wetter zu genießen. Plötzlich hörten die Vier Hilferufe und erblickten einen Mann und eine Frau, die von der Strömung ins Meer gezogen wurden. John sprang auf, lief ins Wasser und schwamm auf das Paar zu. Er erreichte sie und konnte sie so lange über Wasser halten, bis ein Rettungsboot eintraf und die beiden aufnahm. John aber blieb in den Wellen verschwunden. Später am gleichen Tag wurde sein lebloser Körper am Strand gefunden. Nur drei Geschwister fuhren nach Hause zurück. John wurde in Ostende begraben, auf einer Plakette am Grab steht: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“

Heutzutage erscheint uns der Ausdruck „Fremder und Ausländer“ seltsam und abwertend. Tatsächlich war George Frederic Watts als Kind seiner Zeit ein überzeugter Patriot und wollte ausdrücklich betonen, dass alltägliches Heldentum typisch britisch war. „Der Charakter einer Nation als eines Volkes großer Taten“ sollte durch das Denkmal der Welt vor Augen geführt werden.

Frauen zuletzt

Helden – das sind breitschultrige Männer, die kämpfen und siegen. In der Not erweisen sie sich als Gentlemen, treten einen Schritt zurück, dann heißt es: „Kinder und Frauen zuerst!“ Das läuft allerdings nicht immer so.

Am 30. März 1899, einem Gründonnerstag, verließ das Dampfboot „Stella“ Southampton, Ziel war die hübsche Kanalinsel Guernsey. Mary Rogers war als Stewardess eingeteilt, vielleicht, weil sie gewisse Erfahrung mit der See hatte. Schließlich war ihr Ehemann im englischen Kanal ertrunken, als sie gerade mit dem zweiten Kind schwanger war. Die 190 Passagiere genossen den Osterausflug und entspannten sich in ihren Kabinen oder an Deck. Am Nachmittag aber kam Nebel auf. Als die Nebelhörner ertönten, war es bereits zu spät, das Schiff fuhr direkt in die berüchtigten Klippen hinein. Der Kiel wurde aufgerissen, das Schiff legte sich auf die Seite und begann rasch zu sinken. Rettungsboote wurden herabgelassen.

Die „Stella“ sank innerhalb von acht Minuten. In der kurzen Zeit konnten nicht alle Passagiere eine Schwimmweste erhalten. Verzweiflung und Panik machten sich breit. Eine überlebende Zeugin berichtete: „Frau Rogers begleitete alle Ladies mit Geistesgegenwart und Ruhe von ihren Kabinen zu den Rettungsbooten, legte ihnen Schwimmwesten an und half ihnen in die Boote. Als sie eine andere junge Lady ohne Schwimmweste sah, nahm sie ihre eigene ab und legte sie der jungen Dame um und führte sie zu dem Boot, das sich rasch füllte. Die Matrosen riefen: ‚Springen Sie herein, Frau Rogers, springen Sie herein!‘, zumal das Wasser bereits die Bootskante erreicht hatte. ‚Nein, nein‘, antwortete sie, ‚wenn ich auch noch einsteige, wird das Boot sinken. Goodbye, Goodbye‘. Und dann seufzte sie mit erhobenen Händen: ‚Herr, rette mich‘, und ging direkt danach mit dem Schiff unter.“ Sicherlich liegt eine Menge theatralischer Beschreibung in diesem Bericht, aber die Tatsache, dass Mary Rogers anderen den Vortritt ließ in dem Bewusstsein, selbst zu versinken, ist beeindruckend.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Aber nicht jeder hört es. Und manche hören lieber gar nicht erst hin. Wenn die Verzweiflung übergroß wird und nur noch das Ertrinken droht, braucht es den Einsatz eines Lebens, um ein anderes zu retten.

Am 20. Mai 1878, einem Montag, lief der Maurer Richard Farris mit seinem Kollegen Thomas Hudson abends um zehn Uhr auf dem Heimweg durch Peckham an einem Kanal entlang. Auf einer Brücke bemerkten sie eine junge Frau, die „in großer emotionaler Not erschien, ihre Ellbogen lagen auf der Brüstung, ihr Gesicht bedeckte sie mit den Händen.“ Hudson beschloss, auf einen Drink in die Kneipe zu gehen, Farris aber blieb lieber noch draußen und beobachtete die Frau.

Als sie sich von der Brücke warf, sprang Farris ohne Zögern hinterher. Die 20-jährige Charlotte klammerte ihre Arme um Farris’ Nacken und schrie, auf Passanten machte es den Eindruck, als ob die beiden Gestalten im Wasser kämpften. Hilfe kam herbei, doch bevor man ein Seil hinabwerfen konnte, waren beide schon auf den Grund des Kanals gesunken. Mehrere Polizisten erschienen und suchten mit Stangen nach den Körpern. Nach zwanzig Minuten wurde die Frau gefunden und ins Krankenhaus gebracht, doch alle Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos. Farris’ Leichnam tauchte kurz danach auf.

Der Wert des Lebens

So sinnlos erscheint sein zusätzlicher Tod! Nahezu makaber mutet es an, dass ein Mensch sein Leben verliert bei dem Versuch, einen anderen gegen dessen Willen an der Selbsttötung zu hindern, und das noch erfolglos. Aber auch bei der Betrachtung der übrigen Ereignisse, die in dem Denkmal aufgeführt werden, steigen nach anfänglicher Bewunderung und Ehrfurcht unwillkürlich ketzerische Fragen auf: Hat sich das gelohnt? Wenn der tapfere Feuerwehrmann sein Leben verliert, dabei aber sechs andere Menschen rettet, mag allein die Arithmetik einen gewissen Sinn und Trost stiften. Doch in den anderen Fällen ist das schon schwieriger zu beantworten. Welches Leben ist mehr wert, das des Retters oder des Geretteten? Sind Kinder wertvoller, weil sie ihr Leben noch vor sich haben? Ist der selbstlose Einsatz für Verletzte und Patienten fraglos und selbstverständlich? Sind Frauen schützenswerter als Männer?

Die Menschen, die in einer akuten Notlage zu Rettern werden, stellen sich diese Frage nicht. Sie wägen nicht ab, sondern handeln spontan und aus innerem Antrieb. Offensichtlich ist dem Menschen eine instinktive Hilfsbereitschaft eingegeben. In allen Religionen finden wir entsprechende Aufforderungen. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es im 3. Buch Mose. „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“, schreibt der Evangelist Johannes. „Rettest du nur ein Leben, so rettest du die Welt!“, weiß der Talmud. Aber keiner sagt, wie weit das gehen soll, wie weit das gehen darf. Schließlich ist auch das Leben des Retters ein schützenswertes Gut.

Gesellschaftlich ist der Einsatz für Andere unter eigener Gefahr von jeher anerkannt. In England wurde 1776 die Royal Humane Society gegründet, die Auszeichnungen an Personen vergab, die andere vor dem Ertrinken gerettet hatten. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stiftete 1802 eine Erinnerungsmedaille für Lebensretter. Heute sind professionelle Rettungsdienste so engmaschig installiert, dass eigenes riskantes Eingreifen selten nötig ist. Auch der Zeitgeist scheint sich zu ändern. Während im viktorianischen England ein „Denkmal heldenhafter Selbstopferung“ errichtet wurde, wird uns heute auf der Website www.psychotipps.com erklärt, dass „Selbstaufopferung schadet“, und auf www.seelenrave.de können wir die Lektion „Bye-Bye Selbstaufopferung, hello Selbstliebe“ lernen.

 

Auf den Bänken im Postman’s Park ruhen sich die Arbeiter von der Baustelle nebenan aus, einige halten ein Nickerchen, andere schauen in ihre Handys. Keiner beachtet die Kacheln hinter sich, ahnt etwas von den Schicksalen und den dramatischen Szenen, die sich damals abgespielt haben. Die letzte Fliese stammt vom 7. Juni 2007, daneben sind noch einige leere Plätze frei. Vielleicht wäre das ja der ideale Platz für einen Corona-Helden unserer Tage!

 

Information

Postman’s Park, King Edward Street, London EC1A. Buslinie 100 /U-Bahn Station: St Pauls.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 8.00 bis 19.00 Uhr oder bis zum Einbruch der Dunkelheit.

 

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