Sein eigener Reim

Die nun vorliegende Dogmengeschichte des Wolfgang Ullmann ist nicht nur originell
Wolfgang Ullmann (1929 – 2004).
Foto: epd/Andreas Schoelzel
Wolfgang Ullmann (1929 – 2004).

Ein Opus magnum der ganz besonderen Art: 16 Jahre nach seinem Tod ist die der religionsfeindlichen DDR-Diktatur abgetrotzte Dogmengeschichte des Theologen und Politikers Wolfgang Ullmann nun endlich als halbes Fragment verfügbar. Über diesen „nach-harnackschen“ Entwurf kann Christoph Markschies, Theologe und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nur staunen.

Wolfgang Ullmann kennen jedenfalls die, die die Jahre der politischen Umbrüche Ende der 1980er-Jahre und nach der deutschen Wiedervereinigung bewusst erlebt haben, als engagierten Kämpfer aus der Friedens- und Bürgerbewegung der alten DDR. Man erinnert sich vielleicht an ihn aufgrund seines Einsatzes für eine neue Verfassung im wiedervereinigten Deutschland und wegen einzelner Auftritte am Runden Tisch, in der frei gewählten Volkskammer, im Bundestag und schließlich im Europaparlament. Bevor Ullmann sich aber so in der Politik engagierte, wirkte er seit 1954 als Pfarrer in Sachsen und ab 1964 als Dozent für Kirchengeschichte an zwei kirchlichen Hochschulen der alten DDR, die bis zur Friedlichen Revolution nicht so heißen durften: bis 1978 am Katechetischen Oberseminar in Naumburg, danach am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin.

Am Sprachenkonvikt war er gerade wegen seiner sehr originellen Ideen und seines sehr freundlichen Diskussionsstils ein beliebter akademischer Lehrer, der auch von Studierenden außerhalb seines engeren Schülerkreises geschätzt wurde. Wie einige der Studenten und Dozenten des Sprachenkonvikts – Thomas Krüger, Markus Meckel oder Richard Schröder wären zu nennen – übernahm Ullmann im Zuge der Umwälzungen 1989 politische Verantwortung, verließ seine kirchlichen wie akademischen Ämter und gehörte zu den evangelischen Theologen, die den Prozess des Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten mehr oder weniger nachhaltig gestalteten. Stephan Steinlein, seit 2017 Chef des Bundespräsidialamtes und Doktorand von Ullmann, ist einer der letzten dieser Gruppe, die noch in herausgehobener politischer Verantwortung stehen.

Zu Lebzeiten sind von dem Kirchenhistoriker Ullmann aufgrund der bekannten Einschränkungen für Publikationen von Dozierenden kirchlicher Hochschulen der alten DDR nur wenige Fachaufsätze und Rezensionen publiziert worden. Im seinem Nachlass befinden sich aber einige umfangreiche unpublizierte Manuskripte, die meist im Zusammenhang mit Vorlesungen und anderen Lehrveranstaltungen entstanden sind. Die gewichtigste Veröffentlichung aus diesem Material ist gerade erschienen – eine Geschichte von Dogma und Bekenntnis der Kirche in drei Bänden mit über 1 500 Seiten mit dem griechisch-deutschen, vom Herausgeber formulierten Haupttitel „Εἷς ὁ Θεός. Der Eine Gott“. Ullmann hatte die Arbeit an diesem monumentalen Werk in den 1980er-Jahren begonnen und wollte nach dem Ende seiner Tätigkeiten als Abgeordneter 1999 wieder zur Arbeit am Manuskript zurückkehren.

Als er 2004 starb, war das Manuskript nach wie vor unvollendet; es wurde jetzt in diesem fragmentarischen Zustand gedruckt. Allerdings hat der Herausgeber (sein Sohn, der Musikwissenschaftler Jakob Ullmann) immer wieder erläuternde Anmerkungen, längere Passagen mit Quellentexten sowie Übersetzungen griechischer und lateinischer Texte beigefügt.

Modenresistent

Um das vorliegende dreibändige Werk verstehen zu können, muss man sich seine Entstehungskontexte in der alten DDR klarmachen: In der Dogmengeschichte von Ullmann fehlen die meisten der viel diskutierten Literaturtitel aus den Debatten, die seit meiner Studienzeit die westdeutsche und internationale Diskussion prägten. Dagegen ist der Forschungsstand seiner eigenen Studienzeit 1948 bis 1954 an der (West-)Berliner Kirchlichen Hochschule und in Göttingen sehr deutlich präsent. Dieses Ungleichgewicht liegt aber nur zum Teil an der Tatsache, dass der Autor seit dem Mauerbau neuere Sekundärliteratur nur eingeschränkt zur Kenntnis nehmen konnte, denn das Sprachenkonvikt besaß die mit Abstand beste theologische Bibliothek der DDR.

Ullmann war im umfassenden Sinne des Wortes modenresistent und machte sich seinen ganz eigenen Reim auf das, was er las (und er las sehr viel). Man tut ihm sicher kein Unrecht, wenn man ihn als ebenso originellen wie aphoristischen Denker charakterisiert, der es vor allem liebte, unbekannte Positionen oder Personen in die Debatte einzuführen, die seiner Ansicht nach zu Unrecht vernachlässigt waren. Außerdem wollte Ullmann nicht nur eine Dogmengeschichte für Studierende schreiben, sondern angesichts des Fehlens von Überblicks- und Lehrbüchern auf diesem Gebiet etwas vorlegen, was auch von Pfarrern und interessierten Gemeindegliedern gelesen werden konnte. Die Entstehungsgeschichte der drei Bände erklärt aber auch, dass die Darstellung auf einen Kollegen vom Fache gelegentlich sehr breit wirkt, und er die meiste neuere Sekundärliteratur in den Fußnoten schmerzlich vermisst sowie deren Berücksichtigung im Gang der Argumentation. Stattdessen liest man nahezu auf jeder Seite originelle Beobachtungen eines Gelehrten, der sich lange mit den Quellen beschäftigt hat, die er analysiert, und der seinem eigenen Urteil mehr vertraut als dem seiner Fachkollegen aus Vergangenheit und Gegenwart.

Die Dogmengeschichte von Ullmann ist unvollendet. Trotzdem wird klar, dass hier ein Kirchen- und Theologiehistoriker des zwanzigsten Jahrhunderts nichts weniger versucht hat als einen Gegenentwurf zum monumentalen, ebenfalls dreibändigen Lehrbuch der Dogmengeschichte von Adolf Harnack. Im Gegensatz zu dessen These, dass in der europäischen Neuzeit das Dogma überall und auch im nachtridentinischen Katholizismus zurückgetreten sei (die Orthodoxie blendete der im Zarenreich geborene und akademisch sozialisierte Harnack bekanntlich aus), betont Ullmann die bleibende Bedeutung der die Christenheit verbindenden, ökumenischen Kraft des christlichen Bekenntnisses und damit des Dogmas. Diese herauszustellen, hat er bereits in seiner akademischen Abschiedsvorlesung am Sprachenkonvikt anlässlich des endgültigen Wechsels in die Politik 1990 als die eigentliche „nach-harnacksche Aufgabe“ charakterisiert. Insofern verschiebt sich der Akzent der Dogmen- und Theologiegeschichte auf eine Geschichte des Bekennens und der Bekenntnisse. Dabei machte Ullmann keinen Hehl daraus, dass sich seine Akzentuierung dieser Aufgabe Impulsen von Karl Barth verdankte.

So wie Barth in den 1920er-Jahren den Theologen Harnack überwunden glaubte, sah Ullmann in den 1980er-Jahren den Historiker Harnack in dessen Diagnose über das Ende des Dogmas bei den Kirchen der Reformation falsifiziert – durch die Synode von Barmen 1934 und die Anfänge des Ökumenischen Rats der Kirchen 1948 in Amsterdam. Ullmann wiederholte aber nicht einfach nur eine bestimmte, von Barth geprägte Optik auf die Theologiegeschichte, sondern verstand Dogma als kritische Kraft gegen säkularisierte Heilslehren und politische Pseudo-Apokalyptik. Gerade bei solchen Passagen merkt man, wie sehr die Erfahrungen des widerständigen Zeitgenossen Ullmann vor und nach 1989 seine Darstellung prägen und man es bei den drei Bänden auch mit dem Vermächtnis einer sehr spezifischen Persönlichkeit und ihrer Lebensgeschichte zu tun hat.

Allerdings ist die Dogmengeschichte von Ullmann doch nicht so stark nach Harnack positioniert, wie der Verfasser selbst glaubte, der die Entstehung altkirchlicher Dogmen gern stärker von biblischen Texten des Alten wie Neuen Testaments herleiten wollte als aus philosophischen Debattenlagen und Problemen: Er verbindet nämlich wie Harnack bereits das Format dogmatischer Sätze der antiken Christenheit mit philosophischen Lehrsätzen. Der charakteristische Unterschied zu Harnack besteht darin, dass Ullmann in diesen Sätzen auch noch in der Gegenwart „verifizierbare und entscheidbare Sätze“ sehen möchte. Die „wahre Geschichte des Dogma ist“ also bei ihm nicht wie bei Harnack (und schon bei David Friedrich Strauß, der diesen Satz bekanntlich geprägt hat) „seine Kritik“. Wolfgang Ullmann versteht unter der wahren Geschichte des Dogmas eine Auseinandersetzung mit seiner Wahrheit vor dem Hintergrund in christlicher Theologie positional gefasster Religion.

Diese Position beschreibt Ullmann als eine „Lehre vom Wort Gottes“, was besagen soll, dass „Jesus Christus als das eine Wort Gottes die einzige zugelassene Objektsprache über Gott ist, zu der alles andere Reden von der Bibel metasprachlichen Charakter hat“. Dieser Gedanke wird im weiteren Verlauf antitotalitär gewendet: Die Herrschaft Jesu Christi relativiert alle irdischen Macht- und Herrschaftsansprüche, seien sie wissenschaftstheoretischer, ökonomischer oder politischer Natur. Im Grunde ist aber bereits am Ende der Prolegomena klar, dass es sich um eine Dogmengeschichte handelt, die vor dem Hintergrund „der methodischen und historischen Implikationen des von Karl Barths Kirchlicher Dogmatik formulierten Programms einer Theologie“ argumentieren will. Allerdings ist auch deutlich, dass es sich hierbei um eine sehr eigenwillige, für die Herangehensweise des Autors allerdings charakteristische Rezeption von Barth handelt – Ullmann glaubte, das Programm der Kirchlichen Dogmatik sei „erstmalig präzise dargestellt worden“ von dem russischen Literaturwissenschaftler Sergej Sergejewitsch Averincev (1937–2004) in einem Lexikonartikel einer sowjetischen marxistischen Enzyklopädie des Jahres 1970.

Die nunmehr nach so vielen Jahren veröffentlichte Dogmengeschichte beginnt nach den referierten ausführlichen Prolegomena mit einem langen Kapitel zum Apostolischen Glaubensbekenntnis. Der erste Band enthält noch einen Abschnitt „Das Dogma von Nicaea und das Bekenntnis von Konstantinopel“, der im zweiten Band fortgesetzt wird. Der dritte Band wird eröffnet mit einem Kapitel zu den mittelalterlichen Voraussetzungen der Reformation und behandelt dann die Bekenntnisse der Reformation, vor allem die Confessio Augustana und den Heidelberger Katechismus. Dieser Abschnitt schließt mit einem knappen Überblick über „innerevangelische Konkordien der Neuzeit“, der von den Abendmahlsgesprächen des sechzehnten Jahrhunderts nur das Marburger Religionsgespräch und die Wittenberger Konkordie erwähnt, um dann sofort ins zwanzigste Jahrhundert zum Arnoldshainer Abendmahlsgespräch, dessen unmittelbarer Vorgeschichte und zur Leuenberger Konkordie zu springen. Die wichtigen innerevangelischen Verständigungen innerhalb der alten DDR, die vor einiger Zeit noch einmal in einem eigenen Band nachgedruckt wurden, finden merkwürdigerweise keine Erwähnung. Die folgenden Kapitel zur Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen und zur Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen sind Fragment geblieben; der Herausgeber druckt allerdings Stichworte und einen Schlußabschnitt des ganzen Werkes ab. Hier wird neben der bereits angesprochenen grundlegenden Orientierung an einer Sicht der jüngeren Theologiegeschichte in der Tradition von Karl Barth deutlich, dass Ullmann offenbar das Judentum und jüdische Exegese wie Theologie anders und neu berücksichtigen wollte: Es fallen die Namen von Benno Jacob, Eugen Rosenstock-Huessy und Franz Rosenzweig, ohne dass man aus den knappen Notizen ersehen kann, wie genau sich Ullmann eine Neugestaltung christlicher Theologie in Auseinandersetzung mit diesen jüdischen Denkern vorstellte. Natürlich repristiniert das Werk nicht einfach eine nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Polemik gegen das, was man seinerzeit als „Vorkriegstheologie“ empfand; vor allem in den nachgelassenen Fragmenten und Skizzen zeigt sich Ullmann als Zeitgenosse von Debatten der letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Er repräsentiert hier eine gegenüber staatlichen Machtansprüchen und jeder Form von Staatskirchentum kritische, mit den Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die Bewegung des konziliaren Prozesses ernstnehmende Strömung von Kirche und Theologie der alten DDR.

Ein so umfangreiches Werk, wie es hier aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, kann man auf knappem Raum weder ausführlich darstellen noch kritisch besprechen; ich werde das im November-Heft der Theologischen Literaturzeitung tun. Zum Schluss daher lieber ein paar grundsätzliche Bemerkungen: Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung besteht die Gefahr, dass die Leistungen der theologischen Wissenschaft in der alten DDR längst vergessen sind oder eher marginalisiert werden. Das geschieht oft unwillkürlich, weil vielen Nachgeborenen gar nicht mehr bekannt ist, unter welch schwierigen Bedingungen vor allem (aber natürlich nicht nur) an den kirchlichen Hochschulen die Freiheit der Wissenschaft in einem totalitären Staat hochgehalten wurde und wie viel nach wie vor Beachtliches geforscht sowie tapfer gelehrt wurde. Viele wissen nicht einmal mehr, dass es ein „Sprachenkonvikt“ gegeben hat und welche herausragenden Wissenschaftler dort lehrten. Wenn das Urteil der Nachgeborenen über die alte DDR gerechter ausfällt und nicht durch Stereotypen oder Unkenntnis geprägt wird, hätte Ullmann das gefallen: Er hat sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit gegenüber Lebenden und Toten eingesetzt.

Ein Solitär

Nun wird man Wolfgang Ullmann mit seinen ebenso originellen und vom Forschungskonsens abweichenden Einfällen wie seiner aphoristischen Form ihrer Darstellung aber nicht als repräsentativ für das Sprachenkonvikt nehmen dürfen; er blieb dort aus vielerlei Gründen ein Solitär, der viele anregte, aber viele auch zum Widerspruch provozierte. Natürlich kann man fragen, ob sich angesichts solcher bewusster Widerständigkeit eines Autors gegenüber zeitgenössischen Forschungskonsensen der Abdruck eines unvollendeten Lehrbuchs lohnt, dessen Bearbeitung im Grunde vor dreißig Jahren abgebrochen wurde. Da es nun mit großem Fleiß und Zuschüssen mehrerer evangelischer Kirchen zum Druck befördert wurde, hilft es dabei, sich an eine ebenso charakteristische wie eigenständige Stimme der Theologie eines untergegangenen Staates zu erinnern. Fachleute können sich durch die aphoristischen Querdenkereien davor bewahren lassen, sich allzu behaglich in den Forschungskonsensen unserer Tage einzurichten. Wer nicht vom Fache ist, sollte aber – das muss man leider so deutlich sagen – nicht versuchen, sich anhand dieser drei Bände die Bekenntnisgeschichte des Christentums zu erarbeiten. Es handelt sich in vielfacher Hinsicht um ein Werk für Fortgeschrittene.

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