Telefonbank, Fahrstuhl, Autokino

Notizen zur Vielfalt gottesdienstlichen Lebens in der Corona-Krise
Himmelfahrtserlebnis im Marburger Oberstadtaufzug.
Foto: Katharina Scholl
Himmelfahrtserlebnis im Marburger Oberstadtaufzug.

Gottesdienste in den Kirchen waren über viele Wochen hinweg nicht möglich. Dennoch gab es eine lebendige kirchliche Praxis, zum Teil an ungewohnten Orten. Katharina Scholl, Pfarrerin in Marburg, beschreibt ihre Erfahrungen während des Lockdowns und fragt, was daraus für die zukünftige Arbeit gelernt werden kann.

Vielstimmig wird gegenwärtig moniert, dass die Kirchen sich in den vergangenen Monaten zu defensiv aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und so ihre Systemrelevanz aufs Spiel gesetzt hätten. Dabei wird oft der Verzicht auf den Sonntagsgottesdienst kritisiert. Aber es scheint doch fraglich, ob es denn tatsächlich der Gottesdienst im Kirchenraum ist, welcher der besondere Garant der öffentlichen Dimension von Kirche ist. Zwar waren die Sonntagsgottesdienste eine Zeit lang von der Bildfläche verschwunden, öffentliches kirchliches Handeln hat es indes in vielen Varianten zu jedem Zeitpunkt gegeben. Der Lockdown hat ungeahnte kreative und experimentelle Kräfte in der Kirche freigesetzt. In diesem Sinne hat auch Kerstin Menzel in der Juliausgabe von zeitzeichen die Formulierung von „öffentlichen Gottesdiensten, die endlich wieder stattfinden können“ problematisiert und deutlich gemacht, dass öffentlicher Gottesdienst die ganze Zeit über in zahlreichen Formaten stattgefunden habe. Wer meint, erst seit Mai gäbe es wieder öffentliche Gottesdienste, der nähme die eigene kirchliche Praxis während des Lockdowns nicht ernst.

Diesen Faden möchte ich aufnehmen, darstellen, was sich während des Lockdowns in meiner individuellen pastoralen Praxis an Neuem entwickelt und gezeigt hat, und fragen, was daraus zu lernen ist.

Noch vor der Pandemie wäre mir wohl eine gemeinsame Gottesdienstfeier via Konferenzschaltung am Telefon einigermaßen abseitig vorgekommen. Aber im April war es notwendig, ein Angebot zu formatieren für Menschen, die von digitalen Angeboten nicht erreicht werden. Direkt nach dem Lockdown saß ich also am Sonntagmorgen in meiner Wohnung, unser Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum in seiner Wohnung an der Truhenorgel und die anderen Feiernden in ihren Häusern. Einige meiner Freunde hatten Scherze darüber gemacht, dass ich mir als erstes Möbelstück für die Dienstwohnung ein schnörkeliges grünes Telefonbänkchen zugelegt hatte. Aber jetzt hatte ich wenigstens eine „Kanzel“. Etwa zwanzig Minuten dauerten diese Feiern. Bemerkenswert erscheint mir, was mit der religiösen Rede geschieht, wenn sie die Gestalt eines Telefonates annimmt. Die religiöse Rede bekam in dieser Situation etwas sehr Unmittelbares, fast Intimes. Mit dem Telefonhörer in der Hand habe ich nochmal ganz neu verstanden, was Ernst Lange meint, wenn er schreibt: „Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben.“ Darüber hinaus berührten mich die Minuten vor Beginn des Telefongottesdienstes. Wie kleine Gespräche an der Kirchentür war das, als die Menschen sich einwählten. Immer wieder hörte man neue Stimmen: „Hallo, hier ist Frau Müller aus der Sybelstraße, ich hoffe, es geht Ihnen gut!“ Diese Kontaktaufnahme war für die Feiernden ganz zentral. Es ging darum, eine gewisse Kontinuität für die hochverbundenen Gemeindeglieder zu erhalten, in vertrauter Verbindung zu bleiben in einer zutiefst unvertrauten Situation. Es ist diese Dimension der Verlässlichkeit kirchlichen Handelns, die insbesondere der Sonntagsgottesdienst in der Kirche leistet und die auch ein besonderer Akzent des Telefongottesdienstes ist.

Aber auch im Hinblick auf die Präsenz kirchlichen Handelns im städtischen Sozialraum hat der Lockdown Experimente in der pastoralen Arbeit angeregt. Mit meiner Kollegin Anna Scholz habe ich den Marburger Oberstadtaufzug in ein Himmelfahrterlebnis verwandelt. Passanten, die nichtsahnend am Himmelfahrtstag in den Aufzug stiegen, fanden sich plötzlich inmitten von Himmelblau und Wolken wieder. Sie sahen sich selbst im Spiegel, golden umrahmt und mit einem Schriftzug „Du bist himmlisch“ über dem Kopf. Daneben ein Gruß der Evangelischen Kirche Marburg und die Einladung, ein Selfie im himmlischen Rahmen bei Instagram zu posten. Ziel der Aktion war es, Menschen mit dem Himmelfahrtfest in Berührung zu bringen, die wenig oder keine Berührungspunkte mit Kirche haben. Die lebensweltliche Praxis von Spiegelselfies im Fahrstuhl wurde zusammengebracht mit einer niederschwelligen und voraussetzungslosen Form der Himmelfahrtsbotschaft. Für einen Moment lang konnten Menschen sich selbst im Licht des Evangeliums betrachten, und es war schön, mit etwas Distanz heimlich eine Zeit lang zu beobachten, wie die Menschen lächelnd den Fahrstuhl verließen.

Ohne pastorale Deutung

Es ist nicht zu erwarten, dass diese Menschen demnächst sonntags im Gottesdienst auftauchen, aber für den Moment gab es da eine Kontaktfläche, die in freier Aneignung zur Interaktion einlud, ohne weitere Konsequenzen zu fordern. Die Frage, ob es uns zukünftig gelingt, selbstverständlich unterschiedliche Modi und Intensitäten von Kirchenbindung zu akzeptieren und diese gleichwertig zu behandeln, ohne immer ein Mehr an Bindung als geheimes Ziel zu intendieren, wird nach meiner Einschätzung für die Frage nach der öffentlichen Relevanz von Kirche eine weiterhin zunehmende Rolle spielen. Bemerkenswert war an dem Himmelfahrtsexperiment darüber hinaus, dass eine kleine religiös grundierte Interaktionsform entstand, die nahezu ohne pastorale Deutung auskam. Die Menschen wurden nicht durch uns belehrt über das Himmelfahrtsfest. Unsere pastorale Rolle bestand darin, einen Erlebnisrahmen zu inszenieren, innerhalb dessen die Menschen autonom und spontan agieren konnten. Im Rahmen einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) könnten solche Inszenierungen angemessene Formen eines weit verstandenen Priestertums aller Gläubigen sein.

Einige Tage später flimmerte ich dann mit Anna Scholz über die Kinoleinwand. Pfingstmontag feierten wir einen ökumenischen Gottesdienst im Marburger Autokino. Eindrücklich war dabei die große Zahl der Menschen, die gekommen waren. Sechshundert Menschen wollten miteinander auf diese besondere Weise Gottesdienst feiern. Die Sehnsucht nach einem außeralltäglichen Erlebnis schien groß geworden zu sein, nachdem schon einige Wochen des Lockdowns vergangen waren. Vielleicht mag aber auch die geschützte Situation im eigenen Auto attraktiv gewesen sein. Wenn ich einen Kirchenraum am Sonntagmorgen betrete, merkt jeder, dass ich da bin. Beim Autogottesdienst konnte jeder ganz unauffällig dabei sein. Auch das Singuläre des Ereignisses dürfte anziehend gewesen sein, gerade für die Menschen, die sich nicht vorstellen können, jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen, aber punktuell auf religiöse Themen ansprechbar sind.

Ein besonderer Moment für mich als Liturgin waren in diesem Gottesdienst die Fürbitten. Um die Autogottesdienst-Gemeinde nicht nur frontal zu beschallen, sondern in Interaktion treten zu lassen, hatten die Menschen die Möglichkeit, via Smartphone ihre Gebetsworte an die Kinoleinwand zu schreiben. Mit angehaltenem Atem stand ich vor der noch weißen Kinoleinwand. Es war ja nicht klar, ob die Menschen auch wirklich beginnen würden zu schreiben. Als sich dann erst zaghaft und dann immer mehr die ganze Leinwand mit Bitten und Sehnsüchten aus den Autos füllte, wurde mir einmal mehr bewusst, dass es im Gottesdienst nicht bloß um liturgische Ordnungen und Erwartbares, sondern auch und ganz zentral um das Unverfügbare geht. Jeder Gottesdienst braucht solche Momente des Nicht-Planbaren, der Spontanität, des Risikos.

Bemerkenswert im Hinblick auf kirchliche Arbeit war zudem, wie schnell es meiner Kollegin Anna Scholz gelang, eine respektable Summe an Spendengeldern für diesen kostspieligen Gottesdienst im Autokino zusammenzutragen und zwar vor allem von Menschen, die sonst wenig Berührungspunkte mit der Kirche haben. Einmal mehr hat sich hier die Wichtigkeit einer guten Vernetzung kirchlich Aktiver innerhalb der Zivilgesellschaft gezeigt. Das Wissen darum, dass viele Menschen bereit sind, kirchliche Arbeit zu unterstützen, wenn es um außergewöhnliche und überzeugende Formate geht, lässt hoffen, dass auch mit geringer werdenden Finanzmitteln zukünftig noch einiges möglich sein wird in der kirchlichen Arbeit.

Auch die ökumenische Kollaboration wird bei der Realisierung solcher größeren Projekte wichtig sein. Es war eindrücklich, in der Zusammenarbeit bei dem Autokinogottesdienst zu erleben, wie vital und konstruktiv gemeinsames ökumenisches Engagement ist, wenn es weniger um eine öffentliche Inszenierung konfessioneller Verständigung geht, die einen Großteil der Menschen kaum interessiert, als vielmehr gemeinschaftlich – trotz der Unmöglichkeit, sich zu versammeln – eine Kommunikation des Evangeliums zu ermöglichen.

Viele andere Beispiele von Kolleginnen und Kollegen für die große Varianz kirchlicher Arbeit während des Lockdowns ließen sich anschließen. Der entstandene Facettenreichtum zeigt, dass es durchaus öffentlichen Gottesdienst in mannigfaltigen Formen gegeben hat, auch als die Kirchen leer blieben am Sonntagmorgen. Deutlich wird, dass die Trennung zwischen dem Gottesdienst im Kirchenraum und anderen Formen kirchlichen Handelns in der Öffentlichkeit nicht überzeugend ist. Im Kern geht es um öffentliche Kommunikation des Evangeliums, die sowohl in einem Fahrstuhl möglich ist als auch in einem agendarischen Gottesdienst. Überall kann diese Kommuniktion auch misslingen, wenn Menschen nicht ins Spiel und in Berührung kommen mit dem, was sie unbedingt angeht.

Den Blick weiten

Der traditionelle Sonntagsgottesdienst wird zukünftig seine Relevanz behalten, weil er die verlässliche institutionelle Seite von Kirchlichkeit markiert und nach wie vor treue Kirchenmitglieder anzieht. Es gilt aber darüber hinaus, den Blick zu weiten für eine Vielzahl anderer Formen der Kommunikation des Evangeliums, die auch Menschen mit einer distanzierten, fluiden oder punktuellen Beziehung zur Kirche ansprechen.

Vor einigen Wochen haben die Gottesdienste in den Kirchenräumen wieder begonnen. Es sind tastende Versuche, bei denen die Fragilität der gesellschaftlichen Situation durch Desinfektionsmittelspender und Mund-Nasen-Schutz im Kirchenraum zur Darstellung kommt. Vielleicht hat Kirche noch nie so unmittelbar spüren können wie gegenwärtig, dass sie Zeitgenossin ist, da die ganze Verwundbarkeit der Lebenswelt sich unaufhaltsam in der Mitte ihrer liturgischen Feiern breitgemacht hat. Bei aller Anstrengung, welche die Wiederaufnahme von Präsenzgottesdiensten in Kirchenräumen gegenwärtig bedeutet, verbindet sich mit dieser neu vergegenwärtigten Zeitgenossinnenschaft auch eine Hoffnung. Ich hoffe sehr, dass wir die Orientierung an der aktuellen Lebenswelt und die damit verbundenen kreativen Impulse mitnehmen und fortentwickeln und so neue Wege erschließen, das Evangelium zu kommunizieren.

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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