Interdisziplinär

Mensch und Tier

Das Label „Öffentliche Theologie“ markiert einen hohen Anspruch. Soll doch nicht allein die gesellschaftliche Wirkung des Christentums untersucht werden, sondern die Theologie eine „dialogische Teilnahme am Nachdenken über die Identität und die Krisen, die Ziele und Aufgaben der Gesellschaft“ vollziehen. Hier, im nunmehr 38. Band der Reihe „Öffentliche Theologie“, wird es einleitend so postuliert. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier spielt sich in mannigfachen Räumen ab, vom Waldspaziergang über Zoo, Zirkus und Haushalt hin zu Massenstall und Schlachthof, Teller und Versuchslabor. „Machtasymmetrie“ und krasse Widersprüchlichkeiten – ein Fernsehbeitrag titelte vor einigen Monaten treffend: „Leckerli fürs Hündchen, Bolzenschuss fürs Kälbchen“ – fordern die „Öffentliche Theologie“ zum Offenbarungseid. Genügt es, verstreute Phänomene religiös zu interpretieren und dem ein wenig Christentumsapologetik beizumengen – oder übernimmt Kirche für den Umgang mit Mitgeschöpfen ein „Wächteramt“, das konfliktbereit normative Ansagen riskiert?

Das Bestreben perspektivischer Vielfalt und solider Faktenbasis zeichnet die 15 Beiträge im Ganzen aus. Mitherausgeber Niklas Peuckmann ließ sich in einer früheren Publikation mit der ideologisch entkrampfenden Forderung vernehmen, Tierethik solle den Anthropozentrismus nicht überwinden, sondern diesen verantwortlich gestalten, um in einer anthropozentrischen Welt Tierwohl überhaupt realisieren zu können. Die Frage nach verantwortlicher Anthropozentrik wird insgesamt eher zurückhaltend artikuliert. Und womöglich ist es kein Schaden, den Leser erst einmal phasenweise allein zu lassen mit der Überlegung, wie die anthropomorphisierende Verhätschelung bestimmter Haustiere mit der brutalen Ökonomisierung von Nutztieren gesellschaftlich korreliert, ob hier nicht lediglich Varianten derselben Missachtung der Tierwürde zu Gesicht kommen.

Fragen an die kirchliche Praxis ergeben sich mehrere: Genügt nachgiebiges Eingehen auf Erwartungen von Tierhaltern dem Selbstverständnis von Seelsorge und auch dem, was Kirche seufzenden und gequälten Mitkreaturen schuldet? Gilt es, „gut evangelisch“ nicht nur Menschen bedingungslos zu akzeptieren, sondern auch deren Erwartungen an den religiösen Anbieter? Entspricht es der biblisch begründeten Sicht auf Mitgeschöpfe eigener Würde und eigenen Rechts vor Gott, wie sie durch Yvonne Sophie Thöne exegetisch umrissen und durch Clemens Wustmans ethisch fundiert aufgegriffen wird, Tieren nach dem willkürherrschaftlichen Maßstab menschlicher „Familienzugehörigkeit“ statt totaler „Verwertung“ auch einmal liturgisch-rituelle Begleitung angedeihen zu lassen? Insbesondere der Beitrag des katholischen Moraltheologen Michael Rosenberger zur kirchlichen Tierbestattung rührt an die Grenzen legitimer Irenik.

Dabei ist die religions- und professionsübergreifende Diskursoffenheit des Bandes zu loben. Der muslimische Impuls von Asmaa El Maaroufi beeindruckt mit historisch-kritischem Herangehen und lässt auf die öffentliche Strahlkraft aufklärerischer Schriftauslegung hoffen. Die kritischen exegetischen Impulse zur Gerechtigkeit gegenüber dem „Vieh“ führt (bezeichnenderweise?) ein Nichttheologe, der Wiener Philosoph Martin Huth, für den Bereich der Veterinärmedizin am provokantesten – und in umsichtiger Fachkunde – weiter.

Aus dem Band in seiner methodischen und inhaltlichen Vielfalt lässt sich einiges lernen. Mehr noch ist er geeignet, eine Weiterarbeit anzuregen, die mehrere Aspekte weiter vertiefen und nachschärfen könnte. Und solche Anregung ist das Beste, das ein akademischer Sammelband leisten kann.

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